Gavin Newsom: «Es ist einfach nur absurd, dass Trump mit seinen Plänen weitermacht»
Es ist einer dieser WEF-Momente: Man sitzt als Journalist im grossen Kongressaal, mit über 1000 anderen Menschen, und wartet auf die Reden von Guy Parmelin und Ursula von der Leyen. Da nimmt direkt in der Reihe davor ein Mann Platz, den man aus dem Fernsehen kennt. Es ist Gavin Newsom, Gouverneur von Kalifornien und einer der prononciertesten Trump-Kritiker.
Der 58-jährige Demokrat, der den wirtschaftsstärksten US-Bundesstaat seit 2019 regiert, wird als Präsidentschaftskandidat für die Wahlen von 2028 gehandelt. Als die Reden vorbei sind, spricht ihn CH Media an. Daraus entsteht das nachfolgende Interview, zu dem sich dann ausländische Journalisten dazugesellen und ebenfalls Fragen stellen.
Sie haben die Rede von EU-Präsidentin Ursula von der Leyen gehört, die sich deutlich gegen Trumps Grönland-Pläne stellt. Kann die Grönland-Annexion durch Amerika noch abgewendet werden?
Gavin Newsom: Die Position von Präsident Trump ist Wahnsinn. Es gibt keine andere Beschreibung dafür, man kann in solchen Fragen nicht diplomatisch sein. Es gibt richtig und falsch. Trumps Plan ist falsch und absurd.
Aber Trump hat damit das Thema gesetzt und übt gewaltigen Druck auf Europa aus.
Wir erleben wieder das, was Trump am besten kann: eine Krise heraufbeschwören, die nur er, Trump, lösen kann. Nur: Ohne ihn gäbe es diese Krise gar nicht. Und er kann sie auch nicht lösen. Dieses Muster kennen wir inzwischen allzu gut.
Gibt es noch eine Lösung?
Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder reagieren die Märkte, wenn diese runtergehen, wendet sich Trump schnell wieder anderen Dingen zu (nach den neusten Zoll-Drohungen gegenüber Europa sanken die US-Börsen, die Red.). Oder aber: Die Welt reagiert mit mehr Rückgrat, als wir es bisher gesehen haben.
Auch aus den USA formiert sich Widerstand gegen eine Grönland-Annexion.
In den USA gibt es eine überwältigende Ablehnung quer durch alle Lager. Es ist einfach nur absurd, dass Trump mit seinen Plänen weitermacht, obwohl innenpolitisch und weltweit sowieso die Ablehnung riesig ist.
Ursula von der Leyen sagte, Europa müsse sicherheitspolitisch aufrüsten und unabhängiger werden – gemeint wohl: auch unabhängiger von den USA. Ist das richtig?
Als Amerikaner bin ich mit der Allianz zwischen Europa und den USA aufgewachsen und habe in den letzten Jahrzehnten erlebt, wie wir davon profitiert haben. Da ist es ziemlich alarmierend, eine so eindeutige Rede über die europäische Unabhängigkeit zu hören.
Es war Donald Trump, der sich mehr und mehr von Europa distanzierte.
Wir haben einen Präsidenten, der wie eine Abrissbirne wirkt, und es ist kaum zu erfassen, was er in Echtzeit anrichtet. Ich bin hier in Davos mit einem ganz anderen Mindset. Und ich bete dafür, dass der Rest der Welt versteht, dass Amerika und Trump nicht dasselbe ist. Trump ist temporär. Er bleibt nur noch ein paar Jahre, dann kommt ein grosser Reset.
Schon im November sind Zwischenwahlen. Könnte ein Sieg der Demokraten Trump bremsen?
Schauen Sie: Trumps Präsidentschaft wird de facto bei den Midterms enden. Er wird eine krachende Niederlage einstecken. Er ist ein historischer Präsident: historisch unpopulär! Donald Trump wird bei den Midterms zerschmettert.
Treffen Sie EU-Präsidentin von der Leyen oder Frankreichs Präsidenten Macron in Davos?
Ich treffe alle möglichen Persönlichkeiten hier. Wir werden sehen, was passiert.
Finden Sie es in Ordnung, dass das Weltwirtschaftsforum Trump eine grosse Bühne bietet?
Nun, er ist der Präsident der Vereinigten Staaten. Darauf bin ich als Amerikaner alles andere als stolz. Aber ich ehre und respektiere das Amt des Präsidenten. Ich hoffe, der Rest der Welt versteht diesen Unterschied. Man kann Amerika lieben, auch wenn man unseren Präsidenten verabscheut.
Haben Sie von Trumps Nachricht an den norwegischen Ministerpräsidenten gehört, wegen des Friedensnobelpreises? Weil er diesen nicht erhalten habe, könne er nicht mehr ausschliesslich an Frieden denken.
Dieser Vorgang zeigt eine bemerkenswerte Kette von Unwissen beim Präsidenten. Wahrscheinlich kennt er nicht einmal den Unterschied zwischen Dänen und Norwegern. Er versteht offensichtlich nicht den Unterschied zwischen einem Nobelpreiskomitee und der Regierung Norwegens.
Was schliessen Sie daraus?
Es ist mehr als peinlich. Er ist der Präsident der Vereinigten Staaten. Und er ist ein Narr. Was für ein Narr!
Was empfehlen Sie Norwegen, wie sollte es reagieren?
Ich bin ein bisschen altmodisch. Habt den Mut, öffentlich zu sagen, was Sache ist. Steht auf, zeigt Haltung.
Die Strategie ist meist die gegenteilige: Man schmeichelt Trump.
Dieses nette Getue mit Donald Trump: Glaubt mir, ich verstehe das sehr genau und weiss, dass es falsch ist. Ich vertrete den am wenigsten «getrumpften» Bundesstaat Amerikas. Ich vertrete einen Staat, der grösser ist als 27 US-Bundesstaaten zusammen. Trump führt mit Kalifornien Krieg. Darum behaupte ich, dass ich seine Denkweise besser verstehe als fast jeder andere.
Was haben Sie daraus gelernt?
Es ist nicht so schwierig: Worauf Trump reagiert, ist Stärke, nicht Schwäche.
Ist das Ihr Rat an die Europäer?
Ich gebe Europa keine Ratschläge. Ich bin Amerikaner und tue, was ich sage. Ich meine einfach: Eine Strategie der Beschwichtigung, die ich überall sehe, bringt gar nichts.
Dann macht es die EU immerhin insofern richtig, als sie Gegenmassnahmen zum angedrohten Strafzoll in Aussicht stellt?
Von der Leyen hat recht, wenn sie sagt: Ein Deal ist ein Deal. Wenn man einen Deal bricht, hat das Konsequenzen.
- «Dieser Kuhhandel funktioniert nicht mehr» – Mark Carney spricht am WEF Klartext
- Was läuft da? Abseits des Trump-Trubels gibt es neue Truppenbewegungen in Grönland
- Palantir-Chef am WEF: KI wird Einwanderung unnötig machen
- Selenskyj fehlt am WEF: Davos rätselt über sein wahres Motiv
- Darum trägt Macron am WEF diese verdammt coole Sonnenbrille
- Trumps Gegen-UNO – das ist sein neuer «Friedensrat»
(aargauerzeitung.ch)
