Die grossen Probleme beim Bau der vier letzten AKWs in Europa
Die Schweiz kann auch ohne neue Atomkraftwerke genug Strom im Winter produzieren. Zu diesem Schluss kommen 50 Energieexperten der Axpo in einer neuen Studie. Ohne Effort geht es aber nicht. Die Solar- und vor allem die Windstromkapazität muss im grossen Stil ausgebaut werden.
In einem zweiten Szenario, das für die Axpo «nicht im Vordergrund steht», beschreibt die Studie den Fall, dass die Schweiz zwei neue Atomkraftwerke baut. Was sich einfach schreibt, ist in der Umsetzung eine Herkulesaufgabe. Nach der Suche nach einem Standort, einer Planungsphase und der Erstellung verschiedener Gutachten sind während des Baus jahrzehntelange Verzögerungen und explodierende Kosten nicht die Ausnahme, sie sind die Regel. Das zeigen die Beispiele der Atomkraftwerke in Europa, die sich gerade im Bau befinden oder kürzlich beendet wurden.
Mochovce-3, Slowakei
Je nach Quelle begannen die Arbeiten an den Blöcken 3 und 4 des AKWs Mochovce 1985 oder 1986. 1992 kam es zum ersten Mal zum Stillstand der Arbeiten – es fehlte an Geld. Erst 16 Jahre später, im November 2008, mit neuen Eigentümern, wurde der Bau wieder in Angriff genommen. Zwischenzeitlich hatte ein provisorischer Schutzmantel den Zerfall der Baustelle verhindert.
2013 hätte Block 3 ans Netz gehen sollen. Erneut wurde zu optimistisch geplant und nach einem weiteren Wechsel der Eigentümerschaft ging die Einheit im Januar 2023 ans Netz. Auch der Bau des vierten Reaktors fand 2024 ein Ende. Dieser befindet sich aktuell in einer Testphase.
Obwohl beide neuen Blöcke erst seit Kurzem funktionstüchtig sind, gelten sie bereits als veraltet. Dies, weil ihnen heute gängige Sicherheitsfeatures fehlen. Zur langen Mängelliste gehören auch die Notstromaggregate. Wie die österreichische Umweltschutzorganisation Global 2000 aufdeckte, explodierte eine der über 30-jährigen Stromerzeugungsmaschinen bei einem Sicherheitstest (siehe Video oben).
Olkiluoto-3, Finnland
Auf der schmalen Insel Olkiluoto im Bottnischen Meeresbusen stehen schon seit den 70er-Jahren zwei Siedewasserreaktoren. Sie wurden durch einen Druckwasserreaktor des Typs EPR (European Pressurized Water Reactor) ergänzt. Der Bau dafür begann im Jahr 2007 und hätte 2009 beendet werden sollen. Tatsächlich dauerte er aber bis 2022. Auftraggeber TVO (ein finnisches Kernkraftwerksunternehmen) und die für die Umsetzung berücksichtigte Firma Areva (ein Konglomerat aus dem französischen Framatome und Siemens) gerieten sich aufgrund der Verzögerungen in die Haare – und verklagten sich.
Statt der ursprünglichen 3 Milliarden Euro kostete die Fertigstellung des ersten KKWs des Typs EPR 11 Milliarden. Weil Areva damals auch dem französischen Staat gehörte, musste Frankreich für einen Teil der Versäumnisse aufkommen. Olkiluoto wurde ein Fall für die französische Politik.
Nach einer weiteren Pannenserie ging der dritte Block des AKW von Olkiluoto im Jahr 2023 endlich ans Netz. Die Nachwehen hallen bis heute vor diversen Gremien und Gerichtsverfahren nach – weshalb auf den Bau eines geplanten vierten Reaktors bis auf Weiteres verzichtet wurde.
Flamanville-3, Frankreich
Aller guten Dinge sind drei? Mindestens für Reaktorblöcke scheint dieses Sprichwort nicht zu gelten. Auch Flamanville-3 wurde zu einem Desaster. Und wieder war Areva beteiligt.
In Flamanville baut man schon seit 2007. 2012 stieg der italienische Konzern Enel, immerhin mit 12,5 Prozent am neuen Reaktor beteiligt, aus – und verlangte Schadenersatz. Es war eine Reaktion darauf, dass die Kosten immer weiter stiegen – und ein Ende der Bautätigkeit nicht in Sicht war. Fast noch brisanter als der Ausstieg war, dass Enel prognostizierte, Flamanville-3 werde nie gewinnbringend unterhalten werden können. Kolportiert wurden Stromerzeugungskosten von 7 – 10 Cent/kWh.
