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Maulwurf in der Bundespolizei – Insider verkauft Infos an Drogen-Mafia

Maulwurf in der Bundespolizei – Insider verkauft Infos an Drogen-Mafia

Das sind Zustände wie in Italien: Ein Insider im Bundessicherheitsdienst soll Informationen an eine Drogen-Mafia verkauft haben. Die Bundesanwaltschaft liess sechs Personen festnehmen.
29.04.2026, 04:5929.04.2026, 04:59
Henry Habegger
Henry Habegger

Im Bundesamt für Polizei Fedpol war früh an diesem Dienstagmorgen spürbar, dass Dramatisches vorgefallen sein musste. Es herrschte Betriebsamkeit wie in einem Bienenhaus, wie sich jemand ausdrückte. Später am Tag wurde klar, warum: Im eigenen Betrieb, im Fedpol, war ein mutmasslicher Mafia-Maulwurf aufgeflogen.

Dramtischer Auftritt: Fedpol-Chefin Eva Wildi-Cortés informierte am Dienstag über einen Maulwurf bei der Bundespolizei.
Dramtischer Auftritt: Fedpol-Chefin Eva Wildi-Cortés informierte am Dienstag über einen Maulwurf bei der Bundespolizei.Bild: screenshot

Fedpol-Chefin Eva Wildi-Cortès setzte intern und gegenüber der Öffentlichkeit auf schnelle Transparenz. Sie richtete sich in Videobotschaften zunächst ans Fedpol-Personal, danach an die Öffentlichkeit. In drei Sprachen sagte sie:

«Trotz aller Gegenmassnahmen können kriminelle Organisationen auch staatliche Institutionen unterwandern – sogar die Polizei.»

Der Fall beweise, dass «das Risiko der organisierten Kriminalität, vor dem wir schon länger warnen, real ist». Er mache «das ganze Fedpol und mich persönlich betroffen». Einer ihrer Mitarbeiter soll Informationen an die Mafia verkauft haben.

Sechs Personen verhaftet

Früher am Tag hatten Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalpolizei zugeschlagen. Sie verhafteten in mehreren Kantonen sechs Personen, unter ihnen den Maulwurf. Vorwurf: Verdacht auf Beteiligung an oder Unterstützung einer kriminellen Organisation, die in der Schweiz im Bereich Drogenhandel aktiv ist.

Wie auch die Bundesanwaltschaft mitteilte, arbeitet der mutmassliche Verräter im Bundessicherheitsdienst. Er soll «gegen Entgelt vertrauliche Informationen an mindestens eine weitere im vorliegenden Verfahren beschuldigte Person weitergegeben haben».

Im Bundessicherheitsdienst arbeiten rund 150 der über 1000 Fedpol-Beschäftigten. Sie kümmern sich um den Schutz von Bundesratsmitgliedern, Parlamentariern, ausländischen Gästen, Bundesgebäuden sowie diplomatischen Vertretungen.

Die Person steht laut Bundesanwaltschaft – neben den Vorwürfen gegen die übrigen fünf – zusätzlich unter dem Verdacht der Bestechlichkeit, der Verletzung des Amtsgeheimnisses sowie der Begünstigung.

Ein Polizist des Bundesamts fuer Polizei Fedpol bewacht den Eingang zum Vorzimmer des Nationalrats, waehrend der Sondersession des Nationalrats, am Dienstag, 6. Mai 2025 im Nationalrat in Bern. (KEYST ...
Auch er musste gestern erfahren, dass sich ein mutmasslicher Mafia-Maulwurf in den eigenen Reihen befand: Ein Polizist des Bundesamts für Polizei Fedpol bewachte am Dienstag in der Sondersession den Eingang zum Vorzimmer des Nationalrats.Bild: keystone

Unklar ist, um welche kriminelle Organisation es genau geht. Weder Bundesanwaltschaft noch Fedpol wollten sich dazu näher äussern – mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen. Auch zu den sechs Verhafteten machten die Behörden keine weiteren Angaben.

