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Interview

Interview: Karikaturist Patrick Chappatte über Donald Trump und das WEF

Der Schweizer Karikaturist Patrick Chappatte, 2024.
Trotz der aktuellen Weltlage ist Patrick Chappatte das Lachen nicht vergangen.Bild: Keystone
Interview

«Die Show in Davos war eine Art Unterwerfung vor Trump»

Der bekannteste Schweizer Karikaturist erklärt im Interview, wieso Donald Trump ihn arbeitslos macht, er Mitleid mit Karin Keller-Sutter hat – und wieso er trotz allem an die «Kraft des Lachens» glaubt.
25.01.2026, 22:2925.01.2026, 22:29
Florence Vuichard / ch media

Herr Chappatte, Donald Trump muss ein Fest für Karikaturisten sein. Sie müssen innerlich jubeln.
Patrick Chappatte: Nein, im Gegenteil. Ich höre auf.

Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?
Ich bin verzweifelt, ich weiss nicht mehr, was ich tun soll. Ich war gerade bei der WEF-Veranstaltung zum «Board of Peace», dem sogenannten Friedensrat. Und ich weiss nicht, ob ich einer Farce beigewohnt habe oder etwas völlig Irrealem. So etwas habe ich noch nie gesehen. Man ist gerade dabei, mich arbeitslos zu machen.

Viele Karikaturisten befürchten, es sei die künstliche Intelligenz, die ihnen den Job stehlen wird....
Nein, es ist die Realität. Die Realität, wie Trump sie sieht. Er hat uns diese Woche die Vereinten Nationen nach Trump vorgestellt. Man muss sich nur das Logo anschauen: eine Art billige Kopie des UNO-Logos.

Aber vergoldet.
Vergoldet, immer. Und die USA sind im Zentrum. Die gute Nachricht ist: Selbst Grönland hat er letztlich fallengelassen – man sieht nur ein winziges Stück davon. Und einen kleinen Teil des südamerikanischen Kontinents. Wenn man noch etwas näher zoomen würde, sähe man nur noch Trumps Bauchnabel. Und das würde völlig reichen. Einfach nur sein grosser Bauchnabel.

Die USA im Zentrum: Das Logo von Trumps sogenanntem «Friedensrat».
Die USA im Zentrum: Das Logo von Trumps sogenanntem «Friedensrat».Bild: CH Media

Aber andere Nationen haben sich Trumps «Board for Peace» doch angeschlossen?
Aber Trump steht im Zentrum. Die Show in Davos war eine Art Unterwerfung vor Trump. Die Regierungs- und Staatschefs mussten auf der Bühne in einer demütigenden Haltung vor dem Publikum sitzen und Trump zuhören, wie er sich selbst beglückwünschte. Das ist schon ziemlich beispiellos. Und dann präsentiert man uns Powerpoint-Folien zu Gaza mit KI-generierten Bildern von Hochhäusern. Es geht also nicht mehr um Geschichte, nicht mehr um internationales Recht oder internationale Institutionen. Es ist einfach nur ein Immobiliengeschäft.

Trump hat das auch nicht verschleiert und explizit gesagt, dass alles mit Immobilien beginne. Auch der Frieden.
Er ist sehr transparent, ungefiltert. Das hat mich an eine Karikatur von mir erinnert: Ich zeigte ihn vor den Trümmern Gazas, wie er sagt: «Grossartiges Immobilienentwicklungspotenzial!» Das war im Januar 2025, noch bevor Trump überhaupt im Amt war. Ein Jahr später ist es die offizielle US-Politik, Gaza zu einem grossen Immobilienprojekt zu machen. Die Realität hat die Karikatur komplett überholt. Man weiss nicht mehr, was man tun soll. Lachen oder weinen – oder beides gleichzeitig.

Trotzdem kommen Sie jedes Jahr nach Davos ans WEF zu den Reichen und Mächtigen.
Ja, für mich ist das immer ein interessanter Einblick, eine Reise in eine andere Welt. Aber dieses Jahr ist Davos von Trump gekidnappt worden. Man hat es bei seiner grossen Rede gesehen: Es ist wie der alte Onkel am Tisch, der niemanden mehr zu Wort kommen lässt und sich dann in seine Obsessionen hineinsteigert. Und wir sitzen alle da als Geiseln dieses alten Onkels. Nur dass er die grösste Macht der Welt hat. Al Gore stand dabei übrigens vor verschlossenen Türen. Es war eine Journalistin aus einem arabischen Land, die das Personal aufforderte, den ehemaligen Vizepräsidenten der USA hereinzulassen. Erst dann öffneten sie die Tür.