Probleme beim Stahl, bei Ventilen, Schweissarbeiten und nicht vorhandene Umweltverträglichkeitsgutachten verzögerten die Fertigstellung weiter. Im September 2024 begann offiziell der Probebetrieb. Dies im Wissen, dass Flamanville-3 bereits 2026 wieder abgeschaltet werden muss. Der Betondeckel des Reaktors ist anfällig für Risse und muss ersetzt werden. Die Materialprüfung hatte Stahl von ungenügender Qualität entdeckt.
Wie der Termin der Fertigstellung sind auch die Kosten nicht ganz so einfach zu beziffern. Alleine der Bau belief sich auf 13 Milliarden Euro. Das ist aber nicht einmal die Hälfte der tatsächlichen Gesamtkosten des Projekts. Diese betragen laut dem französischen Rechnungshof 27.5 Milliarden Euro.
Hinkley Point C1 & C2, Grossbritannien
Französisch-britische Grossprojekte können funktionieren. Der über 50 Kilometer lange Zugtunnel unter dem Ärmelkanal wurde innerhalb von sieben Jahren (1987–1993) gebaut – trotz enormer technischer Schwierigkeiten. Doch auch beim Bau des Eurotunnels wurde falsch kalkuliert. Die Kosten verdoppelten sich und brachten die Betreiber an den Rand des Ruins. Dank Schuldenerlassen und steigender Popularität entspannte sich die Lage später – aber nur langsam. 2025 schrieb die Eurotunnel-Betreiberin Getlink einen Gewinn von über 300 Millionen Euro.
Dass irgendwann auch das neue AKW auf der Landzunge Hinkley Point im Bristolkanal profitabel werden könnte, wird indes angezweifelt. Die beiden Reakotren wurden bereits mit einem sehr hohen Preisschild projektiert. Seither sind die Kosten jedoch explodiert.
Involviert sind erneut: die französischen Energiegesellschaften EDF und Areva und die chinesischen Unternehmen CGN und CNNC. 19 Milliarden Euro hätte der Bau kosten sollen, und bis 2023 hätte er fertiggestellt werden sollen.
Zu einem Ende kam bisher nur Areva. Wegen zu hoher Überschuldung musste Frankreich das Staatsunternehmen umstrukturieren. Es heisst heute Orano.
Um nicht erneut in eine Schuldenfalle zu tappen, wurden den zukünftigen Betreibern von C1 & C2 diverse Garantien zugesprochen – unter anderem eine grosszügige Einspeisevergütung inklusive Inflationsversicherung.
Wie auch in Flamanville und Olkiluoto geriet die Bautätigkeit über die Jahre immer weiter ins Hintertreffen. Beteiligte Firmen wie Toshiba oder Engie stiegen aus. 2016 proklamierte der britische Rechnungshof in einem vernichtenden Bericht, dass die Steuerzahler mit Investitionen in Solar- und Windenergie deutlich besser gefahren wären. Dass die Regierung weiterhin am Bau festhielt, hat laut Erkenntnissen der Universität Sussex einen triftigen Grund – und er hat nichts mit Energieproduktion zu tun: In Hinkley Point soll das nukleartechnische Fachwissen erhalten und ausgebaut werden. Dies, um es vor allem militärisch nutzen zu können. Oder wie es der Guardian schreibt: «Stromverbraucher sollen über Hinkley Point C Atomwaffen finanzieren».
Klar ist: Bis 2030 wird kein Reaktor im Westen Englands den Betrieb aufnehmen können. Und das Preisschild? Es wird aktuell mit 56.6 Milliarden beziffert.
Die Lehren für die Schweiz
Der erste hier erwähnte Fall steht etwas im Abseits. In Mochovce wurden AKWs nach sowjetischen/russischen Plänen gebaut. Genauso wie aktuell vier Reaktoren in Akkuyu, Türkei. Sollte sich die Schweiz für neue AKW entscheiden, ist unwahrscheinlich, dass der Zuschlag an ein solches Modell geht.
Die drei Problembaustellen in Finnland, Frankreich und England zeigen aber, welche Schwierigkeiten auf unser Land zukommen könnten. Eine Verdoppelung der Bauzeiten und der Kosten scheint die Regel, auch wenn eine Teilschuld an den Problemen auf Missmanagement der beteiligten Firmen zurückzuführen ist. Weil auch in China der Bau eines Atomkraftwerks des Typs EPR den Kosten- und den Zeitrahmen sprengte, muss auch das Design der EPR infrage gestellt werden. Neue Richtlinien und Sicherheitsmassnahmen erschweren den Bau neuer AKWs zusätzlich – vom Widerstand in der Bevölkerung und Verzögerungen aufgrund Einsprachen einmal abgesehen.
Was wir aber ohnehin brauchen, ist ein Umdenken bei der Windenergie. Sie liegt hierzulande brach. Wir brauchen sie aber laut der Axpo-Studie. Mit oder ohne neue AKWs.
