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So viel Geld geben Zürcher Politiker gerade für den Wahlkampf aus

Die Plakate der verschiedenen Kandidaten und Kandidatinnen sind in der ganzen Stadt verteilt, diese hier sind auf dem Bürkliplatz aufgestellt.
Die Plakate der verschiedenen Kandidaten und Kandidatinnen sind in der ganzen Stadt verteilt, diese hier sind auf dem Bürkliplatz aufgestellt. Bild: watson

Sie starren von jeder 2. Wand: So viel Geld geben Zürcher Politiker für den Wahlkampf aus

Der Wahlkampf um den Zürcher Regierungsrat ist in vollem Gange und die Kandidaten und Kandidatinnen möchten auffallen. Im ganzen Kanton sind ihre Plakate und Flyer zu finden – auch online. watson hat nachgefragt, was für ein Budget es für eine solche Wahlkampagne braucht.
01.02.2023, 05:2110.02.2023, 14:44
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Im Kanton Zürich kommt man nicht um sie herum: Sie liegen bei uns im Briefkasten und lächeln freundlich. Sie erwarten uns im XXL-Format in der Bahnhofshalle.

Und auch online erklären sie, warum sie für uns die perfekte Wahl sein sollen. Ein Entkommen vor den Zürcher Regierungsratskandidatinnen und -kandidaten scheint unmöglich.

Wer mit dem begehrten Amt liebäugelt, muss sich für die Aufmerksamkeit der Wähler ins Zeug legen. Und das kostet viel Geld.

So viel bezahlen die neuen Kandidaten

Das Wahlkampfbudget variiert stark. Vor allem bei den parteilosen Kandidaten Hans-Peter Amrein und Peter Vetsch tut sich eine Schere auf: Während Amrein 300'000 Franken investiert, gibt Vetsch nur etwas über 10'000 Franken aus.

Die Kostenpunkte sehen bei den Kandidierenden ähnlich aus. Zum einen wird in klassische Mittel wie Plakate und Flyer investiert. Und zum anderen setzen sie auch auf Online-Werbung. So beispielsweise GLP-Anwärter Benno Scherrer, der bei einem YouTube-Video über 300'000 Aufrufe verzeichnen konnte – ob die jedoch alle aus Zürich kommen?

  • Der parteilose Hans-Peter Amrein betreibt von den Kandidaten, die auf die Anfrage von watson geantwortet haben, den teuersten Wahlkampf. Rund 300'000 Franken habe er in seine Kandidatur investiert. Das entspricht etwa dem Jahreslohn eines Zürcher Regierungsrats. Amrein sagt: «Das ist die Basis, um mir die notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen.» Zudem habe er «kleine Geldbeiträge» von Privatpersonen erhalten.
  • Benno Scherrer (GLP) teilt auf Anfrage mit, dass er selbst rund 20'000 Franken für seinen Wahlkampf ausgebe. Weitere 180'000 Franken würden «fremdfinanziert». Insgesamt betrage sein Wahlkampfbudget 200'000 Franken. Die GLP-Kantonalpartei habe ihm einen «Sockelbetrag» für die Regierungsratskampagne in der Höhe von 50‘000 Franken zugesprochen. Dazu kamen «namhafte Beträge», wie Scherrer sagt, von diversen Lokal- und Bezirkssektionen. Er habe auch persönliche Spenden von Parteimitgliedern, Sympathisantinnen und Sympathisanten und aus seinem Freundeskreis in unterschiedlicher Höhe erhalten.
  • Priska Seiler Graf (SP) hat ein Wahlkampfbudget von etwa 125'000 Franken, wie sie watson sagt. Die SP unterstütze sie und investiere rund 42'000 Franken in Plakate, Flyer, Inserate, Website, Videos und Onlinewerbung. Seiler Graf sagt: «Die Partei übernimmt die ‹Basiskosten›, damit eine Kandidatur nicht am Portemonnaie scheitert.» Rund 20'000 Franken kämen von ihr selbst, der Rest werde durch weitere Spenden finanziert.
Einige der hunderten Plakate der Kandidierenden werden verunstaltet: An der Hardbrücke hat sich wohl ein EHC-Kloten-Fan entschieden, Benno Scherrers Plakat für seine eigene «Werbung» zu nutzen.
Einige der hunderten Plakate der Kandidierenden werden verunstaltet: An der Hardbrücke hat sich wohl ein EHC-Kloten-Fan entschieden, Benno Scherrers Plakat für seine eigene «Werbung» zu nutzen. Bild: watson
  • Anne-Claude Hensch (AL) hat für ihren Wahlkampf einen Betrag im dreistelligen Bereich ausgegeben, wie die AL auf Anfrage mitteilt. Ihre Partei investiere rund 100'000 Franken in ihren Regierungsratswahlkampf. Dieses Geld stamme aus Eigenmitteln der Partei und Spenden von natürlichen Personen. Der Vorstand der AL beteuert, dass man in dieser Partei auch den mittellosen Politikern eine Kandidatur ermöglichen würde: «Entgegen fast allen Parteien bestimmt bei uns nicht das Portemonnaie, wer einen Spitzenplatz auf den Listen bekommt oder Regierungsratskandidat oder -kandidatin wird.»
  • Patrick Jetzer vom Verein Aufrecht Schweiz sagt, dass er damit rechne, dass sein Wahlkampf insgesamt rund 60'000 Franken kosten werde. Davon habe er rund 15'000 selbst bezahlt. Der Rest wurde durch Spenden von Vereinsmitgliedern und Sympathisanten finanziert.
  • Der parteilose Peter Vetsch versichert, dass er ausschliesslich selbst erwirtschaftetes und gespartes Geld investiere, seine gesamten Wahlkampfkosten würden sich auf rund 10'500 Franken belaufen. Vetsch sagt: «Ich wäre für ein Verbot von bezahlter politischer Werbung. Es sollte jeder Partei oder Gruppierung eine gleich starke Präsenz ermöglicht werden.»

