Berner Kleinstadt ist die Nummer 1 – das sind die velofreundlichsten Städte der Schweiz
Der Velofrust in der Schweiz bleibt gross: Trotz Milliardenprojekten, neuen Velowegen und politischem Rückenwind fällt das Urteil der Velofahrerinnen und Velofahrer über die Infrastruktur in Schweizer Städten weitestgehend ernüchternd aus. Das zeigt der neue «Prix Velo Städte 2026» von Pro Velo Schweiz. Die Durchschnittsnote bleibt landesweit unter der genügenden 4.
Besonders deutlich wird die Kritik beim Thema Sicherheit. Ausgerechnet jener Bereich, der für viele Menschen entscheidend ist, wenn sie aufs Velo steigen sollen, schneidet mit einer Durchschnittsnote von 3,6 am schlechtesten ab. Auch der Fahrkomfort – etwa die Abstimmung von Ampeln oder der Zustand der Infrastruktur – wird ähnlich schlecht bewertet.
Fast 38’000 Velofahrende aus der ganzen Schweiz nahmen zwischen September und November 2025 an der Umfrage teil und bewerteten ihre Städte anhand von 32 Fragen. Insgesamt wurden 56 Städte klassiert – darunter erstmals auch drei Städte aus dem Tessin.
Die Sieger kommen aus Winterthur, Köniz und Burgdorf. Winterthur gewinnt erneut bei den Grossstädten mit mehr als 100’000 Einwohnern. Bei den mittelgrossen Städten liegt Köniz vorne. Die beste Gesamtnote aller Kategorien holte sich allerdings Burgdorf. Die Berner Kleinstadt gilt seit Jahren als Musterbeispiel für Veloförderung und verteidigt ihren Spitzenplatz bereits zum wiederholten Mal. Besonders gelobt werden das durchgängige Velonetz, die frühe Einführung von Begegnungszonen sowie der konsequente Fokus auf das Velo als alltägliches Verkehrsmittel.
Für Pro Velo ist das Resultat dennoch alarmierend. «Das ist ein harter Weckruf für die politischen Entscheidungsträger», sagt Hasan Candan, Vizepräsident von Pro Velo Schweiz und SP-Nationalrat. Die Entwicklung gehe zwar in die richtige Richtung, aber viel zu langsam. Es gehe letztlich auch um Menschenleben.
Von den sechs untersuchten Bereichen schnitt die Sicherheit mit einer Durchschnittsnote von 3,6 am schlechtesten ab. Die Fragen zum Fahrkomfort – beispielsweise, ob die Ampeln auf den Veloverkehr abgestimmt sind oder die Infrastruktur in gutem Zustand ist – erreichen denselben Durchschnitt.
Zürich gehört zu den Aufsteigern
Immerhin gibt es einzelne Fortschritte: Zürich, das bei der letzten Ausgabe noch Schlusslicht unter den Grossstädten war, konnte sich deutlich verbessern. Die grösste Schweizer Stadt hat seit der letzten Befragung 2021 mit neuen Velovorzugsrouten, besserer Infrastruktur und einer stärkeren politischen Priorisierung des Veloverkehrs zusammen mit Thalwil den grössten Fortschritt aller bewerteten Städte erzielt.
In der Westschweiz sticht Freiburg hervor. Die Stadt des Schweizer Eishockey-Meisters punktet mit seiner kompakten Stadtstruktur, gut ausgebauten Veloverbindungen sowie gezielten Massnahmen für mehr Sicherheit und Komfort im Alltag. Zusammen mit Meyrin und Vernier erreicht Freiburg die besten Bewertungen der Romandie. Erstmals wurden auch Städte aus dem Tessin bewertet. Während Lugano mit 3,1 Punkten gleich die rote Laterne übernimmt, landen Bellinzona und Locarno mit je 3,9 Punkten im Mittelfeld.
Sorgen bereitet Pro Velo generell das Klima im Strassenverkehr. Zwar liegt die Bewertung des Miteinanders mit anderen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern noch knapp im genügenden Bereich, sie hat sich aber verschlechtert. Für Pro-Velo-Präsidentin Delphine Klopfenstein Broggini ist das kein Zufall: Immer mehr Menschen seien mit dem Velo unterwegs – allerdings auf Strassen und Kreuzungen, die dafür oft nicht ausgelegt seien.
Mit dem seit 2023 geltenden Veloweggesetz seien die Ziele eigentlich klar. Nun müssten Städte und Kantone die Infrastruktur schneller ausbauen. Denn beim nächsten «Prix Velo» in vier Jahren soll die Schweiz endlich die genügende Note schaffen.
