Schweiz
Gesundheit

Diabetes-Sensoren zeigen falsche Werte an – auch Schweiz betroffen

diabetes-sensoren von abbott.
Einer der fehlerhaften Sensoren des Herstellers Abbott.Bild: zvg

Hunderttausende Geräte in der Schweiz betroffen: Diabetes-Sensoren zeigen falsche Werte an

Der Vorfall betrifft unzählige Schweizer Patienten. Ein Betroffener kritisiert die Informationspolitik des Herstellers und warnt vor lebensbedrohlichen Folgen.
29.11.2025, 23:0129.11.2025, 23:01
Pascal Michel / ch media

Für Stefan Müller (Name der Redaktion bekannt) war es ein Schock. Der Diabetiker erhielt diesen Montag eine Nachricht, dass sein Messgerät zu tiefe Werte anzeigen könnte. Es handelt sich um das Modell Freestyle Libre 3 und Libre 3 plus des US-Pharmakonzerns Abbott. Es ist eine Art Pflaster, an dem sich per Handy der Blutzuckerspiegel ablesen lässt.

Müller folgte den Anweisungen der Herstellerfirma und prüfte die Seriennummer. Resultat: Sein aktueller Sensor gab zu tiefe Werte an. Und auch seine sechs Ersatzgeräte waren fehlerhaft. «Das kann für Diabetiker fatal sein», sagt Müller. Denn entweder führt der falsche Wert dazu, dass die Betroffenen zu viel Kohlenhydrate zu sich nehmen, um eine Unterzuckerung abzuwenden. Oder sie spritzen sich ihr Insulin nicht rechtzeitig. «Ein vom Gerät falsch gemessener Blutzuckerwert kann längerfristig zu Erblindung, Beinamputation oder zu einem Koma führen», sagt Müller.

Diese Folgen drohten nicht nur dem Schweizer Diabetiker. Die Warnung setzte Abbott ab, nachdem der Konzern weltweit 736 Meldungen von schweren Vorfällen mit dem Sensor erhalten hatte. Bei sieben Todesfällen gab es mutmasslich einen Zusammenhang. In den USA sind laut Abbott rund 3 Millionen Sensoren betroffen. Für die Schweiz geht Swissmedic von mehreren Hunderttausend Geräten aus.

«Das kann gefährlich werden»

Dementsprechend alarmiert forderte Müller die Firma dazu auf, ihm schnellstmöglich Ersatz zu schicken. Als keine Bestätigungsmail kam, rief er die Hotline an. Doch dort teilte man ihm mit, dass er erst in fünf Tagen mit Ersatz rechnen könne. Eine Express-Lieferung sei nicht möglich.

Fünf Tage auf einen funktionierenden Sensor warten, wollte Müller nicht. «Das kann gefährlich werden.» Deshalb kontaktierte er seinen Hausarzt, dort wusste man allerdings nichts von den Problemen. Müller wandte sich nun an eine Apotheke, die ebenfalls nicht informiert war. Die Apotheke prüfte daraufhin ihre eigenen Sensoren, worauf sie noch zwei fand, die tauglich waren. «So konnte ich doch noch einen korrekten Sensor kaufen», sagt Müller. Ein Stück kostet 89 Franken, den Grossteil zahlt die Krankenkasse.

Die Kommunikation der Herstellerfirma findet er «unprofessionell»: «Bei einem solchen GAU darf es nicht sein, dass Ärzte und Apotheker nichts wissen.» Zudem hätte es eine öffentliche Warnung der Behörden gebraucht, findet Müller: «Es gibt Betroffene, die nicht jeden Tag ihr Mail anschauen. Sie haben vielleicht jetzt extrem hohe Werte und können schlimmstenfalls ins Koma fallen.»

Abbott betont, man habe rasch gehandelt

Der Hersteller Abbott schrieb in seiner Nachricht an die Kundschaft vom Montag, man habe die Schweizer Aufsichtsbehörde Swissmedic über die fehlerhaften Sensoren informiert. Dies bekräftigt eine Abbott-Sprecherin auf Anfrage der «Schweiz am Wochenende». Zudem habe man Ärzte und Händler in der Schweiz kontaktiert.

Den Vorgang bestätigt Swissmedic auf Anfrage. Ein entsprechendes Schreiben hat Abbott gemäss Swissmedic-Datenbank am Montag verschickt. Darin hiess es etwa, dass «ernsthafte Gesundheitsrisiken, einschliesslich möglicher Verletzungen oder Todesfälle» drohten.