Das bezahlen die aktuellen Regierungsräte, um wiedergewählt zu werden

Auch die aktuellen Regierungsratsmitglieder betreiben fleissig Wahlkampf, um wiedergewählt zu werden. Die Budgets variieren hier aber nicht so stark, rund 100'000 bis 160'000 Franken werden bei allen, die watson geantwortet haben, investiert.

  • Die derzeitige Justizdirektorin Jaqueline Fehr (SP) erwartet aktuell Kosten von etwas über 160'000 Franken, wie der Generalsekretär der SP mitteilt. Der Betrag setze sich aus dem Beitrag der Partei von 42'000 Franken und dem persönlichen Wahlkampf zusammen. Bei letzterem rechne sie mit Kosten von 120'000 Franken. Wie viel sie selbst bezahlen werde, hänge aktuell noch davon ab, wie viele Spenden sie bekommen werde, sagt das Generalsekretariat der SP.
  • Das Budget der aktuellen Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) betrage rund 150'000 Franken, so die Regierungsrätin. Das Geld fliesse in erster Linie in digitale Werbung und in Plakate. Der grösste Anteil des Budgets werde durch drei- und vierstellige Spendenbeiträge finanziert. Zudem steuere Walker Späh aus der eigenen Tasche eine mittlere fünfstellige Summe bei.
Auf dem Sechseläutenplatz lächeln die Kandidatinnen und Kandidaten auch um die Wette.
Auf dem Sechseläutenplatz lächeln die Kandidatinnen und Kandidaten auch um die Wette. Bild: watson
  • Martin Neukom (Grüne), der aktuell Baudirektor ist, geht davon aus, dass sein Wahlkampf rund 140'000 Franken kosten wird. Sein eigener Beitrag und der von ihm vorfinanzierte Parteibeitrag würden rund 60'000 Franken betragen. Dem Vorwurf, dass sich mittellose Menschen einen Wahlkampf kaum leisten können, entgegnet Neukom: «Das stimmt leider. Ganz ohne Mittel ist es kaum möglich, Sichtbarkeit zu erlangen. Im letzten Wahlkampf habe ich selber 10'000 Franken bezahlt und dafür mehr Spenden erhalten als dieses Mal. Wer also selber nicht viele Mittel hat, kann probieren, über Spenden die nötigen Mittel aufzutreiben.»
  • Der parteilose Mario Fehr, der aktuell Sicherheitsdirektor ist, weiss ebenfalls noch nicht, wie viel von seinem Wahlkampf er selbst bezahlen wird. Sein Budget betrage aktuell rund 120'000 Franken, dieses Geld habe er von rund 200 Spenderinnen und Spendern erhalten.
  • Der Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) würden für die Wahlen 2023 aktuell 100’000 Franken zur Verfügung stehen, teilt Patrick Borer, Leiter Kommunikation der Gesundheitsdirektion, mit. Wie genau die Kosten aufgeteilt sind, wurde nicht beantwortet.
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102 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tsherish De Love aka Flachzange
01.02.2023 07:00registriert September 2020
Ganz ehrlich haben die Plakate null Einfluss auf wen ich wähle oder was ich abstimme.

Und was richtig nervt ist, dass die meisten auf Plastik gedruckt sind und dann teils noch Tage nach der Wahl/Abstimmung überall rumstehen. Selbst Parteien, die den Klimawandel ernst nehmen, machen Plastikplakate.
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Scaros_2
01.02.2023 07:39registriert Juni 2015
Und dieser ganze verdammte Abfall den ich in der Post hatte. Mein Gott wie können Politiker so viel Geld für Müll ausgeben, egal ob Links oder Rechts. Ich schaue mir solche Sachen nicht an, es wandert direkt in den Müll und im Herbst kommt der ganze Schrott nochmals. Zeitgemässer Wahlkampf ist das einfach nicht.
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Tokyo
01.02.2023 07:08registriert Juni 2021
Viel interessanter ist es woher dieses Geld kommt, dass eingesetzt wird
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