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«Wir haben ein Integrationsdefizit.» Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam.
bild: screenshot srf

Forensiker Endrass im SRF-«Club» über die Übergriffe von Köln: «Das ist Machismo»

Wie lassen sich die Respektlosigkeit, die Gewalt und der Sexismus der Kölner Silvesternacht erklären? Machokultur, ungleiche Erziehung, gestörtes Männerbild, sagen Experten in der SRF-Sendung «Club». Nur einer der Gäste bezieht die Taten nicht auf die Religion und Herkunft der Verdächtigen.



Es steckt viel Zündstoff im Versuch, die Exzesse in Köln zu erklären. Fünf Experten haben es am Dienstagabend in der SRF-Sendung «Club» gewagt: Ashti Amir, ehemaliger syrischer Flüchtling und Betreuer von Asylsuchenden, «Tages-Anzeiger»-Journalistin Michèle Binswanger, der forensische Psychologe Jérôme Endrass, die Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji, und Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam.

Darum geht's

Männerbanden haben in der Silvesternacht in Köln Frauen sexuell bedrängt und bestohlen. Über 500 Anzeigen sind bei der Polizei eingegangen, in 40 Prozent ermitteln die Kriminalbeamten wegen Sexualstraftaten. Ähnliches habe sich in anderen deutschen Städten und auch in Zürich abgespielt. Die Verunsicherung in der Bevölkerung ist gross, besonders weil es sich um Männer «vorwiegend nordafrikanischer und arabischer Herkunft» gehandelt haben soll. Die aufgeheizte Stimmung wegen der Flüchtlingsströme wird dadurch zusätzlich belastet.

«Wir glauben immer, dass diese problematischen Gesellschaften durch und durch islamistisch geprägt sind. Aber das Patriarchale war vorher. Das ist keine Erfindung des Islams.»

Hafner-Al Jabaji

Die sexuellen Übergriffe von Köln seien ein Angriff auf Freiheit und Würde der Frau, schrieb Michèle Binswanger gestern in einem Artikel – ein Angriff auf zentrale Errungenschaften der westlichen Zivilisation. Die Motivation für eine solche Tat deshalb, so der einfache Schluss, könne nicht in der westlichen Welt gründen, sondern werde aus anderen Kulturen importiert.

«Wir haben ein Problem im islamischen Milieu. Viele Männer denken, es reicht, Mann zu sein, um über Frauen verfügen zu können. Jetzt müssen wir darüber sprechen.»

Keller-Messahli

Auch Keller-Messahli stellte sich in der Sendung auf diesen Standpunkt. Das Frauenbild, das die arabische Welt pflege und lebe, lasse sich nicht von der Kultur und der Religion trennen. «Belästigung von Männern gehört in der arabischen Welt zum Alltag», sagte Keller-Messahli Migranten kämen aus patriarchalisch geprägten Gesellschaften hierher, wo Vaterfiguren nicht mehr existierten und plötzlich Freiheiten vorhanden seien, mit denen nicht umgegangen werden könne. 

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Amir: «Integration sollte für Flüchtlinge aus Krisengebieten vom ersten Tag an stattfinden. Dazu gehören Werte wie Gleichberechtigung und die Selbstbestimmung der Frau. Werte, für die wir auch in Syrien gekämpft haben.»
bild: screenshot srf

Ähnliches erzählte Amir. Man müsse mit Asylbewerbern zusammensitzen und die Normen geraderücken. Es sei eine Frage der Integration – die bei religiösen Familien aber eben halt schwieriger sei. 

«Nur eine kleine Minderheit vertraut der Frau, ihr Leben so zu leben, wie sie will.»

Keller-Messahli

Das waren für Hafner-Al Jabaji zu viele Pauschalisierungen. Die Taten seien in keiner Weise mit den Normen aus dem Islam vereinbar. Beispielsweise habe Alkohol in Köln eine grosse Rolle gespielt – praktizierende Muslime trinken aber keinen Alkohol. Einig war die Islamwissenschaftlerin mit Keller-Messahli aber darin, dass in erster Linie das Männerbild problematisch sei. Männern werde generell Triebhaftigkeit attestiert, Frauen müssten beschützt werden, der öffentliche Raum gelte als gefährlich.

«Es ist kein Flüchtlingsproblem. Es ist ein Integrationsproblem. Das ist bei religiösen Familien schwieriger.»

Amir

«Das gibt es in allen Kulturen»

Grundsätzlich herrschte also Konsens in diesem «Club»: der Islam müsse Teil der Debatte über die Taten in Köln sein und das Geschlechterbild, das Männer mit Migrationshintergrund mitnehmen würden, sei problematisch. Nur Jérôme Endrass brachte eine echte Gegenstimme in die Runde, mit der er fast die «Club»-Debatte für obsolet erklärte.

«Bei den schweren Sexualstraftaten spielen Kultur und Religion eine untergeordnete Rolle», sagte der Forensiker. Es habe viel mehr mit einer stark ausgeprägten Dissozialität zu tun – wenn also Regeln und Normen nicht etabliert seien, schlicht: Jemand nicht erzogen wurde. «Das gibt es in allen Kulturen», sagt Endrass. 

«Beschränkt sich das wirklich so stark auf arabische Kulturen? Es kommt oft in Japan oder Lateinamerika vor, auch auf den Uni-Campi in den USA. Das ist Machismo.»

Endrass

Wie weiter? Genderkurse würden kein zweites Köln verhindern, sagte Endrass. Das sei zu massive Gewalt, zu nahe an der Persönlichkeit. «Das sind Leute, die eine Prädisposition haben.» Für mehr Integration plädierten die anderen. «Wir haben ein Defizit», sagte Keller-Messahli. «Wir haben ein Problem mit Leuten, die sich nicht integrieren lassen, mit Schweizern, die sich nicht integrieren lassen.» Es brauche klare Signale.  (dwi)

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