Bei fehlerhaften Medizinprodukten muss der Hersteller eine «Sicherheitskorrekturmassnahme» durchführen. Swissmedic überwacht diesen Prozess. Eine Warnung über die eigenen Kanäle verbreitet die Behörde nicht immer. Eine Medienmitteilung zu den fehlerhaften Abbott-Sensoren gab es nicht. Das erstaunt insofern, als die Behörde erst am Donnerstag öffentlich vor Plastikabrieb im Schmerzmittel Algifor warnte. Lebensgefährlich ist dies für Patienten nicht.

Den Unterschied erklärt die Behörde damit, dass bei Medizinprodukten der Hersteller für die Information verantwortlich ist. Im Fall von Abbott verfügt die Firma über die Kontakte der Endkonsumenten. Bei einem Schmerzmittel wie Algifor ist dies anders. Dort mussten die Kunden durch die Medien und die Swissmedic-Webseite informiert werden.

Dass der Betroffene Stefan Müller mehr wusste als die Ärzte und Apotheker, erklärt Swissmedic damit, dass die Kommunikationskette in die Zuständigkeit des Herstellers falle. Er muss entscheiden, wen er zuerst aufklärt. Die Reihenfolge könne insbesondere «durch die grosse Anzahl der betroffenen Anwender sowie durch das hohe Volumen im Markt und die Kommunikationskanäle» beeinflusst werden. Es sei daher möglich, dass die Mitteilung an die Endanwender zeitlich vor der Information der Vertriebspartner erfolgte.

Deutsche Ärztin warnte bereits im April

Die Firma mit Sitz im Bundesstaat Illinois bekundete bereits letztes Jahr Probleme mit denselben Sensoren. Damals massen diese zu hohe Werte. Zudem zeigt ein Fall aus Deutschland, dass die aktuellen Probleme vermutlich bereits länger bekannt sind. Gemäss der «Deutschen Apothekerzeitung» warnte eine Ärztin im April davor, dass ein Abbott-Gerät bei einem Patienten viel zu tiefe Blutzuckerwerte anzeigte.

Der Patient habe seit drei Wochen kein Insulin mehr gespritzt und grosse Mengen Cola getrunken – ohne dass sich der angezeigte Blutzucker aus dem Unterzucker bewegt hätte, sagte die Ärztin damals. Das Nachmessen habe dann einen viel höheren Wert angezeigt. «Ich finde das ehrlich gesagt einen Skandal», so die Ärztin gegenüber der Zeitung.

Abbott rät den betroffenen Patientinnen und Patienten: «Wenn Ihre Symptome nicht mit dem gemessenen Sensor-Glukosewert übereinstimmen oder Sie den Verdacht haben, dass Ihr Messwert ungenau ist, überprüfen Sie die Messung, indem Sie mit einem Blutzuckergerät einen Blutzuckertest an der Fingerbeere durchführen.» (aargauerzeitung.ch)

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62 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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fonduelover:in
29.11.2025 23:19registriert Dezember 2018
Okay, das ist schon schlimm und gefährlich (bin selbst T1D und benutze den Freestyle Libre 2 und jetzt den Dexcom G7), aber
„Der Patient habe seit drei Wochen kein Insulin mehr gespritzt und grosse Mengen Cola getrunken – ohne dass sich der angezeigte Blutzucker aus dem Unterzucker bewegt hätte, sagte die Ärztin.“ Sorry, aber da hat auch die Ärztin komplett versagt, wenn wie ihrem Patienten nicht mal die grundlegendsten Symptome erklärt, ihn offensichtlich nie zur Ernährungsberatung geschickt oder auch nur über Risiken und Handhabung von Sensoren aufgeklärt hat.
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Lordkanzler-von-Kensington
30.11.2025 07:34registriert September 2020
Der Libre 3 & auch alle weiteren Blutzucker-Messsensoren sind keine "Art Pflaster", um "am Handy den Zuckerwert abzulesen".
Nur, weil etwas auch "klebt", ist es kein Pflaster!
Die meisten Sensoren sind kleine Technikeinheiten, etwas größer als ein 2€-Geldstück, die mittels Teflonfaden, der unter der Haut sitzt (durch eine Art Setzgerät & Nadel angebracht) & dann dort im Zwischenzellwasser kontinuierlich den Zuckerwert misst (meist liegen die Sensoren zwischen 10-14 Tage, dann wird gewechselt). Der Wert wird auf ein Lesegerät oder eine App übertragen.
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