Beim WEF müssen auch mal die Mächtigen anstehen.
Für mich war diesmal einer der Stars in Davos Gavin Newsom, der Gouverneur von Kalifornien. Überall, wo er auftauchte, war ein Pulk von Journalisten. Ich habe zwei Tage versucht, kurz mit ihm zu sprechen. Letztlich hat es geklappt und ich habe ihm für all die Trump-Zeichnungsideen gedankt, die er mir geliefert hat. Er hat diesen mit allem Möglichen verglichen – sogar mit einem Tyrannosaurus.

Im Interview mit der CH Media sprach er von «Abrissbirne».
Jetzt kopiert er mich. Das habe ich schon gezeichnet. Ich sage ja: Man kann nicht mehr unterscheiden. Ich höre auf.

Haben Sie Trumps Auftritte von dieser Woche auch gezeichnet?
Ich habe eine Karikatur gemacht, die auf der Frontseite des «Canard enchaîné» am Tag von Trumps Rede erschienen ist. Darauf zeigt er dem ganzen Davos-Publikum den Mittelfinger, und das Publikum applaudiert. In gewisser Weise ist das auch eine Zusammenfassung seiner Rede. Eigentlich müssten die Zeitungen in diesen Zeiten massenhaft wieder Karikaturisten einstellen – vor allem jene, die keine mehr haben.

«Trump in Davos»: Karikatur erschienen in «Le Canard enchaîné» am 21. Januar 2026.
«Trump in Davos»: Karikatur erschienen in «Le Canard enchaîné» am 21. Januar 2026.Bild: Patrick Chappatte

Warum nimmt die Zahl der Karikaturen in den Zeitungen ab?
Es kommen mehrere Dinge zusammen: der wirtschaftliche Druck, dem die Medien ausgesetzt sind, und damit verbunden der sinkende Appetit der Chefredaktionen auf Kontroversen. Verleger werden nervös, wenn es Polemiken gibt und Menschen deshalb mit Abo-Kündigungen drohen. Es gibt einfach weniger Widerstandskraft gegen Skandale in einem wirtschaftlich geschwächten Umfeld.

Hat Trump oder seine Entourage sich schon mal über Ihre Karikaturen beschwert?
Nein. Ich arbeite noch immer für den «Boston Globe». Aber es gibt immer weniger US-Zeitungen, die kritische Trump-Zeichnungen veröffentlichen. Die grosse Zeichnerin Ann Telnaes hat bei der «Washington Post» gekündigt, nachdem eine ihrer Karikaturen über den Amazon-Gründer und «Washington Post»-Besitzer Jeff Bezos und Trump abgelehnt wurde. Und die «Los Angeles Times» gehört einem Trump-Fan.

Sie persönlich hatten nie Zensur?
In der näheren Vergangenheit sind einige Zeichnungen zu Gaza nicht erschienen. Es gab Reaktionen nach dem Hamas-Angriff und in den Wochen und Monaten danach. Das war ein sehr schwieriges Thema – vor allem in der deutschsprachigen Presse. Es gab eine extrem hohe Sensibilität gegenüber Kritik am israelischen Krieg, der brutal war und starke Zeichnungen verlangt hätte – keine zaghaften. Das hat zu Diskussionen mit Chefredaktoren geführt.

Ist das Thema noch immer heikel?
Weniger. Alles ist jetzt gut – dank Trump. Er hat Frieden gemacht. Er schafft eine groteske UNO. Eine humoristische UNO. Mit Putin im «Board of Peace». Das ist der ultimative Witz. Mittelfinger oder Witz – ich weiss es nicht.

