bild: dr, collage: watson
Diese Schweizer Jungunternehmer wollen ihr Getränk in den Coop bringen
Es ist kein Schmuckstück, sondern eine Dose. Ein elegantes, minimalistisches Design für das gesunde Lifestyle-Getränk mit dem klangvollen Namen Revivr. Die beiden Gründer Ilan Cattaneo und Clément Tastet sind keine 30 Jahre alt. Ersterer sammelte Erfahrung im Marketing bei LVMH und Procter & Gamble, Letzterer im Vertrieb, unter anderem für das Unternehmen Too Good To Go.
Das Unternehmen aus Genf mit Firmensitz in Zug hat grosse Ambitionen: Marktführer im Bereich Lifestyle- und Sport-Hydration in der Schweiz zu werden, indem es auf die trendige Mineralstoff-Gruppe der Elektrolyte (Natrium, Kalium, Magnesium) setzt. Das ultimative Ziel? In den hart umkämpften Regalen grosser Einzelhändler wie Coop Fuss zu fassen. watson hat mit Ilan Cattaneo telefoniert, um mehr zu erfahren.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Wie ist Revivr entstanden?
Ilan Cattaneo: Nachdem ich wegen einer schweren Verletzung und Operation das Fussballspielen aufgeben musste, veränderte sich mein Leben drastisch. Ich ging nicht mehr in Nachtclubs und begann mich zusammen mit meinem Geschäftspartner Clément für Ernährung und Langlebigkeit zu interessieren. Wir verwendeten bereits Elektrolytpulver, das oft sehr künstlich, schwer erhältlich und nicht besonders schmackhaft war. Dann reisten wir nach Miami.
Die Stadt des Körpers, des Sports, des Aussehens.
Ja. Dort entdeckten wir all die angesagten Gesundheits- und Wellnessprodukte, insbesondere die trinkfertigen Elektrolytgetränke in Dosen. Das inspirierte uns, und zwei Jahre später verkaufte Revivr die ersten Einheiten.
Mit 26 ist man noch jung, um ein eigenes Unternehmen zu gründen! Was haben Sie vorher gemacht?
Ich hatte schon für grosse Konzerne wie LVMH, Procter & Gamble und L'Oréal im Marketing und Branding gearbeitet. Clément war im Vertrieb tätig. Da wir schon eine Modemarke lanciert hatten, verfügten wir bereits über etwas Design-Erfahrung. Wir haben unsere jeweiligen Karrieren und anspruchsvollen Jobs aufgegeben, um uns voll und ganz diesem Projekt zu widmen. Die Risiken sind gross, es steht viel auf dem Spiel, aber wir glauben zu 100 Prozent daran.
Die Ergebnisse geben uns Recht: Seit dem Verkaufsstart im Februar haben wir mehr als 10'000 Dosen verkauft, was unsere Erwartungen bei Weitem übertrifft.
bild: dr
Diese Art von Sportgetränken gab es in der Schweiz also noch nicht?
Nicht etwa Elektrolyte in Dosen. Wir haben zwar Konkurrenten auf dem Markt für Sportgetränke, und das ist auch gut so, denn sonst wären wir ja verrückt! Aber wir wollten nicht riskieren, etwas zu erfinden, was es noch nicht gibt.
Warum gerade in der Schweiz und nicht anderswo?
Für uns war es immer die Schweiz. Obwohl Clément, der französischer Abstammung ist, noch keinen Schweizer Pass besitzt, lebt er seit zehn Jahren in Genf. Es ist seine Heimat. Selbst in Ländern wie unserem ist der Zuckerkonsum noch immer ein groses Problem. Die meisten Energy-Drinks werden von Jugendlichen unter 16 Jahren konsumiert. Wenn wir mit unserem Projekt auch nur eine kleine Wirkung erzeugen können, ist es uns wichtig, dies in der Schweiz zu tun.
Die Schweiz – und nur die Schweiz?
Ich habe auch viele Ambitionen im Nahen Osten, da ich einen Grossteil meines Lebens mit meiner Mutter, einer Diplomatin, in der Türkei verbracht habe. Ich fühle mich dieser Region sehr verbunden. In Saudi-Arabien und Katar investiert die Regierung massiv in die Bekämpfung von Diabetes, Übergewicht und Bewegungsmangel.
