Schweiz
Gesellschaft & Politik

Nationalrat soll Erklährung zu Verbrechen an Jenischen und Sinti abgeben

Members of a family of basket makers in front of their caravan. Undated picture made in the 1940s from Switzerland. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

Mitglieder einer jenischen Korbmacherfamilie, aufg ...
Foto einer jenischen Familie aus den 40er-Jahren. Aus den bereitliegenden Ästen wurden Körbe geflochten, viele Jenische verdienten ihr Geld mit traditionellen Handwerksberufen.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Wie die Schweiz Jenische und Sinti verfolgte

Am ersten Tag der Sondersession soll nach dem Bundesrat nun auch der Nationalrat die Verfolgung von Jenischen und Sinti in der Schweiz als Verbrechen gegen die Menschlichkeit benennen. So will es die Rechtskommission des Nationalrats. Auf wohlwollende Worte sollen nun Taten folgen, fordert Willi Wottreng von der Radgenossenschaft der Landstrasse.
27.04.2026, 08:2027.04.2026, 08:46

Gestützt auf ein Rechtsgutachten verkündete der Bundesrat im Februar letzten Jahres, dass die Verbrechen an Jenischen und Sinti in der Schweiz im Kontext des «Hilfswerk Kinder der Landstrasse» als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen sind. Nun soll am Montag auf Antrag der Rechtskommission des Nationalrats hin eine solche Erklärung ebenfalls im Parlament erfolgen.

«Auch staatliche Behörden haben Jenische bis in die 70er-Jahre planmässig und systematisch verfolgt. Das ist die ernüchternde und traurige Wahrheit», sagt SP-Nationalrat und Mitglied der Rechtskommission Ueli Schmezer gegenüber watson. «Wenn der Nationalrat als Vertretung der Bevölkerung dies anerkennt, setzt er ein starkes Zeichen.» Ein Zeichen, für das sich Schmezer am ersten Tag der Sondersession im Bundeshaus einsetzen werde, wie der ehemalige Journalist und SP-Politiker sagt. Darum geht es am Montag im Parlament:

Die systematische Verfolgung

Vor genau 100 Jahren, 1926, rief die Stiftung Pro Juventute ihr Programm «Kinder der Landstrasse» ins Leben. Im Zentrum des vermeintlichen Hilfswerks stand die Bekämpfung der kulturellen Lebensweise nomadisch lebender Bevölkerungsgruppen. Familien, welche sich nicht in einer Gemeinde niederliessen, wurden systematisch verfolgt und bekämpft. Dies betraf vor allem die nationale Minderheit der Jenischen und Sinti in der Schweiz.

Unter dem Vorwand der Kindesfürsorge wurden hunderten Familien die Söhne und Töchter entrissen und bei Privatpersonen oder in Heimen und psychiatrischen Anstalten fremdplatziert. Oft als günstige Arbeitskräfte eingesetzt, erfuhren viele der entwurzelten Kinder psychischen und physischen Missbrauch. Der Kontakt zu den Herkunftsfamilien wurde streng untersagt. Gelang es ihnen dennoch, mit Verwandten in Verbindung zu treten, wurden sie umplatziert, oft mehrere Male, wie Akten im Bundesarchiv belegen.

Der Autor und Journalist Willi Wottreng ist seit 2014 Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstrasse.
Der Autor und Journalist Willi Wottreng ist seit 2014 Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstrasse. Bildarchiv Radgenossenschaft

«Das ist immer präsent», sagt Willi Wottreng, Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstrasse, der Dachorganisation Jenischer und Sinti in der Schweiz, gegenüber watson. «Jeder Jenische, den Sie treffen, wird Ihnen eine Geschichte dazu erzählen – über die eigene Familie, die Grosseltern.»

Erst als der Beobachter im Jahr 1973 über «Kinder der Landstrasse» berichtete, wurde das Programm von Pro Juventute eingestellt, nachdem über 47 Jahre hinweg mehr als 600 Kinder ihren Eltern weggenommen worden waren. Nebst Pro Juventute beteiligten sich auch kirchliche Organisationen und staatliche Behörden an Fremdplatzierungen, sodass der Bundesrat von bis zu 2000 Opfern ausgeht.