Zur Person
Der international bekannte Schweizer Karikaturist Patrick Chappatte zeichnet für die «NZZ am Sonntag», «Le Temps» und den «Boston Globe» – sowie für die Satirezeitung «Le Canard Enchainé». Früher hat Patrick Chappatte, 58, zudem für den «Spiegel» und die «New York Times» gearbeitet. Seit 2001 besucht er regelmässig das WEF in Davos. Er präsidiert die Stiftung Freedom Cartoonists Foundation und lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen in Genf.
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Chappatte wurde bereits mehrfach ausgezeichnetBild: keystone

Kann man über alles lachen?
Lachen ist vielleicht das Letzte, was uns bleibt. Besonders in Diktaturen oder Autokratien. Selbst in der Verzweiflung. Ich nehme an, dass selbst die Menschen in Gaza in den schlimmsten Momenten Witze machen. Das ist ein Rest von Würde, der uns bleibt: über jene zu lachen, die uns schaden. Lachen erniedrigt die Mächtigen. Es lindert auch ein wenig den Schmerz. Ich glaube weiterhin an die Kraft des Lachens – und des Lächerlichen. An die Macht der Pressezeichnung, des Bildes, der Satire. An die Macht zu zeigen, dass der König nackt ist. Und nackt ist er lächerlich. Wenn man sich Trump nackt vorstellt, ist klar, dass er lächerlich ist.

Wir wollen nicht alles wissen. Wie schätzen Sie eigentlich Trumps Tirade gegen die Schweiz und Karin Keller-Sutter ein?
Ich hatte fast Mitleid mit unserer Ministerin. Das war hart, entsetzlich. Ich musste an eine Zeichnung denken, die ich gemacht habe, als der 15-Prozent-Zolldeal mit der Schweiz angekündigt wurde: Darin greift sie zum Telefon, und alle stürzen herein, um sie davon abzuhalten, Trump anzurufen, um sich zu bedanken. Trump behandelt andere wie ein Tyrann auf dem Schulhof, das hat er uns mit der demütigenden Art demonstriert. Er agiert völlig ungefiltert.

Dann wäre er immerhin ehrlich?
Das ist aus psychiatrischer Sicht ein wenig beunruhigend. Es ist das autokratische Modell: dreistündige Reden, und alle Untergebenen und Minister müssen zuhören. Ich glaube, mit Trump kommen wir langsam dahin. Und jeder muss seine Rede damit beginnen, Donald Trump zu loben. Immer. Das hat Karin Keller-Sutter als gute Schweizerin nicht getan. Sie glaubte, man müsse Dinge erklären und sich an die Realität halten. Das war sehr schweizerisch von ihr.

Ist sie eine Ihrer Lieblingsfiguren zum Zeichnen?
Ich habe sie nicht oft gezeichnet. Aber jetzt hat sie eine grosse Bedeutung für die Pressezeichnung bekommen.

Und wen zeichnen Sie sonst gern vom heimischen Personal? Christoph Blocher ist ja nicht mehr so präsent.
Leider! Blocher ist die für die Karikaturisten prägendste Figur. Wir Schweizer haben dem Rest der Welt gewissermassen vorgegriffen: Wir hatten unseren rechtsnationalen Milliardärspopulisten früher als alle anderen – nur war seine Schadenswirkung auf die Schweiz begrenzt. Jetzt haben wir einen von ganz anderem Kaliber.

Aber Blocher und die SVP respektieren Institutionen, halten sich an die Normen.
Ich vergleiche Blocher sanft mit Trump – ohne wirklich daran zu glauben. In der Schweiz gibt es noch ein Mass an Anstand und Dialog, das wir pflegen sollten. Denn auch bei uns gibt es immer stärkere Polarisierungstendenzen. Minderheiten werden stärker unter Druck gesetzt. Der Service public wird sehr besorgniserregend angegriffen. Die Schweiz kann sich Polarisierung nicht leisten. Polarisierung heisst bei uns: Der Konsens bricht. Doch wenn man das Machtprinzip auf die Schweiz überträgt, gibt es keine Schweiz mehr. Dagegen hilft Humor.

Wie meinen Sie das?
Humor ist paradoxerweise ein Blick auf sich selbst und auf die anderen. Man lacht über sich und die anderen. In der Schweiz lachen wir über unsere Sprachregionen, über unsere Eigenheiten, unsere Klischees. Ja, es sind Klischees – aber sie existieren in den Köpfen der Menschen. Vielleicht schmiert Humor ein wenig Öl in die Zahnräder des Zusammenlebens.

