WEF wird zum «World Trump Forum»: Wie der US-Präsident den Anlass dominiert
Im letzten Jahr war er noch der Elefant im Raum, jetzt kommt er leibhaftig: US-Präsident Donald Trump reist nach Davos – mit der grössten US-Delegation jemals.
Trump landet am Mittwoch am Flughafen Zürich. Per Helikopter geht es weiter in die Bündner Berge. Wenn das Wetter schlecht ist, steigt der Präsident ins «Beast» – eine acht Tonnen schwere gepanzerte Limousine, die Blutkonserven mitführt und direkte Raketentreffer überstehen kann.
In Davos angekommen, dürfte Trump dann eher austeilen als einstecken. Mit seinen unverfrorenen Drohungen hat er bereits Bewegung in scheinbar unlösbare Kriege und Konflikte gebracht. Zum krönenden Abschluss seines ersten Jahres im Amt will er am WEF Nägel mit Köpfen machen.
Trumps Besuch sorgt schon jetzt für Chaos in Davos. «So viele Menschen schon vor dem WEF-Start wie dieses Jahr habe ich noch nie gesehen», sagt Bernat Salom Bonet, der Jody's Restaurant in Davos leitet.
Noch mehr Polizei, Trumps eigene Sicherheitsleute und Strassensperren. Nur schon eine Fahrt durchs Dorf könne dann zwei Stunden dauern, sagt der Wirt. Immerhin die Kleinen können sich freuen: Von Montag bis Mittwoch sind die Schulen zu, stattdessen steht Schlitteln und Schneeschuhlaufen auf dem Stundenplan.
Eine Präsidentensuite im «Goldenen Ei»
Zwei Tage wird Trump in Davos verbringen. Nächtigen dürfte er wie schon bei früheren Besuchen im «Goldenen Ei», dem Hotel Alpengold. Die Präsidentensuite ist 160 Quadratmeter gross – Gerüchten zufolge verfügt das Luxushaus aber auch über ein geheimes Stockwerk, das unabhängig vom Rest des Hotels versorgt werden kann.
Trump jedenfalls kann sich mit Raclette oder Fondue aus dem Hotelrestaurant Cheese Factory stärken, bevor er am Mittwochnachmittag seine grosse Rede hält. Bis Donnerstag werden Deals geschmiedet. Trump trifft die wichtigsten Köpfe aus Europa, der Ukraine und anderen Brennpunkten der Welt.
Über den Gesprächen schwebt ein Wort, das in Davos vor allem die CEOs nervöser machen dürfte als jeder Krieg: Zölle. Trump und sein Finanzminister Scott Bessent sowie sein Handelsminister Howard Lutnick werden auch am WEF klarmachen, wer Zugang zum US-Markt will, muss investieren, dort produzieren – oder mit Strafzöllen rechnen. Trump bringt sie nicht als Drohkulisse mit, sondern als konkretes machtpolitisches Instrument. Für viele Politiker und Konzernchefs dürfte das der unangenehmste Teil der Trump-Festspiele werden.
Guy Parmelin jedenfalls ist «bereit» Gespräche mit Trump. Das sagte der Bundespräsident in dieser Woche zu «Le Temps». «Wenn die Amerikaner bereit sind, werden in Davos Gespräche stattfinden», sagte er.
Bern und Washington hatten sich Ende letzten Jahres darauf geeinigt, die US-Zölle auf Schweizer Produkte von 39 auf 15 Prozent zu senken. Ein endgültiges Abkommen darüber steht aber noch aus.
Die Voraussetzungen sind also klar: Das Wirtschaftsforum wird in diesem Jahr so politisch wie vielleicht noch nie. Und Trump allein diktiert die Agenda. Der US-Präsident macht das WEF zum WTF – zum «World Trump Forum».
Diese Deals erhofft sich Trump in Davos – und hier könnte er Druck aufbauen:
Ukraine
Trump hält eine Art abgespeckten G7-Gipfel ab. Sechs der sieben Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen der Welt sind in Davos. Nur Japan fehlt. Italien, Deutschland, Frankreich, Kanada, Grossbritannien und die EU-Kommission werden mit Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski zusammensitzen, wie die «Financial Times» berichtet.
Selenski und die Europäer wollen Trump beim Thema Sicherheitsgarantien festnageln. Das Versprechen der Amerikaner, die Ukraine bei einem weiteren Überfall Russlands zu verteidigen, ist für Kiew der zentrale Baustein eines möglichen Friedensvertrags mit dem Kreml.
Es winkt ein Deal ganz nach dem Geschmack des Immobilienmoguls aus den USA: Laut dem britischen «Telegraph» wollen der Amerikaner und der Ukrainer in Davos ein Mega-Abkommen über 800 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau der Ukraine unterzeichnen. Das Kalkül: Trumps Freunde aus der Wirtschaft kommen zu lukrativen Aufträgen, dafür garantiert der Präsident den Frieden.
