Schweiz
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Interview

«Noch lange nicht das Ende»: Das sagt die Epidemiologin zu den tiefen Covid-Fallzahlen

Die Covid-19-Fallzahlen in der Schweiz sinken, mehrere Kantone melden seit Tagen keine neuen Infizierten. Die Epidemiologie-Professorin Olivia Keiser von der Universität Genf ist Mitglied der wissenschaftlichen Task Force des Bundesrates. Sie erklärt, was die tiefen Zahlen jetzt bedeuten.



Frau Keiser, vergangenen Dienstag wurden schweizweit nur noch 28 Fälle gemeldet. Die Zahl der Covid-19-Erkrankten geht immer mehr zurück. Besteht Grund zur Freude?
Olivia Keiser:
Unsere Modellrechnungen haben gezeigt, dass die Massnahmen des Bundesrates sicher einen Effekt haben werden. Wie gross dieser sein wird, konnten wir vorab nicht genau abschätzen, da viele Faktoren mitspielen können. Dass die Zahlen jetzt relativ schnell zurückgehen, ist auf jeden Fall ein gutes Zeichen.

Könnte es sein, dass es bald in der ganzen Schweiz keine neuen Corona-Erkrankten mehr geben wird?
Auszuschliessen ist das nicht. Vielmehr gehe ich aber davon aus, dass die Zahlen weiterhin schwanken werden. Bald kommt der 11. Mai und weitere Lockerungen stehen an. Das Schwierige ist, dass man die Auswirkungen der Wiedereröffnungen nicht sofort sehen kann. Die Verzögerung bleibt eines der grösseren Probleme. Ausserdem dürfen wir nicht vergessen, dass die Dunkelziffer der Fälle höher ist. Die Seroprävalenz-Studie aus Genf hat gezeigt, dass es ungefähr fünf- bis sechsmal mehr Personen gibt, die wahrscheinlich infiziert worden sind, als gemeldet wurden.

«Trotz der tiefen Fallzahlen müssen wir uns bewusst sein: Das ist noch lange nicht das Ende dieser Pandemie.»

Wie müssen wir denn nun die neuen Zahlen interpretieren?
Dass nur noch sehr wenig neue Fälle registriert werden, heisst nicht, dass es sie nicht mehr gibt. Wir dürfen uns keine falschen Hoffnungen machen. Trotz der tiefen Fallzahlen müssen wir uns bewusst sein: Das ist noch lange nicht das Ende dieser Pandemie.

Sie sagen es selber, nur noch wenige Tage und dann werden Läden, Schulen und Freizeitangebote geöffnet. Geht es Ihnen zu schnell?
Es sind viele Öffnungen gleichzeitig. So kann man nicht mehr nachverfolgen, welchen Einfluss die einzelnen Lockerungsmassnahmen haben. Mir macht es Sorgen, wie sich nun die Lockerungen in Kombination mit den tiefen Fallzahlen auf das Verhalten der Bevölkerung auswirken. Es besteht die Gefahr, dass die Zahlen wieder schnell zunehmen. Die Frage, wie gross diese Zunahme sein wird, ist zur Zeit schwierig abschätzbar.

Wovon hängt das ab?
Das hängt von vielen Faktoren ab. Unter anderem davon, ob die Leute die Distanzempfehlungen einhalten, ob Masken getragen werden und wie gut das Contact Tracing läuft. Da eine Prognose zu machen, ist nicht möglich. Sobald die Menschen wieder mehr zu ihrem früheren Lebensstil zurückkehren und die Kontakte zunehmen, könnten die Ansteckungen wieder stark ansteigen.

«Wenn jede Person im Durchschnitt weniger als eine weitere Person ansteckt, kommt die Epidemie über die Zeit zum Erliegen.»

Sie sagen, dass die Fälle wieder exponentiell zunehmen könnten. Ist das ohne Grossveranstaltungen überhaupt möglich, gerade diese waren doch für die schnelle Ausbreitung verantwortlich?
Meines Erachtens ist es wichtig, dass das Verbot von Grossveranstaltungen weiterhin beibehalten wird. Gerade am Anfang der Epidemie waren die Infektionsherde wahrscheinlich mit diesen Events verbunden. Allerdings sind die Leute heute vorsichtiger. Deshalb wird es hoffentlich nicht denselben Anstieg geben wie noch vor zwei Monaten.

Am Anfang der Coronakrise war das Ziel klar: Die Ansteckungskurve flach halten, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Jetzt sind die Fallzahlen tief und die Leute fragen sich: Worum geht es denn jetzt eigentlich noch?
Ich hoffe, dass das digitale Contact Tracing bald eingeführt werden kann und dass die App dann möglichst grossflächig benutzt wird. Wir müssen beide Methoden, das klassische Contact Tracing und die App voll ausnutzen. Wir werden aber auch weiterhin Fälle verpassen, das ist klar. Aber je mehr Fälle verhindert werden können, desto besser.

Abgesehen vom Contact Tracing, was ist jetzt das Ziel?Dass die Fallzahlen weiterhin tief bleiben und es auch lokal nicht mehr zu grösseren Ausbrüchen kommt. Wenn jede Person im Durchschnitt weniger als eine weitere Person ansteckt, kommt die Epidemie über die Zeit zum Erliegen.

«Man kommt so oder so nicht daran vorbei, die Massnahmen wieder zu verstärken, wenn die Fallzahlen schnell steigen.»

Mit den Lockerungen nehmen Mobilität und Kontakte zu. Contact Tracing und gezielte Isolation sind aber nur möglich, wenn es weniger als 100 neue Fälle pro Tag gibt. Ist das nicht ein Widerspruch?
Ich kenne die genaue Kapazität fürs Contact Tracing auf kantonaler Ebene nicht. Klar ist aber: Wenn die Anzahl neuer Fälle wieder stark wächst, wird das Contact Tracing schwierig. Ebenfalls wird es eine Herausforderung sein, mit den kommenden Lockerungen die Fallzahlen weiterhin tief zu halten.

Wie schauen Sie den nächsten Monaten entgegen?
Das ist eine schwierige Frage. Ich hoffe, dass die Fallzahlen weiterhin möglichst tief bleiben. Ich habe etwas Angst, wie sich die Situation mit den Lockerungen entwickeln wird; man muss daher möglichst schnell reagieren, wenn es Probleme gibt.

In einem Interview mit watson hat der Epidemiologie-Professor Marcel Salathé gesagt, ein erneuter Shutdown sei nicht durchführbar. Teilen Sie diese Meinung?
Nicht unbedingt. Wenn die Fallzahlen wieder stark zunehmen, muss man reagieren. Die Frage ist jedoch, in welcher Sequenz es wieder Massnahmen geben wird. Es gilt zu entscheiden, welche Massnahmen wieder eingeführt werden müssen und in welcher Reihenfolge. Es wird nun geforscht, um ein besseres Verständnis des Effekts der einzelnen Massnahmen zu bekommen. Es gibt auch Massnahmen, die im Bezug auf die Verbreitung des Virus nicht so wirksam sind, jedoch einen grossen Einfluss auf die Wirtschaft und Gesellschaft haben können. Diese könnte man dann weglassen. Man kommt aber so oder so nicht daran vorbei, die Massnahmen wieder zu verstärken, wenn die Fallzahlen schnell steigen.

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