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Shqiponja Isufi: Grosse Trauer über getötete Ökonomin

Grosse Trauer um Shqiponja Isufi
Grosse Trauer um Shqiponja IsufiBild: facebook/watson

Gewaltsamer Tod von HSG-Dozentin Shqiponja Isufi erschüttert Schweizer Albaner-Gemeinde

Der mutmassliche Mord an der erfolgreichen Wirtschaftsexpertin Shqiponja Isufi hat die albanische Community aufgewirbelt. Eine Tante der getöteten Ökonomin wendet sich jetzt mit einem herzzerreissenden Brief an die Öffentlichkeit.
19.10.2022, 15:4920.10.2022, 13:10
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Vor drei Wochen wurde Shqiponja Isufi in ihrem Haus in Bergdietikon AG tot aufgefunden. Die Rettungskräfte konnten nur noch den leblosen Körper der 41-Jährigen bergen. Dringend tatverdächtig und seit dem mutmasslichen Femizid in Untersuchungshaft: ihr ebenfalls albanischstämmiger Ehemann.

Die promovierte Ökonomin hatte sich einen Namen als renommierte Wirtschaftsexpertin gemacht. Sie war als Lehrbeauftragte an der Universität St.Gallen und als Dozentin bei Expert Suisse tätig. Immer wieder wurde sie von Schweizer Medien porträtiert.

Isufis Tod hat nicht nur Familie und Umfeld erschüttert. Auch die albanische Diaspora steht nach wie vor unter Schock und trauert mit der Familie Isufi um den Verlust der zweifachen Mutter. Shqiponja Isufi, deren Vorname auf albanisch «Adler» bedeutet, entstammt einer politisch engagierten Familie aus Gjilan (Kosovo).

Staatsbegräbnis Shqiponja Isufi Oktober 2022, Kosovo
Der Vater von Shqiponja Isufi, Qamil Isufi, hält an der Trauerfeier im Kosovo eine Rede.facebook

«Schuld an diesen Femiziden sind die sexistischen Strukturen in der albanischen Gesellschaft»

Isufis Eltern mussten bereits in den 80er-Jahren wegen Repressionen des serbischen Regimes als politisch Verfolgte in die Schweiz flüchten. «Dass ausgerechnet Qamil Isufi, der so viel für uns Albaner geopfert und geleistet hat, seine Tochter auf diese grausame Weise verlieren muss, ist eine Schande für unsere Gesellschaft», sagt eine Quelle aus dem Umfeld der Isufi-Familie gegenüber watson.

Auf Social Media lassen Albanerinnen und Albaner ihrem Unmut freien Lauf: Man solle das Thema der häuslichen Gewalt und der Gewalt an Frauen in der albanischen Gesellschaft endlich ansprechen. «Diese Frauenmorde sind nicht einfach Tragödien.»

Schuld an diesen Femiziden seien die sexistischen Strukturen in der albanischen Gesellschaft, heisst es in einem Facebook-Kommentar. «Es vergehen Tage, Wochen, Monate und Jahre – des Schweigens.» Ebendieses Schweigen nähre und halte dieses «strukturelle Monstrum» am Leben.

Staatsbegräbnis Shqiponja Isufi Oktober 2022, Kosovo
An der Trauerfeier von Shqiponja Isufi nahm auch die amtierende Justizministerin Kosovos, Albulena Haxhiu (rechts), teil. Hier im Bild mit dem Vater der Verstorbenen, Qamil Isufi (links). facebook

Das Schweigen zu durchbrechen, sei umso wichtiger im Kontext der Diaspora, wo Ausgrenzung und Rassismus diese so wichtige Debatte erschwerten und verlangsamten, heisst es in einem Kommentar auf Facebook weiter.

Shqiponja Isufi wurde Anfang Oktober in ihrer Geburtsstadt Gjilan beigesetzt. Die Trauerfeier glich einem Staatsbegräbnis, an dem auch die amtierende Justizministerin Kosovos, Albulena Haxhiu, teilnahm. Vor der Trauergemeinde hielt der Vater der Getöteten eine bewegende Rede.

«Ich bin stolz, dass Shqiponja stets ihr Bestes gegeben, alle Erwartungen übertroffen und alle Grenzen gesprengt hat.»

In eloquentem Albanisch erklärte Qamil Isufi: «Ich habe ihr alles gegeben, was sie gebraucht hat. Mit meinem ganzen Wesen habe ich mich der Erziehung meiner Kinder gewidmet. Ich bin stolz, dass Shqiponja stets ihr Bestes gegeben, alle Erwartungen übertroffen und alle Grenzen gesprengt hat. Wir als Eltern werden diese Wunde in unserer Seele ein Leben lang tragen. Für diese Wunde gibt es keine Heilung.»