Er kann aber auch spalten.
In den vergangenen Jahren haben wir Humor sehr ernst genommen. Es gab unzählige Shitstorms und Dramen darüber, was man sagen darf und was nicht. Die Situation hat sich ein wenig entspannt. Aber wir haben dabei vergessen, dass Humor nicht nur spaltet. Über andere zu lachen, kann helfen, das Zusammenleben zu entdramatisieren.

Auch Trumps Humor?
Viele Autokraten nutzen Humor. Doch Humor im Mund des Starken ist ein Machtinstrument. Paradoxerweise ist Humor einerseits das Mittel der Schwachen gegen die Starken – aber auch ein Hebel der Macht. Wer andere zum Lachen bringt, hat Macht über sie. Autokraten nutzen Humor auf erniedrigende Weise. Das haben wir bei Trump gesehen. Ein Drittel des Saals hat gelacht – etwas verlegen. Es ist unangenehm.

Aber niemand hat interveniert.
Das kennt man aus Arbeitsverhältnissen: Wenn der Chef Witze macht, lachen alle. Der Lieblingsuntergebene ist der, der am lautesten lacht.

Fanden Sie die Karikaturen von «Charlie Hebdo» nach dem Brandunglück von Crans-Montana lustig?
Ich will nicht meine Kollegen kritisieren. Seit 15 Jahren verteidige ich «Charlie Hebdo» aus Prinzip, nicht wegen des guten oder schlechten Geschmacks. Ich fand die Zeichnung geschmacklos – aber es ist die Freiheit der Redaktion, geschmacklose Zeichnungen zu machen. Was mich erstaunt hat, ist die Anzahl von Leuten, die sie weiterverbreitet haben, um zu sagen: Schaut, wie geschmacklos das ist.

Viele waren empört.
Entweder man steht zur Meinungsfreiheit – oder nicht. Wenn man dazu steht, muss man bereit sein, Dinge zu sehen, die einen abstossen, die man schlecht findet – und dann weiterzublättern. Wenn man das Feuer der Empörung füttert, dann heizt man die Empörung selbst an. Das ist absurd. Es ist eine Empörungsmaschine, mit der wir gleichzeitig unsere Überlegenheit kommunizieren: «Schaut, wie geschmacklos – und wie moralisch korrekt ich bin.» Das ist unsere Zeit.

Zurück zu WEF. Wie fanden Sie es dieses Jahr?
Früher hat das WEF den politischen Cartoons auch schon eine Bühne geboten. 2019 etwa organisierte unsere Stiftung sogar eine internationale Ausstellung auf der Promenade. Einige Jahre zuvor wurden rund ein Dutzend Karikaturistinnen und Karikaturisten mit einer Carte blanche eingeladen, um die WEF-Veranstaltungen zu eröffnen. Das war frech, hatte Salz und Pfeffer. Weil das Forum ein Ort sein wollte, an dem alles diskutiert werden kann. Die Zeiten haben sich vielleicht geändert.

Dialog wird in Davos – wenigstens auf dem Papier – noch immer gross geschrieben.
Aber der Pfeffer ist nicht mehr in Mode. Heute ist die Lösung ein Immobilienprojekt. Es beginnt in Gaza – und wird überall auf der Welt enden.

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22 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pebbles F.
25.01.2026 22:44registriert Mai 2021
Es gibt nur Eines: Kontakte mit Trump, F35, Investitionen in die US Wirtschaft umgehend stoppen.
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neoliberaler Raubtierkapitalist
25.01.2026 22:49registriert Februar 2018
Das WEF passt sich dem Zeitgeist an. Vor ein paar Jahren haben sie noch das Essen von Insekten für den 0815-Bürger propagiert, aber selbst das edelste Rindfleisch verspeist.
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Nestor_Leroy
26.01.2026 00:33registriert Oktober 2024
Trump ist ein Problem. Aber ein grösseres ist, dass die Weltelite der Wirtschaft über eine Stunde vor ihm sitzt und ihm brav zuhört. Das zeugt von wenig Intelligenz und von gar kein geschichtlichem Verständnis. Ist aber typisch für die globalen Händler. Sie waren schon immer ausschliesslich der Profitgier verfallen. Das ist auch der Grund, weshalb fünf vor 12 Uhr bereits vorüber ist.
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