Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

In den meisten Kantonen der Schweiz können Spielgruppenleiter wegschicken, wer ihnen nicht passt. bild carolin frei / lenzburger bezirks-anzeiger

Knatsch zwischen schwulen Vätern und Spielgruppenleiterin: E-Mails zeigen neue Details

Warum wurden die Kinder nicht in der Spielgruppe aufgenommen? Der E-Mail-Verkehr zwischen der Spielgruppenleiterin von Lenzburg und dem Väter-Paar bringt neue Details zutage: Es ging um die Familienkonstellation.

Pascal Ritter / ch media



Die dreieinhalbjährigen Zwillinge Rafael und Rahul dürfen nicht in eine Spielgruppe in Lenzburg, weil ihr Vater in einer Beziehung mit einem Mann lebt. Diese Geschichte wühlte die Schweiz in den letzten Tagen auf. Die Spielgruppenleiterin geriet in die Kritik. Internet-Nutzer schrieben wüste Kommentare und schlechte Rezensionen. Eine Mutter soll sogar ihre Kinder aus der Spielgruppe genommen haben.

Dann ging die Spielgruppenleiterin in die Offensive. Nachdem sie sich zu den ersten Recherchen bereits geäussert hatte und die Vorwürfe mehr oder weniger bestätigte, wandte sie sich nun noch einmal an die Öffentlichkeit. In einem Brief schrieb sie von einem «Missverständnis», das sie klären wolle.

Alles nur ein Missverständnis?

Sie räumte zwar ein, dass die Situation mit zwei Papis für sie ungewohnt war, und dass sie mit den beiden Männer darüber gesprochen habe. Der Entscheid, die Buben nicht aufzunehmen, habe aber nichts mit der sexuellen Ausrichtung ihres Vaters zu tun. Ausschlaggebend sei gewesen, dass die Zwillinge nur Englisch sprächen. Sie nehme sich gerne für fremdsprachige Kinder Zeit, um sie speziell zu fördern. Doch dafür habe sie aufgrund der Belegung der Spielgruppe schlicht keine Zeit gehabt. Von den Vätern und auch von der Journalistin des «Lenzburger Bezirksanzeigers», die als erste über den Fall berichtete, fühlt sich die Spielgruppenleiterin falsch verstanden.

Ist also alles nur ein Missverständnis? Wurde die Spielgruppenleiterin zu Unrecht kritisiert? Dazu kontaktierte die Redaktion von CH Media noch einmal alle Beteiligten. Roshan, der leibliche Vater der Zwillinge, der mit der Spielgruppenleiterin auf Englisch telefonierte, hält an seiner Kritik fest. «Es ging um unsere Familienkonstellation und nie um die Englisch-Kenntnisse der Buben», sagt er. Sein Partner Michael, der mit der Spielgruppenleiterin zuerst auf Schweizerdeutsch Kontakt aufnahm und über die Aufnahme der Buben diskutierte, pflichtet ihm bei. Zwar seien die Sprachkenntnisse der Zwillinge tatsächlich ein Thema gewesen, die Absage sei aber aufgrund der Familienkonstellation erfolgt.

In der Email-Absage geht es um die «Familienkonstellation»

Die Beteiligten erinnern sich unterschiedlich an die Telefongespräche. Welche Version stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Jetzt liegt der Redaktion von CH Media aber das E-Mail vor, in dem die Spielgruppenleiterin den Papis eine Absage erteilt. Wörtlich steht dort:

«Vorab erst mal vielen Dank für Ihr Vertrauen. Ich bedaure, dass ich ihnen leider kein Spielgruppenplatz anbieten kann. Meine Spielgruppe ist privat und ich bin nicht verpflichtet ihre beiden Söhne aufzunehmen. Ihre Familienkonstellation geht mich nichts an und ich nehme dazu auch keine Stellung ein. Demgegenüber bleibe ich neutral. Das kann ich aber nur, wenn ich die Konfrontation meide. Aus diesem Grund gebe ich Ihnen eine Absage. Ich hoffe sehr, dass Sie und auch Ihr Partner dies verstehen und respektieren. Ich wünsche Ihnen und den beiden Kindern alles Gute.»

Aus dem Email gehen zwei Dinge hervor: Die Spielgruppenleiter schrieb die beiden Papis höflich und respektvoll an und schrieb nichts Abfälliges über ihre sexuelle Orientierung. Doch das Email zeigt auch: es ging eben doch um die «Familienkonstellation».

Spielgruppenleiterin bleibt dabei: Es ging um die Sprache und nicht um Homosexualität

Die Spielgruppenleiterin sagt auf Anfrage, dieses Mail sei nicht der einzige Kontakt, zu den Vätern gewesen. «Wir hatten vorher schon telefoniert und ich hatte schon mündlich abgesagt.» Dieses Telefon sei nicht einfach gewesen. Sie habe sich bedrängt und missverstanden gefühlt. Aus diesem Grund habe sie das Mail «noch schnell so geschrieben». «Hätte ich gewusst, dass dieses Mail drei Monate später ausgegraben würde, und ich mich danach erklären müsste, hätte ich mir mehr Zeit genommen und alle Gründe für die Absage nochmals genau aufgelistet, die ich den Vätern zuvor mündlich mitgeteilt hatte.»

Das Wort «Konfrontation» habe sie so gemeint, dass sie nach dem schwierigen Telefonat keine weitere Konfrontation mit einem den Vätern wollte. (bzbasel.ch)

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

So sahen die NHL-Stars als Kinder aus

Reformierte sagen Ja zur «Ehe für alle»

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Wie ein junger Schweizer mitten in der Corona-Krise ein Laptop-Hilfsprojekt startete

Der Verein «Wir lernen weiter» des Aargauers Tobias Schär setzt alte Laptops neu auf und schenkt sie Bedürftigen. Das Projekt hat sich innert acht Monaten gewaltig entwickelt. Aber es gibt auch Widerstände seitens der Gemeinden.

Der 26-jährige Tobias Schär hat eine Mission: «Vielen Menschen in unserem Land bleibt der Zugang zur digitalen Welt verwehrt, weil ihnen die finanziellen Mittel zur Beschaffung der entsprechenden Infrastruktur fehlen. Das darf nicht sein. Mit unserem Projekt ‹Wir lernen weiter› wollen wir dazu beitragen, das zu ändern.»

Der Gedankenblitz kam dem jungen Merenschwander Ende März im Lockdown: «Als wegen der Pandemie die Schulen geschlossen wurden, fragte ich mich: Was machen jetzt …

Artikel lesen
Link zum Artikel