Schweiz
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Reinhold Messner findet Gipfelkreuze doof. Wir haben da ein bisschen gebastelt



In den bayerischen Alpen treibt ein Gipfelkreuz-Hacker sein Unwesen. Bereits drei Stück hat er im Lauf dieses Sommers mit einer Axt irreparabel beschädigt. Bergsteigerlegende Reinhold Messner mag die Kreuze auch nicht, wie er in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» erläutert:

«Die Berge, die doch der ganzen Menschheit gehören, sollten nicht mit einer bestimmten Weltanschauung verknüpft oder besetzt werden.»

Reinhold Messner

Valzeralp GR

Chalet and barn on the Valzeralp high above the valley

Bild: KEYSTONE

Hat Messner recht? Hierzu ein simples Experiment:

Croix des Chaux VD

Coucher du soleil au dessus d'une mer de brouillard recouvrant la plaine du Chablais, depuis le sommet de la Croix des Chaux (2020m) vers Gryon, VD, ce lundi 19 octobre 2015. (KEYSTONE/Anthony Anex)..Sunset on top of a sea of fog covering the plain of the Chablais, from the summit of the Croix des Chaux (2020m) towards Gryon, Switzerland, this Monday, October 19, 2015. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Bild: KEYSTONE; montage: watson

«Die Berge selbst haben etwas Erhabenes – da braucht es kein Zeichen für etwas Übernatürliches.»

Reinhold Messner

Rigi SZ

Wanderer geniessen die Aussicht auf die Innerschweiz beim Aufstieg auf die Rigi am Samstag, 3. Oktober 2009 oberhalb Weggis. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Bild: KEYSTONE; montage: watson

Der Vergleich hinkt insofern, als dass Gebirgskreuze Teil der (wenn auch jüngeren) Schweizer Geschichte sind. Laut Messner begann die systematische «Möblierung» der Alpen vor 200 Jahren als Reaktion auf die Aufklärung:

«Als die gläubigen Tiroler gegen die Fremdherrschaft der Bayern und Franzosen kämpften, stellten sie die Kreuze als Protest gegen die Franzosen auf, die ja ihren Machtkampf gegen die katholische Kirche führten. Danach verselbständigte sich die Sache, und es setzte eine regelrechte Verspargelung der Alpen mit Kreuzen ein.»

Reinhold Messner

Aus Schweizer Sicht könnte man einwenden, es handle sich um ein nationales, kein religiöses Symbol. Exemplare wie dieses schliessen eine solche Deutung aber explizit aus:

Klein Matterhorn VS

Bild

bild: mightymightymatze/flickr

«Es ist auffällig, dass die grossen monotheistischen Religionen einen starken Bezug zum Berg haben. Moses kommt vom Berg Sinai, nachdem er die zehn Gebote von Gott erhalten haben soll. Mohammed meditierte in einer Höhle am Berg Hira bei Mekka, wo er der Überlieferung zufolge seine erste Offenbarung bekam. Der Buddhismus hat seine Wurzeln in Nordindien, am Fusse des Himalayas. Die Gipfel galten auch davor schon lange als Sitz von Göttern (z. B. Olymp, Anm. d. Red.) und Dämonen.»

Reinhold Messner

In der Besetzung der Berge mit religiösen, politischen und sonstigen weltanschaulichen Symbolen sieht Messner letztlich einen finsteren Hintergrund: Machtdemonstrationen.

«Die Chinesen haben 1975 angeblich eine Mao-Büste auf den Mount Everest geschleppt. Ich konnte das nicht verifizieren, als ich 1978 auf dem Gipfel war. Falls das Ding tatsächlich dort oben ist, liegt es längst unter einer Schnee- und Eisschicht. Stalin liess angeblich seine Büste auf den 7495 Meter hohen Pik Kommunismus in Tadschikistan schaffen, den höchsten Gipfel der damaligen Sowjetunion. »

Reinhold Messner

Chadschi Dimitar (Bulgarien)

Gallery http://www.montecruzfoto.org/01-11-2013-Buzludzha-Monument-Bulgaria

Sozialistisches Denkmal auf dem bulgarischen Berg Chadschi Dimitar (früher Busludscha). bild: Montecruz Foto

«Diese Berg-Besetzerei hat nur einen einzigen Sinn: die vermeintliche Wichtigkeit EINER Person, EINER Nation, EINER Weltanschauung zu demonstrieren. Dabei geht es um Eroberung, um den Missbrauch von weithin sichtbaren Orten, um Aussagen, die Berge von Natur aus nicht haben.»

Reinhold Messner

Auch die Nazis liessen kaum eine Gelegenheit aus, ihr Hakenkreuz auf symbolträchtige Berggipfel zu pflanzen: 1933 auf der Zugspitze, 1938 auf dem Grossglockner, 1941 auf dem Olymp und 1942 auf dem Elbrus, dem höchsten Punkt des Kaukasus (siehe Propaganda-Video unten).

abspielen

Video: streamable

Und wenn die Gipfelkreuze heute einfach dazu dienen, den höchsten Punkt eines Bergs zu kennzeichnen?

«Viele Kreuze stehen ja nicht mal am höchsten Punkt, sondern dort, wo man sie vom Tal aus besonders gut sieht, also oft auf Vorgipfeln.»

Reinhold Messner

epa01897200 Italian Extreme alpine climber Reinhold Messner looks on upon his arrival at a press event in Kirchheim neat Munich, Germany, 14 October 2009. The IMS, a meeting of world class climbers and alpinists, will take place for the first time from 03 to 08 November in Brixen, South Tyrol.  EPA/TOBIAS HASE

Reinhold Messner. Bild: EPA

Dem Vandalismus der Gipfelkreuz-Hacker kann der bald 72-Jährige trotzdem nichts abgewinnen.

«Natürlich sollten bestehende Gipfelkreuze schon aus historischen Gründen stehen bleiben. Und ich würde niemals jemanden verteidigen, der Kreuze umhackt, das ist ja fast ein terroristischer Akt.»

Reinhold Messner

Was denkst du über Gipfelkreuze?

Ararat

Kim Jong Un besteigt den höchsten Berg Nordkoreas

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