Schweiz
Gesundheit

Abzocke in der Schweiz: Knieprothese kostet teils das Sechsfache

Abzocke von Versicherten in der Schweiz: Knieprothese kostet teils das Sechsfache

Der Preisüberwacher hat die Preise für Prothesen und Herzschrittmacher bei 67 Spitälern überprüft – und einen Missstand aufgedeckt. Dabei wäre es gar nicht so schwierig, Transparenz in den obskuren Markt zu bringen.
04.02.2025, 05:5004.02.2025, 05:50
Anna Wanner / ch media

Wer ein neues Knie erhält, befasst sich nicht zwingend mit den Kosten der Prothese, die implantiert wird. Hauptsache, das Gelenk läuft nach der Operation wieder wie geschmiert.

knie operation
Vorbereitung einer Knieoperation: Die Preise für die Prothesen sind je nach Spital unterschiedlich.Bild: chmedia/marc dahinden

Zumindest die Spitäler sollten sich aber aufgrund des steigenden Kostendrucks mit den Kosten auseinandersetzen. Das machen sie zu wenig, wie ein neuer Bericht des Preisüberwachers zeigt. Er hat die Preise für Hüft- und Knieprothesen sowie Herzschrittmacher an 67 Spitälern der Schweiz miteinander verglichen.

Und die Unterschiede sind gewaltig: Für die Knieprothese eines Anbieters zahlte ein Spital 929 Franken, ein anderes bezahlte für das identische Produkt 5700 Franken, das ist sechs Mal mehr. Beide Preise sind im Vergleich zwar Ausreisser, im Schnitt zahlten die Spitäler für das Produkt 3292 Franken. Doch für die preislichen Unterschiede gibt es keinen plausiblen Grund.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Herzschrittmachern, wo ein Spital für ein bestimmtes Modell den 4,5-fachen Preis bezahlte als ein anderes. Anstatt 1200 Franken waren es 5405 Franken. Bei den Herzdefibrillatoren und den Hüftprothesen zeigen sich zwar ebenfalls Unterschiede im Einkaufspreis, sie sind aber nicht ganz so gross.

Intransparenz führt zu hohen Preisen

Vor dem Hintergrund, dass 2023 in der Schweiz 27'087 Hüftprothesen und 23'911 Knieprothesen eingesetzt wurden, besteht in diesem Bereich ein enormes Sparpotenzial – ohne jeglichen Qualitätsverlust. Gemäss Angaben des Preisüberwachers beliefen sich die Ausgaben im Bereich dieser chirurgischen Eingriffe auf eine Milliarde Franken. Eingriffe, die hauptsächlich von den Krankenkassen und den Kantonen finanziert werden.

Die Spitäler schauten der Entwicklung der Preise nicht tatenlos zu, wie der Preisüberwacher schreibt. Viele hätten die Beschaffungsprozesse zentralisiert und digitalisiert, einige haben sich Einkaufsgemeinschaften angeschlossen. So hätten im Schnitt 7 Prozent der Kosten für Medizinprodukte gemessen am jährlichen Beschaffungsvolumen gespart werden können.

Trotzdem sind die Spitäler in ihren Verhandlungen eingeschränkt, wie der Preisüberwacher schreibt. Der Markt der Prothesen und Herzschrittmacher werde «von einigen wenigen grossen Anbietern dominiert – häufig multinationale Unternehmen». Die Beschaffung erfolge hauptsächlich im Rahmen direkter Verhandlungen mit den Lieferanten, öffentliche Ausschreibungen seien selten.

Die grösste Hürde sind fehlende Informationen. «Vor allem die mangelnde Preistransparenz hindert die Spitäler daran, ihre Einkäufe zu optimieren, wettbewerbsfähige Preise auszuhandeln und eine effiziente Nutzung der Ressourcen sicherzustellen», so der Preisüberwacher. Die Spitäler sind selbst der Ansicht, dass die Preise für Prothesen und Implantate hierzulande zu hoch sind.

Sieben Massnahmen zur Besserung

Um die Preise zu senken und «die Kultur der Transparenz und der Rechenschaftspflicht im Gesundheitswesen zu fördern», schlägt der Preisüberwacher sieben Massnahmen vor. Darunter ein nationales Register mit den effektiven Einkaufspreisen, die Verpflichtung der Lieferanten, alle Preiskomponenten eines Produkts offenzulegen, sowie die Förderung der Parallelimporte und der Einkaufsgemeinschaften.

Gestreift wird in der Untersuchung auch die Rolle der Chirurgen: Ihre persönliche Präferenz (oder Verbandelung) sei häufig ausschlaggebend für die Wahl eines Produkts. Neu soll das Implantat anhand objektiver Kriterien gewählt werden. Und schliesslich verlangt der Preisüberwacher auch Mindestfallzahlen für gewisse (Herz-)Implantate, um die Qualität sicherzustellen.

Darum gehe es schliesslich: um eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung zu angemessenen Kosten. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
KI-Anfragen bringen Schweizer Behörden an den Anschlag – die Sonntags-News
Die Migros prüft eine Gewinnbeteiligung für ihre Genossenschafter, der Geheimdienst stoppt ein 95'000 Franken teures Geschichtsbuch und Opfer von Crans-Montana verlangen eine teilweise Zwangsverwaltung der Gemeinde. Das und mehr findet sich in den Sonntagszeitungen.
Die Migros will nach Informationen der «NZZ am Sonntag» künftig einen Teil ihres Gewinns direkt an ihre Genossenschafterinnen und Genossenschafter ausschütten. Mit diesem Schritt will die Detailhändlerin ihre Mitglieder für ihre Zukunftsvision einer Einheitsgenossenschaft gewinnen, wie die Zeitung schrieb. Die «NZZ am Sonntag» sprach nach eigenen Angaben mit knapp einem Dutzend Migros-Kadermitgliedern. Das Projekt Gewinnbeteiligung sei erstmals in der «Vision 2035» angedeutet worden. Es gehe deutlich über das Cumulus-Treueprogramm hinaus. Das Vorhaben wäre ein schlagendes Argument für die Zustimmung zur Einheitsgenossenschaft, schrieb die Zeitung. Doch sei noch unklar, ob das Projekt bis zur Urabstimmung spruchreif ist.
Zur Story