Design spielt bei diesem Projekt eine zentrale Rolle …
Wir wollten uns bewusst von den grellbunten Getränken im Supermarkt abgrenzen, egal ob Coca-Cola, Fanta oder Red Bull. Unser Ziel war ein minimalistischer, typisch schweizerischer Stil. Wir haben uns stark von der Uhrmacherkunst inspirieren lassen und diese Inspiration auf unser Produkt übertragen: Wir verkaufen eine Dose für 2.50 Franken als Luxusartikel, den man nach dem Leeren nicht wegwerfen möchte.
Elektrolyte sind total angesagt, aber befürchten Sie nicht, dass sie schnell wieder nur noch Spitzensportlern vorbehalten sein werden?
Ich stimme Ihnen zu, bin aber weiterhin überzeugt, dass es sich nicht nur um eine Modeerscheinung handelt. Wir gehören zu den ersten Generationen, die die Bedeutung von Gesundheit verstehen und so viel Zugang zu Informationen haben. Weniger Alkohol trinken, laufen, Sport treiben, Hyrox oder Pilates machen … Heute ist ein Marathonlauf quasi schon die minimale Ausgangslage.
Ernährungswissenschaftler behaupten jedoch, dass man nach dem Joggen keine zusätzlichen Elektrolyte benötigt. Wollen Sie etwa künstlich einen Bedarf erzeugen, wie Apple es mit dem iPhone getan hat?
Der Markt für Elektrolyte wird bis 2030 einen Wert von 70 Milliarden haben – er ist sehr gut erforscht. Elektrolyte werden vor dem Fliegen, nach dem Sport oder nach der Sauna empfohlen. Natürlich gibt es immer ein oder zwei Ärzte auf Instagram, die behaupten, sie seien nutzlos.
Die Mehrheit der Bevölkerung konsumiert bereits zu viel Natrium. Deshalb enthalten unsere Dosen deutlich weniger Natrium als in den USA erhältliche Elektrolytgetränke: Wir wollten sichergehen, dass sie für alle geeignet und unbedenklich sind. Unsere Entscheidung basiert auf umfangreichen Recherchen.
Mit welchem Labor haben Sie dieses Getränk entwickelt?
Ich hätte Ihnen ja gern eine Punk-Geschichte erzählt und gesagt, wir hätten es in der Garage meiner Mutter entwickelt, aber weit gefehlt! Wenn ein Marketing- und ein Vertriebsarbeiter sagen: «Wir wollen ein gesundes Getränk kreieren», dann müssen sie sich gut vernetzen! Die gesamte Rezeptur wurde von Anfang bis Ende in Zusammenarbeit mit einem Labor in Österreich, unserem Produktionspartner, entwickelt.
Wie kreiert man ein neues Getränk?
Wir haben alles von Grund auf selbst entwickelt. Über einen Zeitraum von etwa 8 Monaten testeten wir mehr als 25 verschiedene Rezepturen.
Dann passten Sie es jeweils an? Mehr oder weniger Zitrone usw.?
Genau. Ein wichtiger Punkt war das Süssungsmittel. Wir wollten keine Süssstoffe wie die in Cola Zero oder Red Bull Zero, zum Beispiel Acesulfam, Aspartam oder Sucralose, die sich negativ auf die Darmgesundheit auswirken. Andererseits haben diese Süssstoffe den Vorteil, dass sie gut schmecken und sehr wirksam sind.
Wofür haben Sie sich schlussendlich entschieden?
Um es so natürlich wie möglich zu halten, haben wir zahlreiche Tests mit Stevia durchgeführt, das zwar einen sehr intensiven Geschmack haben kann, aber nicht immer. Deshalb brauchten wir 25 Versuche!
Geschmack ist das eine. Aber wie steht es um die Lebensmittelsicherheit?
Wir wurden selbstverständlich von SGS, dem grössten Labor Europas, geprüft – eine Grundvoraussetzung für jeden Vertragsabschluss mit einem Vertriebspartner.
Was sind die grössten Herausforderungen bei der Einführung eines Lebensmittelprodukts in den Schweizer Markt?
Die grösste Schwierigkeit besteht darin, dass wir mit Branchen-Riesen konkurrieren. Unser Werbebudget ist beispielsweise im Vergleich zu dem von Konzernen wie Coca-Cola oder Rivella verschwindend klein.