Das richtige Personal hat er dabei. Mit Aussenminister Marco Rubio und den Spitzen des Finanz-, Handels- und Energieministeriums ist das gesamte diplomatische und ökonomische Machtzentrum der USA in Davos vertreten. Die relevanten Firmenbosse sind ohnehin alle da.
Vor dem Wiederaufbau muss jedoch der Krieg beendet werden. Das wird in Davos nicht geschehen. Die russische Seite ist nicht zugegen. Zu befürchten ist daher, dass Trump erneut Druck auf Selenski ausübt. Den Ton hat der US-Präsident zuletzt wieder verschärft: In einem Interview sagte er in dieser Woche, er denke, die Ukraine sei weniger bereit für ein Abkommen als Russland. Gefragt, warum die US-Friedensbemühungen den Krieg noch nicht beenden konnten, antwortete Trump mit einem Wort: «Selenski».
Ein Abkommen zwischen den beiden ist nicht ausgeschlossen. Dass es in Davos zum Eklat kommt allerdings auch nicht.
Grönland
Donald Trump will Grönland kaufen. Das erste Treffen einer dänisch-grönländischen Delegation mit US-Vizepräsident JD Vance und Aussenminister Rubio in dieser Woche änderte daran nichts.
Ob in Davos eine Begegnung zwischen Dänemarks Wirtschaftsminister Morten Bødskov und der US-Delegation geplant ist, ist nicht bekannt. Die Dänen weisen Trumps Ambitionen deutlich zurück. Zuletzt schickten die Europäer, unter anderem Deutschland, Soldaten auf die Insel.
Beim informellen «G6-Gipfel» dürfte das Thema diskutiert werden. Auch hier könnte Trump Druck aufbauen. Er sieht die grösste Insel der Welt als zentral für die Sicherheit der USA – und er will sich die Bodenschätze sichern. Die Europäer fürchten, dass Trumps Vorhaben die Nato sprengen würde.
Gaza
In Gaza soll Phase zwei von Donald Trumps Friedensplan beginnen. Es wird eine technokratische Regierung installiert, die vom sogenannten «Friedensrat» überwacht wird. Dessen Chef heisst: Donald Trump. Der US-Präsident hat Einladungen an verschiedene Länder geschickt, Teil des Rates zu werden. Das erste Treffen soll am WEF stattfinden.
Wichtige Akteure sind in Davos zugegen. Auf US-Seite sind das Trump selbst und seine beiden Nahost-Berater Steve Witkoff und Schwiegersohn Jared Kushner. Israels Präsident Yitzhak Herzog reist an, genau wie der Regierungschef der Palästinensischen Gebiete Mohammad Mustafa.
Trump versucht überdies, eine internationale Stabilisierungstruppe für Gaza zusammenzustellen. Während der Übergangsphase soll diese die Sicherheit im Küstenstreifen garantieren. Indonesien und Marokko gelten als wahrscheinliche Haupttruppensteller.
Voraussetzung ist jedoch die Entwaffnung der Hamas. Wie das geschehen soll, ist alles andere als klar.
Venezuela und der «Hinterhof»
Trump hat Venezuelas Präsidenten Nicolas Maduro entmachtet. Er betrachtet Lateinamerika als «Hinterhof» der USA, in dem er tun und lassen kann was er möchte. Am WEF könnte er mit Kolumbiens Präsident Gustavo Petro und seinem argentinischen Amtskollegen, Trump-Buddy Javier Milei, über die Zukunft der Region sprechen.
Iran
Massenproteste in Teheran und weiteren Städten brachten das Mullah-Regime in den vergangen Wochen zumindest ins Wanken – Sicherheitskräfte töteten in der Folge über 3000 Demonstranten. Das rief Donald Trump auf den Plan, der den Mullahs mit Luftschlägen drohte.
Am Freitag wurde bekannt, dass ein US-Flugzeugträger in die Region unterwegs sei. Eine Militäraktion ist alles andere als vom Tisch – auch wenn sich die Lage scheinbar ein wenig beruhigt hat.
Beim Thema Iran rückt in Davos die besondere Rolle der Schweiz ins Zentrum. Monika Schmutz Kirgöz, Leiterin der Abteilung Mittlerer Osten und Nordafrika im Aussendepartement EDA, sagte in dieser Woche im Interview mit SRF, die Schweiz fungiere derzeit als direkter Kommunikationskanal zwischen Washington und Teheran. Dieser werde «rege gebraucht», Details wolle man jedoch nicht nennen.
Am WEF werde eine hochrangige iranische Delegation erwartet, so Schmutz Kirgöz. Die Kommunikationskanäle zwischen dieser und den USA seien in beide Richtungen offen. (aargauerzeitung.ch)