Jenische und Sinti in der Schweiz
Jenische und Sinti sind eine anerkannte Minderheit in der Schweiz mit eigener kultureller Identität. Viele Jenische und Sinti lebten traditionell teilweise nomadisch, also mit einem mobilen Lebensstil, etwa als Händler oder Handwerker. Während manche auch heute noch auf die Reise gehen, lebt die Mehrheit von ihnen heute sesshaft. Aus diesem Grund fühlen sich viele vom Überbegriff Fahrende auch nicht repräsentiert und lehnen diesen ab. Bei Jenischen und Sinti handelt es sich um eine transnationale Bevölkerungsgruppe, die unter anderem auch in Frankreich, Deutschland und Österreich leben, wohnen und reisen. Heute sind sie in der Schweiz als nationale Minderheiten anerkannt. Dennoch bestehen weiterhin Herausforderungen, etwa beim Zugang zu Durchgangsplätzen und bei der gesellschaftlichen Anerkennung ihrer Kultur.

Ein Zeichen der Anerkennung

Während die offizielle Schweiz die Taten nun seit einem Jahr als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkennt, kämpfen jenische Verbände wie die Radgenossenschaft seit bald 50 Jahren um eine solche Einordnung, wie Wottreng sagt: «Bereits in den 80er-Jahren hat die Schriftstellerin Mariella Mehr verlangt, dass die Akten dazu nicht als Sozialakten zu bezeichnen sind, sondern als Dokumente eines Völkermords», ein Vorstoss, den die Radgenossenschaft unterstützte, so Wottreng, der früher ebenfalls als Journalist tätig war.

Ein erstes Signal des Gesamtbundesrates erfolgte erst Jahrzehnte später. Unter der Leitung von Simonetta Sommaruga sprach der Bundesrat 2013 eine Entschuldigung gegenüber allen Opfern von fürsorglichen Zwangsmassnahmen aus. Während in der Erklärung das Schicksal der Verdingkinder explizit erwähnt wird, findet sich kein Wort zu den spezifischen Verbrechen an Jenischen und Sinti.

Trotzdem nahmen viele Jenische die Meldung wohlwollend auf, erinnert sich Wottreng: «Man war dankbar über jede Regung aus der offiziellen Politik von der man den Eindruck erhielt; die beschäftigen sich wenigstens mit dem, was geschehen ist.» Er ergänzt jedoch: «Die Jenischen wurden systematisch verfolgt; das kam in dieser Entschuldigung nicht zum Ausdruck.»

Das Gutachten

Eine historische Studie auf Grundlage der Akten, die im Bundesarchiv unter Verschluss gehalten werden, zeigt die Dimension dieser Verfolgung. So soll sich insbesondere der damalige Abteilungsleiter und Initiator des Hilfswerks Alfred Siegfried aktiv auf die Suche nach nomadisch lebenden Familien begeben haben. In der Studie heisst es dazu: «Wo er etwas erfuhr, schaltete er sofort die Behörden und Polizeistationen ein, um von diesen mehr Informationen zu erhalten oder um sie zum Handeln zu bewegen.»

Er erstellte Register und Stammbäume, damit einher ging eine Stigmatisierung der Gruppen als «kriminell, arbeitsscheu und verwahrlost», wie die Studie weiter zeigt. Auch rassistische eugenische Vorstellungen, die Überzeugung also, dass gewisse Bevölkerungsgruppen durch ihr Erbgut bedingt über «erwünschte» oder «unerwünschte» Qualitäten verfügen, spielten dabei eine Rolle.

Unter Betrachtung dieser Aspekte kam im Jahr 2024 das Rechtsgutachten von Oliver Diggelmann, Zürcher Professor für Völkerrecht, zum Schluss, dass die Fremdplatzierungen und die Verfolgung Jenischer und Sinti als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen sind. Das Gutachten wurde vom Bundesamt für Kultur in Auftrag gegeben, nachdem die Radgenossenschaft der Landstrasse sowie weitere jenische Verbände die Frage des Völkermords an den Bund herangetragen hatten.

