Warum Trumps Venezuela-Einsatz militärisch erfolgreich, politisch aber hochriskant ist
Der Schweizer Militärexperte Albert Stahel ordnet den Einsatz gegenüber «Focus» als gezielte Machtoperation ein. Aus seiner Sicht verfolgte Washington zwei zentrale Ziele: die Ausschaltung des politischen Führungskerns um Maduro und die Sicherung strategisch entscheidender Ressourcen, allen voran der venezolanischen Ölindustrie.
Die militärische Umsetzung sei darauf ausgelegt gewesen, rasch Fakten zu schaffen, ohne sich in einen flächendeckenden Krieg zu verstricken. Angriffe auf Militärbasen wie Fuerte Tiuna sowie auf Häfen und Kommunikationsinfrastruktur deuteten darauf hin, dass es den USA primär um Kontrolle über Schlüsselpunkte ging – nicht um eine umfassende Besetzung des Landes.
Stahel sieht darin ein klassisches Beispiel moderner Machtprojektion: begrenzter Einsatz von Elitetruppen, Fokus auf wirtschaftlich und politisch entscheidende Zentren, schnelle Exfiltration. In diesem Sinne sei die Operation aus militärischer Sicht erfolgreich verlaufen.
Rückkehr zur harten Machtpolitik
Ideologisch ordnet Stahel den Einsatz in eine Rückbesinnung auf die Monroe-Doktrin ein – jene US-Aussenpolitik, die Lateinamerika seit dem 19. Jahrhundert als Einflusszone Washingtons definiert. Der Venezuela-Einsatz stehe exemplarisch für eine Weltordnung, in der Grossmächte wieder offen Macht ausüben, ohne sich primär an multilaterale Regeln zu binden.
Für Stahel ist klar: Die Zeit der Zurückhaltung ist vorbei. Der Fall Venezuela zeige, dass militärische Stärke wieder als legitimes Mittel zur Durchsetzung geopolitischer Interessen betrachtet wird.
Die Gegenposition: Ein Erfolg mit offenem Ausgang
Deutlich skeptischer fällt etwa die Einschätzung von Julian Heissler von der deutschen «Wirtschaftswoche» aus. Er bezweifelt, dass der schnelle Zugriff auf Maduro automatisch politische Stabilität bringt. Militärische Effizienz bedeute nicht zwangsläufig strategischen Erfolg.
Heissler erinnert daran, dass erzwungene Regimewechsel in der jüngeren Geschichte selten zu geordneten Übergängen geführt hätten. Auch in Venezuela sei völlig unklar, ob ein formeller Nachfolger tatsächlich die Kontrolle über das Land erlangen könne – oder ob ein Machtvakuum entstehe, das neue Konflikte nach sich ziehe.
Öl als Motiv – und als Problem
Während Stahel die Sicherung der Erdölfelder als taktische Notwendigkeit beschreibt, rückt Heissler das Thema Öl stärker in den Mittelpunkt der Kritik. Trumps eigene Aussagen legten nahe, dass wirtschaftliche Interessen eine zentrale Rolle gespielt hätten. Venezuela verfügt über die grössten nachgewiesenen Ölreserven der Welt – ein Fakt, der in Washington seit Jahren Begehrlichkeiten weckt.
Heissler warnt jedoch: Ein direkter Zugriff auf die Ressourcen eines fremden Staates überschreite eine klare völkerrechtliche Grenze. Was militärisch möglich sei, könne politisch und rechtlich enormen Schaden anrichten – auch für die Glaubwürdigkeit der USA.
Die Gefahr eines neuen Dauerkonflikts
Besonders heikel sei die innenpolitische Dimension für Trump. Sein politischer Aufstieg basierte auf dem Versprechen, die USA aus endlosen Auslandseinsätzen herauszuhalten. Bereits frühere Militäroperationen hätten dieses Image beschädigt.
Sollte Venezuela nun in Chaos, Widerstand oder einen Guerillakonflikt abrutschen, drohe Trump genau das, was er immer vermeiden wollte: ein offener, schwer kontrollierbarer Konflikt mit unklarem Endpunkt. Der kurzfristige Machtgewinn könnte sich langfristig als politische Hypothek erweisen.
Zwei Lesarten eines Eingriffs
Die beiden Analysen widersprechen sich nicht in den Fakten, wohl aber in der Bewertung der Folgen. Albert Stahel sieht einen rationalen, begrenzten Machteinsatz, der seine Kernziele erreicht hat. Julian Heissler hingegen warnt davor, militärischen Erfolg mit politischer Kontrolle zu verwechseln.
Der Einsatz in Venezuela zeigt damit vor allem eines: In einer Welt zunehmender Grossmachtpolitik entscheidet sich der Erfolg nicht allein auf dem Schlachtfeld – sondern erst in den Monaten und Jahren danach. (mke)
