Warum dir die Vermögen der 12 Reichsten egal sein können
Kürzlich bin ich in der Nacht wachgelegen, da kamen mir diese Zahlen wieder in den Sinn. Zum WEF-Auftakt veröffentlichte sie die Organisation Oxfam:
Ich war schockiert. Aber nur kurz. Sich selbst zu beruhigen, ist gar nicht so schwer. Das merkte ich schnell. Denn der Aufschrei in Politik und Wirtschaft blieb aus.
Klar, es gibt zwar vereinzelte Stimmen, die schon länger auf diese Diskrepanz aufmerksam machen. Aber sie sind überschaubar, und, mal abgesehen von einigen Idealisten in der watson-Kommentarspalte, eher leise. Es kann also so schlimm nicht sein.
Und wenn ich es mir recht überlege: Logisch, wird nichts dagegen unternommen. Durch extremen Reichtum entstehen ja keine Probleme. Im Gegenteil: Wir profitieren alle! Trickle-Down-Effekt, you know: Reichtum wird mit der Zeit immer nach unten durchsickern. Das erklärten mir damals meine Uni-Professoren im Wirtschaftsstudium. Dann muss es ja stimmen.
Wo Umverteilung (nach unten, nicht nach oben) wider besseren Wissens angestrebt wird, ist es nur verständlich, wenn wahlweise mit der «Sozialismus»- oder der «Neid»-Keule draufgehauen wird. Es handelt sich meist eh um Ewig-Linke, die überall Ungerechtigkeiten wittern. Dass in den meisten Ländern und Umfragen eine Mehrheit für höhere Steuern für Superreiche wäre, ist nicht vielaussagend, das darfst du getrost vernachlässigen.
Und sowieso: Es kann ja nicht sein, dass wir jetzt hart arbeitenden Menschen ihr Geld wegnehmen! Und wofür? Damit danach der Staat, also wir alle, bestimmt, wo das Geld hin soll? Dabei beweisen doch Private ständig, dass sie besser wissen, wohin mit dem Geld.
Sind wir ehrlich: Wir alle wären doch gerne Milliardäre. Aber lasst uns nicht vom Neid leiten. Möglicherweise stehen wir morgens einfach zu spät auf. Oder strengen uns nicht genug an, übernehmen zu wenig Verantwortung. Selber schuld, wenn du nicht investierst, lass doch dein Geld für dich arbeiten. Duh.
Dabei spielt es auch überhaupt keine Rolle, dass die Reichsten meist unterdurchschnittlich viele Steuern zahlen. Musst du nicht wissen. Dass sich mit Geld über Politik und Medien Einfluss kaufen lässt, und dass damit die Demokratie zunehmend unter Druck gerät, sollte uns nicht beunruhigen. Unsere Demokratie ist lebhaft, sie hält das aus.
Was du auch nicht wissen musst: Menschen, die zum reichsten Prozent der Welt gehören, haben bereits in den ersten zehn Tagen des vergangenen Jahres so viel CO2 emittiert, wie jeder Mensch pro Jahr dürfte, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen wollten. Aber das erreichen wir ja eh nicht mehr. Und sowieso: Reichtum und Klima, das eine hat mit dem anderen doch nichts zu tun.
Und woher will Oxfam eigentlich so genau wissen, wie ungleich die Vermögen verteilt sind? Schliesslich kennen selbst offizielle Stellen diese Zahlen nicht im Detail.
Aber zurück zu all den Gutmenschen, die etwas gegen die «Milliardärsexzesse» tun wollen.
So naiv!
Jüngstes Beispiel: Kalifornien. Zum Glück hat es der linke Gouverneur Gavin Newsom aber gleich begriffen: Der Demokrat hat geschworen, gegen eine mögliche Vermögenssteuer, auch im Silicon Valley, anzukämpfen. Eine solche würde «Innovationen behindern». Nein, keine Angst, das ist kein weiteres Beispiel für die Erpressbarkeit der Politik durch das Geld, das ist einfach nur klug.
Die «New York Times» sagt zwar, dass es durchaus Wege gäbe, Milliardäre höher zu besteuern, das musst du dir aber nicht merken. Mit einer Wegzugsteuer, zum Beispiel, mit einfach designten Vermögenssteuern, oder mit einer Erhöhung der Erbschaftssteuer. Es gibt sogar Ökonomen, die meinen, eine global erhobene jährliche Abgabe von zwei Prozent für Milliardäre sei ein «no-brainer». Für solche wilden Ideen gäbe es sogar hohe Zustimmungswerte in der Gesellschaft. Aber eben, die Volksvertreter haben bestimmt andere Probleme als sich über sowas ihr brain zu zerbrechen.
Kaum zu glauben, aber wahr: Trotz der offensichtlichen Gründe, die gegen eine höhere Besteuerung sprechen, gibt es vereinzelt ein paar verwirrte Milliardäre, die eine solche sogar selbst fordern.
Wie kann man nur so blöd sein?
Am Rande des WEF meinte kein geringerer als Jensen Huang, CEO von Nvidia, dem wertvollsten Unternehmen der Welt, kürzlich: «Wir haben uns entschieden, im Silicon Valley zu leben. Welche Steuern sie auch immer erheben möchten, so sei es.»
Vermögen von Milliardären weltweit
in Milliarden US-Dollar
Apropos WEF: Das Forum hat gerade eine Umfrage unter seinen Teilnehmern veröffentlicht, die zeigt, dass sogar sie selbst die Ungleichheit langsam aber sicher als «grosses Risiko» betrachten: Sie schüre «andere globale Risiken, da der Sozialvertrag zwischen Bürgern und Regierung ins Wanken gerät», so der Bericht.
Soll das etwa heissen: Ja, es gibt ein Limit, wie viel Ungleichheit eine Gesellschaft aushält? Wo liegt es? Und wer unternimmt etwas dagegen? Was passiert, wenn nichts passiert?
Es sind Fragen, die uns, die dich, wie gesagt, nicht zu kümmern haben: Schliesslich kam die Elite von Politik und Wirtschaft in Davos schon in früheren Jahren zu dieser Einsicht. Aber es ist ja nicht so, als hätte sich das in konkrete Massnahmen gemünzt. Es scheint also alles kein drängendes Problem zu sein.
Ich bin dann auch wieder beruhigt eingeschlafen.