Das Unternehmen hat seinen Sitz in der Schweiz, aber das Produkt ist also nicht schweizerisch?
Genau. Ich sage immer, wir wollen das On (eine Schweizer Laufschuh-Marke, Anm. d. Red.) der gesunden Getränke sein. Wir stehen übrigens aktuell vor denselben Herausforderungen. Getränke in der Schweiz herzustellen ist – bis auf wenige Ausnahmen – unmöglich. Wir produzieren unsere Getränke in der Europäischen Union, wobei verschiedene Produktionsschritte in Deutschland, Österreich und Ungarn stattfinden. Wir geben lediglich an, dass das Getränk «in der Schweiz entwickelt» wurde, ähnlich wie Apple «Engineered in California» auf das iPhone schreibt.
Die zweite Herausforderung ist die Produktentwicklung. Ein T-Shirt oder einen Keks herzustellen ist das eine. Eine Mindestmenge von 20'000 Dosen zu bestellen, die Flüssigkeit herzustellen, das Produkt fertigzustellen, zu transportieren und in der Schweiz zu lagern, ist etwas ganz anderes.
Wie steht es um Ihr Projekt? Obwohl Ihre Dosen vereinzelt in Geschäften in Genf, Zürich und Lausanne verkauft werden, konzentrieren Sie sich auf den Online-Verkauf?
Langfristig gehen wir nicht davon aus, dass der Grossteil des Absatzes in der Schweiz online erfolgen wird. Ich persönlich kaufe Nahrungsergänzungsmittel gerne im Laden, um sie anzufassen und daran zu riechen. Wir werden uns nicht nur auf den Einzelhandel, sondern auch auf die Gastronomie konzentrieren, also auf Betriebe, in denen unsere Produkte vor Ort konsumiert werden können.
Wie geht man auf einen Giganten wie Coop oder Migros zu? Schickt man ihnen eine E-Mail mit dem Inhalt: «Hey, ich habe ein tolles Produkt für Sie»?
Haha, das kann man machen, aber die antworten nicht! Selbst wenn man schön verpackte Pakete mit einem handgeschriebenen Brief verschickt, ist es aussichtslos. Coop wird niemals ein Lieferantenkonto für eine kleine Schweizer Marke eröffnen, selbst wenn diese Hunderttausende oder gar Millionen Dosen im Jahr verkauft. Im Allgemeinen braucht man die Unterstützung eines Grosshändlers, der einem die Möglichkeit gibt, gelistet zu werden. Und dann kommt noch eine beträchtliche Investition ins Spiel.
Haben Sie bereits einen Vertriebspartner?
Ja, wir haben jetzt auch einen Vertrag mit dem Vertriebspartner Cyradis, einem der wichtigsten Anbieter in der Romandie.
Reden wir über Geld: Wie haben Sie die zwei Jahre Entwicklung, Forschung und Tests finanziert?
Wir haben uns bis zum Anschlag verschuldet! (lacht) Jetzt suchen wir nach echten Partnern, damit wir uns irgendwann ein Gehalt auszahlen und weitermachen können. Aber wir haben das alles alleine geschafft.
Okay, eine letzte Frage. Haben Sie schon einen Markenbotschafter im Auge? Wenn ja, welchen Promi würden Sie sich am liebsten angeln?
Also … Das Problem mit der Schweiz …
Das Problem ist ... dass Federer schon anders verpflichtet ist?
Ja, und Marco Odermatt, der bei Red Bull drei Millionen im Jahr verdient. Es gibt nicht viele Leute, die wir unbedingt als Revivr-Repräsentanten sehen. Wir warten darauf, dass sich unsere Geschichte entwickelt, dass wir eine echte Geschichte zu erzählen haben. Wir möchten zunächst aktiver sein und uns vorzugsweise in den sozialen Medien stärker als Gründer präsentieren.
Leider habe ich das Gefühl, dass wir in der Schweiz etwas unterrepräsentiert sind. Lokale Marken setzen oft auf dieselben Profile, wie Stan Wawrinka, Yann Sommer … Deshalb gibt es momentan keinen Plan mit Markenbotschaftern! Wir wollen wirklich eine eigenständige Marke werden und nicht nur «die Marke von X oder Y». Sollte Herr Federer mich morgen anrufen, werde ich natürlich trotzdem rangehen.
