Kann Putins «Monsterrakete» auch Bern treffen? Das willst du jetzt zur Oreschnik wissen
Zum ersten Mal aufgetaucht ist die «Oreschnik» am Nachthimmel des 21. November 2024: Mehrere weisse Blitze gehen in kurzen Abständen auf die ukrainische Industriestadt Dnipro nieder.
Jetzt wurde der «Haselstrauch», wie Oreschnik auf Deutsch heisst, am Pfingstwochenende erneut eingesetzt. Was hat es auf sich mit der russischen Rakete, von der der russische Machthaber Wladimir Putin behauptet, niemand könne sie abfangen?
Was ist Oreschnik und was macht sie so gefährlich?
Oreschnik ist eine ballistische Mittelstreckenrakete. Sie steigt über 100 Kilometer in die Höhe und verlässt die dichte Atmosphäre der Erde. Die Rakete ist deshalb so gefährlich, weil sich ihr Sprengkopf beim Wiedereintritt in mehrere einzelne Vehikel aufteilen lässt, die wiederum mit bis zu sechs Einschlagkörpern bestückt werden können.
Die Wiedereintrittskörper rasen in der Endphase mit Hyperschallgeschwindigkeit auf das Zielgebiet zu. «Hyperschall» ist bei ballistischen Raketen nicht ungewöhnlich. Entscheidend ist hier die Kombination aus hoher Geschwindigkeit, grosser Reichweite und mehreren Wiedereintrittskörpern. Der Sprengkopf kann nach Kreml-Angaben auch nuklear bestückt werden.
Kann Oreschnik auch europäische Hauptstädte treffen?
Die Oreschnik hat eine geschätzte Reichweite von 3000 bis 5500 Kilometern. Im Dezember 2025 sagte Putin, die Rakete werde nach Weissrussland zu seinem Verbündeten Alexander Lukaschenko verlegt. Dieser bestätigte, ein Oreschnik-System sei in Weissrussland eingetroffen und gehe in den Gefechtsdienst. Wenige Tage später sprach er von «bis zu zehn Systemen».
Falls das stimmt, lägen selbst bei konservativer Reichweitenschätzung sämtliche europäischen Hauptstädte zwischen Kiew und Lissabon im Zielbereich. Inklusive der Schweizer Bundesstadt Bern.
Kann die Rakete abgeschossen werden?
Die Kurzantwort: technisch ja. Aber um die Oreschnik effizient zu neutralisieren, muss man ihr am besten im Weltraum begegnen. Solche exoatmosphärischen Abwehrsysteme gibt es auch in Europa.
Deutschland hat das israelisch-amerikanische System «Arrow 3» angeschafft. Seit Dezember 2025 verfügt die deutsche Luftwaffe über die erste Einsatzbefähigung. Die volle Einsatzfähigkeit von Arrow 3 wird erst später erreicht.
Daneben ist im Rahmen der Nato das amerikanische System «Aegis» in Rumänien und in Polen sowie auf US-Navy-Zerstörern im Einsatz. Dieser europäische «Raketenschutzschild» kann nur punktuell eingesetzt werden. Der Schild ist also löchrig.
Was kann die Schweiz gegen Oreschnik ausrichten?
Ein Raketenschild besteht immer aus verschiedenen Schichten. Die erste ist die Frühwarnung mittels Sensoren. In der letzten Schicht wird klassische Abwehr wie Patriot-Luftabwehrraketen oder das französisch-italienische SAMP/T-System eingesetzt. Sie ergänzen Systeme wie Arrow 3 oder Aegis.
Patriot und SAMP/T sind in Europa vorhanden, aber nur in begrenzter Zahl. Für einen flächendeckenden Schutz reichen die Bestände deshalb nicht.
Die Schweiz selbst hat keines dieser Systeme. Die Lieferung von Patriot aus den USA verzögert sich bis in die Mitte der 2030er-Jahre. Und eine Überbrückung mit SAMP/T oder seinem aktualisierten Nachfolgesystem wird gerade erst geprüft.
Ist Europa Russland schutzlos ausgeliefert?
Nein. Aber die Möglichkeiten sind eingeschränkt. Umso wichtiger ist die Logik der Abschreckung. Verhängnisvoll ist die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, in Deutschland nicht wie verabredet neue Mittelstreckenwaffen des Typs Tomahawk, SM-6-Raketen oder moderne Hyperschallwaffen zu stationieren. Sie hätten die Oreschnik nicht abgefangen, aber die konventionelle Abschreckung Europas gestärkt, weil die Nato damit ebenfalls weitreichende Präzisionsschläge hätte androhen können.
Trumps Entscheid wurde am 1. Mai öffentlich, zwei Tage nachdem er mit Putin telefoniert hatte. Ob ein direkter Zusammenhang besteht, ist öffentlich nicht belegt.
Warum setzt Putin gerade jetzt die Oreschnik wieder ein?
Das erste Mal im November 2024 rechtfertigte Putin den Einsatz mit ukrainischen Angriffen mit westlichen Langstreckenwaffen, darunter ATACMS-Raketen und britische Storm-Shadow-Marschflugkörper.
Und auch jetzt soll mit Oreschnik ein deutliches Signal gesendet werden, das lautet: «Wir haben hier etwas, das können wir überall hinschiessen in Europa, und das kann man nicht abwehren», so der deutsche Sicherheitsexperte Nico Lange im Interview mit der ARD-«Tagesschau». Es geht also um einen klassischen Einschüchterungsversuch und Propaganda.
Laut Lange steht das in direktem Zusammenhang mit der schwierigen Situation russischer Truppen an der Front und den erfolgreichen ukrainischen Schlägen gegen russische Öl-Infrastruktur: «Offenbar hat man einen wunden Punkt bei Putin getroffen.» Die Europäer müssten dies zum Anlass nehmen, den Ukrainern jetzt militärisch noch mehr zu helfen und möglichst schnell eigene Raketen zu entwickeln, so Lange.
(aargauerzeitung.ch)