Epizentrum in Basel und Aargau

Immerhin teilte die Bundesanwaltschaft mit, dass sie im laufenden Strafverfahren insbesondere mit den Polizeien der Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Aargau zusammengearbeitet habe. Das deutet darauf hin, dass die Täter in dieser Region verhaftet wurden.

In den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft sowie in Frankreich und Deutschland fanden zudem zwölf Hausdurchsuchungen statt, so die Bundesanwaltschaft. Es gibt also starke Bezüge zu diesen beiden Nachbarstaaten. Der Intervention liegen ein «Strafverfahren der Bundesanwaltschaft gegen mehrere natürliche Personen und umfassende Ermittlungen der Bundeskriminalpolizei zugrunde».

Auf die Spur des mutmasslichen Maulwurfs kam Fedpol offenbar selbst. Wildi sagte:

«Unsere Ermittlerinnen und Ermittler sind auf die ersten Anzeichen gestossen, haben sofort und richtig gehandelt, die Abklärungen intensiviert und die Bundesanwaltschaft informiert.»

Im Zuge der Ermittlungen in einem Verfahren gegen die organisierte Kriminalität sei die Bundeskriminalpolizei «auf Auffälligkeiten hinsichtlich dieser Person gestossen und hat diese der Bundesanwaltschaft gemeldet», hielt Fedpol fest. Diese Person habe «mutmasslich schwerwiegende Verstösse gegen gesetzliche und dienstliche Verpflichtungen begangen». Sie stehe selbst auch im Verdacht, an einer kriminellen Organisation beteiligt zu sein oder diese unterstützt sowie am Drogenhandel teilgenommen zu haben.

Fedpol prüft zusätzliche Massnahmen

Ein Mafia-Maulwurf bei Fedpol: Die Verflechtung der organisierten Kriminalität in staatliche Institutionen nimmt zu. «Der vorliegende Fall zeigt, dass die organisierte Kriminalität auch in der Schweiz legale Strukturen, auch staatliche, unterwandern und somit den Rechtsstaat gefährden kann», hielt Fedpol am Dienstag fest. Es setze «alles daran, dieses mutmasslich gravierende Fehlverhalten und die Hintergründe intern rasch, umfassend und lückenlos aufzuklären». Zusätzliche interne Präventions- und Kontrollmassnahmen würden geprüft.

Dass der Fall ausgerechnet beim Bundessicherheitsdienst passiert ist, erstaunt Beobachter nicht wirklich. Das Commitment, also die Bindung und Loyalität von Angestellten an Arbeit und Arbeitgeber, sei möglicherweise nicht bei allen gleich gross wie beispielsweise bei der Bundeskriminalpolizei.

Auch Wildis Vorgängerin Nicoletta Della Valle warnte immer wieder vor einer Unterwanderung der Behörden durch die Mafia. 2024 sagte sie zu CH Media:

«Bei Fedpol haben wir Fälle gehabt, in denen wir sagen mussten: Diese Person können wir nicht anstellen, weil ihre Familie Mafiabezüge hat.»

Das seien Leute, gegen die nichts vorliege. «Aber wir kennen die ungeschriebenen Gesetze von Verwandtschaft und Loyalität in der Mafia.» Und sie ergänzte:

«Wir sehen auch Politiker, die sich mit Exponenten der organisierten Kriminalität zum Mittagessen treffen.»

(aargauerzeitung.ch)

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8 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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HKD
29.04.2026 05:45registriert November 2022
Zum letzten Satz, in roter Schrift, würden mich noch ein paar Namen interessieren. 🤔

Ich gestehe, diesbezüglich bin ich etwas neugierig.
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Kleinhirn
29.04.2026 05:44registriert September 2023
Das wird wohl nur die Spitze des Eisberges sein. Es gibt ganz offensichtlich auch zu viele leere Kebapläden, Coiffeure, Nägeliläden, obskure Baugeschäfte etc. Aber das sind ja alles gute Steuerzahler. Die schweizer Gemeinden unterstützt mit solchem gebaren bei Bewilligungen ganz unverhohlen die Mafia.
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