In einem auf Facebook veröffentlichten, herzzerreissenden Brief an die getötete Shqiponja Isufi erhebt nun ihre Tante schwere Vorwürfe an den tatverdächtigen, inhaftierten Ehemann der HSG-Dozentin. Darin beschuldigt die Tante den Ehemann des Mordes und wirft ihm vor, er hätte Isufis Körper in «jener schwarzen Nacht ohne einen Hauch von Erbarmen verstümmelt». Solche Verbrechen gegenüber albanischen Frauen kenne man nur aus dem Kosovo-Krieg. Nur ein Seelenloser sei imstande, ein derartiges Verbrechen zu begehen.
Weiter heisst es im öffentlichen Brief der Tante:

Bitte entschuldige, Shqiponja, dass du Opfer von rückständigen Gewohnheiten wurdest, nach denen eine Frau nur dann ehrenvoll und komplett ist, wenn ein starker Mann hinter ihr steht. Du hattest so etwas am wenigsten nötig! Du warst deine eigene Herrin. Doch der Brauch und der verdorbene Verstand konnten deinen Fortschritt nicht ertragen.
Shqiponja, während ich mit dem Kummer deines Verlustes weiterleben muss, frage ich mich:
Wird dieses unter Albanern wachsende Phänomen (Femizid, Anm. der Redaktion) einmal enden?! Bis wann werden wir von solchen Taten hören müssen?
Du warst das Vorbild einer Frau, die ungeachtet der Herausforderungen imstande ist, die Spitze des Erfolges zu erklimmen.
Du warst und wirst für immer unser Stolz und gleichzeitig unser Schmerz bleiben.»

Beim tatverdächtigen Ehemann der Getöteten handelt es sich um einen aus Tetovo (Nordmazedonien) stammenden 47-jährigen Schweizer mit albanischen Wurzeln. Er wuchs in Graubünden auf, wo er an einem renommierten Internat seine Matura absolvierte, und besuchte später an der Universität Zürich mehrere Studiengänge.

Seinem Facebook-Profil zufolge glaubte er an verschiedene Verschwörungstheorien, war ein Impfgegner und Corona-Massnahmen-Skeptiker. Der mutmassliche Täter war als Selbstständiger in der Finanzbranche tätig. Auf seinem LinkedIn-Profil steht geschrieben: «Geht nicht – gibt’s nicht!»
Wegen dringendem Tatverdacht befindet sich der Schweizer in Untersuchungshaft.
Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

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216 Kommentare
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SpitaloFatalo
19.10.2022 15:59registriert März 2020
Schuld sind die sexistischen Strukturen in der albanischen Gesellschaft. Dem ist nichts hinzuzufügen. Linke sollten sich davor hüten, Femizid losgelöst von kulturellen Hintergründen zu thematisieren oder Zusammenhänge gar abzustreiten. Mehr als einmal habe ich es in meiner Tätigkeit als Primarlehrer erlebt, wie mit vielen Talenten gesegnete Töchter albanischer Familien „kleingehalten“ wurden, während der Bruder, nicht halb so talentiert und mit Problemen im Sozialverhalten, der absolute König der Familie war.
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N. Y. P.
19.10.2022 16:12registriert August 2018
Man solle das Thema der häuslichen Gewalt und der Gewalt an Frauen in der albanischen Gesellschaft endlich ansprechen: «Diese Frauenmorde sind nicht einfach Tragödien.»

Schaut doch nur auf den Strassen. Wenn die Nachwuchs - Patriarchen mit ihren aufgmotzten Autos durch die Strassen fegen, heisst es für alle: Macht Platz, wenn ihr unversehrt bleiben wollt.

Aber item.

Wenigstens kommt nach dieser schauerlichen Tat mal Kritik aus den albanischen Kreisen.

Das Patriarchat ist tiefstes Mittelalter. Ist der Feind moderner Frauen.
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Atavar
19.10.2022 16:01registriert März 2020
Eine Tragödie. Umso wichtiger und richtiger, dass die Angehörigen die ethisch / moralischen Wertekonstrukte anprangern, die immer wieder zu solchen Dramen führen.

Diese Männer sind nicht stark. Sie sind feige, egoistisch, rückständig und krank im Kopf. Sie gehören ausgegrenzt und geächtet. Und natürlich verurteilt.
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