«Kultureller Genozid»

In ihrer Eingabe forderte die Radgenossenschaft eine Anerkennung des Verbrechens als «kulturellen Genozid», dem kam das Rechtsgutachten jedoch nicht nach. «Wir wussten, als wir diese Eingabe machten, dass ‹kultureller Genozid› kein rechtlicher Begriff ist, wir wollten das als politischen Begriff verstanden haben», so Wottreng. Mit der Einstufung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit könne er gut leben, fügt jedoch an: «Unsere Leute werden je nach Stimmungslage weiter von kulturellem Genozid, von Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit sprechen.»

Ueli Schmezer, SP-BE, spricht zur Bargeldinitiative, an der Fruehjahrssession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 5. Maerz 2025 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
SP-Nationalrat Schmezer ist Berichterstatter des Anliegens im Nationalrat und wird sich für die Abgabe einer Erklärung einsetzen. Bild: keystone

Nationalrat Ueli Schmezer sagt, er habe Verständnis dafür, dass die Betroffenen die Verbrechen als Genozid bezeichnen, verweist jedoch darauf, dass beide Tatbestände zu den völkerrechtlich schlimmstmöglichen Verbrechen gehören. «Die Aussagen von Jenischen in den Anhörungen haben deutlich gemacht, wie erschütternd es für Menschen ist, wenn Behörden und Gesellschaft ihre Lebensweise nicht akzeptieren und aktiv mit allen Mitteln bekämpfen.» Dass dies nun im Nationalrat debattiert wird, sei richtig, so Schmezer.

Auf Worte sollen Taten folgen

Auch Willi Wottreng begrüsst den weiteren Schritt, es sei eine Festigung der Grundlage, auf welcher dann die konkrete Umsetzung der Forderungen Jenischer erfolgen müsse. Denn obschon in puncto Aufarbeitung von Historikerinnen und Historikern bereits viel geleistet worden sei, liege noch einiges im Argen: «Die Anliegen der Jenischen sind klar und seit Jahren bekannt, es braucht mehr Standplätze, eine stärkere Thematisierung der Geschichte Jenischer und Sinti als nationale Minderheit in den Schulen, kulturelle und soziale Unterstützung sowie weitere Aufklärungsarbeit.»

Ob und welche konkreten Massnahmen auf die Erklärung im Bundesrat sowie die Debatte im Nationalrat folgen, soll ein Bericht des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) zeigen, der diesen Sommer erwartet wird. Hierzu wurde auch die Radgenossenschaft angefragt, sich an einer «etwas unklar strukturierten Diskussionsrunde» zu beteiligen, wie Wottreng sagt.

Der Dachverband lehnte dies jedoch ab. «Es braucht jetzt keine weiteren sogenannten Dialogprozesse, keine weiteren Schlaufen, wir diskutieren seit 50 Jahren darüber, man muss jetzt einfach beginnen, diese Anliegen einzeln und schrittweise umzusetzen», sagt Wottreng abschliessend. Die Debatte im Bundeshaus werde er auf der Tribüne mit Angehörigen und direkt Betroffenen von Fremdplatzierungen live mitverfolgen.

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Daniel Jositsch (SP/ZH).
quelle: keystone / lukas lehmann
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Nationalrätin postet skurriles Video – Wir finden, da geht noch mehr
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Die beliebtesten Kommentare
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Tokyo
27.04.2026 08:55registriert Juni 2021
die Schande ist, dass in diesem Land so etwas bis in die 1970er Jahre überhaupt möglich war
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Überdimensionierte Riesenshrimps aka Reaper
27.04.2026 08:34registriert Juni 2016
Wieso wird das Gutachten unter Verschluss gehalten?
Zu beschämend um Publiziert zu werden?
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Neruda
27.04.2026 09:24registriert September 2016
Werde mir sicher die Abstammungsresultate anschauen um zu schauen, wer nicht die Grösse hat zu den Verbrechen unserer Vorfahren und unseres Landes zu stehen.

Es sind diese Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass sich Unrecht wiederholt. In Russland sieht man z. B. was passiert, wenn ein Volk seine Verbrechen nicht aufarbeitet und versucht zu verdrängen.
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