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Gefängnis-Aufseherin Angela Magdici (32),  Sexualstraftäter Hassan Kiko (27)

Immer noch auf der Flucht: Aufseherin Angela Magdici und Häftling Hassan Kiko.
Bild: Kapo Zürich

Interview

Ausbildungs-Chef: «Gewisse Kantone schicken uns sehr junge Gefängnis-Aufseher. Das finde ich suboptimal»

Nach dem Ausbruch von Hassan Kiko mit Aufseherin Angela Magdici stellt sich die Frage, ob das Personal in den Schweizer Gefängnissen gut genug ausgebildet wird. Thomas Noll vom Ausbildungszentrum für Strafvollzugspersonal nimmt Stellung dazu. Im Interview sagt er, warum es immer mehr Aufseher braucht, diese jünger werden und weshalb zu viel Distanz zu den Häftlingen gefährlich sein kann. 



Thomas Noll ist als Direktor des Schweizerischen Ausbildungszentrums für das Strafvollzugspersonal (SAZ) in Freiburg verantwortlich für die Ausbildung der Aufseherinnen und Aufseher in unserem Land. Er ist überzeugt, dass der Ausbruch von Hassan Kiko mit Hilfe der Aufseherin Angela Magdici ein äusserst seltener Einzelfall ist und bleiben wird. 

Wie wählen Sie die Aufseher aus? Was müssen sie für Voraussetzungen mitbringen?
Thomas Noll:
Wir sind nicht für die Rekrutierung der Aufseher verantwortlich. Das machen die Kantone und dort sind die Aufnahmekriterien überall anders. Und in den Kantonen handhaben es die insgesamt 114 Gefängnisse, die es in der Schweiz gibt, wieder unterschiedlich. 

Thomas Noll, Direktor Schweizerisches Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal SAZ

Freiburg, 23.06.2014  Foto: Charles Ellena

Thomas Noll

Seit drei Jahren ist Thomas Noll Direktor des Schweizerischen Ausbildungszentrums für Strafvollzugspersonal (SAZ). Dieses hat den Sitz in Freiburg. Davor war Noll Gerichtsgutachter und Vollzugschef in der Anstalt Pöschwies. (feb) 

Ist das ein Problem?
Ja und Nein. Auf der einen Seite ​macht es vieles komplizierter, ich wünschte mir etwas mehr Vereinheitlichung. Auf der anderen Seite entsteht durch den Wettbewerb unter den Kantonen auch eine gewisse Dynamik. Führt ein Gefängnis etwas Neues ein, das funktioniert, ziehen andere nach. 

Wie sieht denn die Aufseher-Ausbildung konkret aus?
Das erste Jahr werden die Aufseher in den Gefängnissen ausgebildet, dort lernen sie alles, was in den Anstalten wichtig ist. Im zweiten Jahr kommen sie für neun Wochen zu uns und im dritten noch einmal sechs Wochen. Insgesamt geht die Ausbildung drei Jahre.

«Weil wir mehr Aufseher brauchen, müssen wir jetzt halt auch jüngere ausbilden.»

Wie alt sind die angehenden Aufseherinnen und Aufseher im Schnitt?
Gewisse Kantone schicken uns sehr junge Kandidaten. Das finde ich suboptimal. Ideal sind Leute ab 30 Jahren mit einer abgeschlossenen Berufslehre oder Matura. Im Kanton Zürich, wo die Beiden ausgebrochen sind, werden nur Personen ab 30 Jahren für die Aufseher-Ausbildung zugelassen. 

Warum schicken Ihnen die Kantone so junge Leute?
Weil es in der Schweiz immer mehr Häftlinge gibt und ständig neue Gefängnisse gebaut werden, brauchen wir auch mehr Personal. 2011 sassen noch 6000 Häftlinge ein, jetzt sind es beinahe 7000. Bildeten wir 2013 160 Aufseher aus, sind es nun 220. Weil wir mehr Aufseher brauchen, müssen wir jetzt halt auch jüngere ausbilden. 

Ein Tag im Gefängnis

Leidet die Qualität durch die jungen, eher unerfahrenen Aufseher?
Wir tun unser Bestes. Ein Aufseher soll eine gute Sozialkompetenz haben und Freude am Umgang mit Menschen. Ausgesprochen wichtig ist eine stabile Persönlichkeit. Er muss Verbrecher resozialisieren und deshalb diese Voraussetzungen mitbringen. Bei uns wird der Aufseher unterrichtet in Psychologie, Recht, Medizin, Psychiatrie und er lernt die Welt des Freiheitsentzuges kennen. Beim letzten Punkt bringen wir ihm die professionelle Nähe und Distanz zu den Insassen bei. 

«Wir bilden Frauen nicht anders aus als Männer. Unsere Ausbildung ist gut und wir werden grundsätzlich so weiterfahren wie wir es bisher getan haben.»

Angela Magdici hat im Gefängnis in Limmattal dieses Spiel zwischen Nähe und Distanz offenbar nicht beherrscht. Wie lehren Sie den richtigen Umgang?
Am einfachsten wäre es, immer und zu allen Insassen eine grosse Distanz zu halten. Dadurch könnte man das Risiko einer Verbrüderung auf praktisch Null senken. Eine grosse Distanz ist allerdings gefährlich. Herrscht eine solche, bekommen die Aufseher zum Beispiel nicht mit, wenn sich ein Insasse radikalisiert oder aggressiver wird. Die richtige Mischung zu finden, ist die grosse Kunst des Aufseher-Berufes.  

Hassan Kiko

Wegen Vergewaltigung verurteilt: Hassan Kiko mit Sixpack.
Bild: facebook

Hybristophilie – also das Phänomen, dass sich Betroffene von Kriminellen angezogen fühlen – dürfte Ihnen bekannt sein. Es scheint bei Frauen häufiger vorzukommen als bei Männern. Bilden Sie Frauen anders aus als Männer?
Nein. Und ich möchte hier betonen, dass es eine Grenzüberschreitung, wie die in Limmattal eigentlich nie gibt. Es ist mir in der Schweiz kein anderer Fall bekannt. Wir sind grundsätzlich offen für neue Inputs, aber hier geht es um einen statistischen Ausreisser und wir sollten deswegen jetzt nicht alles ändern. Unsere Ausbildung ist gut und wir werden mehr oder weniger so weiterfahren, wie wir es bisher getan haben. 

2014 gab es in der Schweiz 21 Ausbrüche. Lassen sich solche überhaupt vermeiden?
Die Frage ist, wie man Ausbrüche überhaupt definiert. Zählt man einen Insassen im offenen Vollzug, der zu spät kommt, bereits zu den Ausbrüchen? Würde man die Insassen in geschlossenen Anstalten bis zu ihrer Entlassung einsperren, könnte man die Zahl der Ausbrüche wohl nach untern korrigieren. Allerdings würden die Häftlinge dann total unvorbereitet in die reale Welt entlassen. Und das wäre gefährlich. ​

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