«Trump ist wie ein Gangster, der Schutzgeld will»: Warum der Westen erpressbar wird
Donald Trump habe die Weltwirtschaft mit seinem Iran-Krieg in eine absurde Situation hineingeführt, sagt Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA). Sie sei gigantische 110'000 Milliarden Dollar gross, werde jedoch von wenigen hundert bewaffneten Männern in Geiselhaft genommen – allein durch die Kontrolle der stellenweise nur 50 Kilometer breiten Strasse von Hormus. Birol dazu: «Das ergibt überhaupt keinen Sinn.»
Wenige Hundert Männer hier, ein 110'000-Milliarden-Gigant dort – aber es ist der Gigant, der in den Worten von IEA-Chef Birol einen «grossen, grossen, grossen Schlag abbekommt».
Daraus gelte es, Lehren zu ziehen, sagt Birol. Man dürfe sich nicht zu sehr auf ein einzelnes Land verlassen, nicht auf eine einzige Handelsroute, nicht auf eine einzige Energiequelle. «Das ist immer riskant, man muss diversifizieren». Es ist eine Empfehlung, die eigentlich auf der Hand liegt. Schon im Volksmund wird davon abgeraten, alle Eier in denselben Korb zu legen. Doch genau das tut Europa geradezu standhaft, seit Jahrzehnten. Birol nennt das «a funny thing», eine seltsame Sache.
Nach den Öl-Schocks der 1970er-Jahre wollte sich Europa frei machen von der Abhängigkeit vom Nahen Osten. Also kaufte es mehr Öl und Gas aus Russland – und machte sich wiederum abhängig. Man verliess sich zu sehr auf Russland, selbst als Wladimir Putin zum Alleinherrscher wurde, selbst als er 2014 die ukrainische Krim annektierte. Man erwachte erst, als es zu spät war. Als Russland 2022 die Ukraine überfiel. Putin verknappte die Gaszufuhr und trieb die europäischen Energiepreise auf Rekordhöhen hinauf. Birol sagte: «Europa zahlte einen hohen Preis.»
Danach wurde es erneut «funny». Europa flüchtete vor Russland in die starken Arme der US-Energieindustrie. Das schien unter US-Präsident Joe Biden vernünftig. Daraus entstand jedoch beim Flüssiggas die nächste Abhängigkeit, die Trump ausnutzen könnte, wenn ihm Europa so stark «auf die Nerven geht», wie Bundesrätin Karin Keller-Sutter.
Spanien zum Beispiel ist Trump anscheinend auf die Nerven gegangen, als es ihm Hilfe im Iran-Krieg verweigerte. Im Verteidigungsministerium kursieren nun laut der Nachrichtenagentur «Reuters» mögliche Strafmassnahmen wie etwa die Idee, Spaniens Mitgliedschaft in der Nato auszusetzen.
Jetzt ist die Strasse von Hormus die jüngste Abhängigkeit. Dieses Mal trifft es indessen nicht Europa allein. Indem das iranische Regime die Meeresenge blockiert, hat es die globalen Energiemärkte im Würgegriff – und schlachtet dies für seine Propaganda aus.
Selbst die USA können sich diesem Griff nicht entziehen, obschon sie der weltgrösste Erdöl-Produzent sind. Der Rohölpreis bildet sich global, und wenn er steigt, steigen die Energiepreise in den USA genauso wie in Europa. Und nicht nur das. Das teure Erdöl zwingt laut «Bloomberg» nun auch Chinas Exporteure, ihre Preise zu erhöhen – von Klimaanlagen über Schwimmanzügen bis zu Schönheitsprodukten.
Versteht nicht, wie gross die Herausforderung ist
Die Welt sollte schnell lernen, sich von der Gefahr solcher Engpässe zu befreien, auf Englisch auch «Choke Points» genannt. Es gibt auf der Welt noch zahlreiche weitere, oft gefährlichere Engpässe.
Im globalen Energiemarkt ist die Strasse von Hormus längst nicht der einzige «Choke Point» und auch nicht einmal der Wichtigste. Es gibt mindestens acht Engpässe, wie eine vom Vermögensverwalter Apollo erstellte Weltkarte zeigt. Der wichtigste darunter ist die in Südostasien gelegene Strasse von Malakka, zwischen der Malaiischen Halbinsel und der indonesischen Insel Sumatra. Durch diese Meeresenge passieren in ruhigen Zeiten täglich 23,2 Millionen Barrel an Erdöl, also noch mehr als durch die Strasse von Hormus mit 20,9 Millionen Barrel.
Die Geografie des Erdöl-Risikos
Und noch mehr Aufklärungsbedarf sieht Birol bei den seltenen Erden: «Die Welt versteht nicht, wie gross dort die Herausforderung ist.» Sie verstehe nicht, wie sehr die Förderung und vor allem die Verarbeitung dieser Metalle in China konzentriert sei. Und sie verstehe nicht, wie wichtig diese Metalle sind. «Einige Menschen glauben, es ginge nur um Bildschirme und Elektroautos – das ist vollkommen falsch.»
Der IEA zufolge ist die Konzentration etwa bei seltenen Erden für spezielle Magnete riesig. Bei der weltweiten Förderung kommt China auf einen Anteil von 60 Prozent, bei der Verarbeitung gar auf 90 Prozent und bei einigen weiteren Verarbeitungsstufen sogar auf 95 Prozent. Diese seltenen Erden – insgesamt 17 Elemente – würden «in der gesamten Wirtschaft gebraucht».
So etwa in der Medizintechnik, bei Elektroautos, in der Unterhaltungselektronik, in KI-Datenzentren, in Radaranlagen und Nachtsichtgeräten – in Hunderten von Produkten. Birol warnt: «Wir haben es jetzt mit einem einzigen Hormus zu tun, allerdings warten noch viele Hormus auf uns.»
Welche politische Sprengkraft die seltenen Erden haben, mussten erst kürzlich europäische Unternehmen erkennen, die in China produzieren. Ihre Handelskammer schlägt Alarm wegen der chinesischen Exportkontrollen von seltenen Erden. Chinas Präsident Xi Jinping hatte diese Kontrollen verschärft, um sich gegen Trumps wirre Zölle zu wehren. Trump lenkte tatsächlich ein. Die Kontrollen sind nun bis im November dieses Jahres ausgesetzt. Die europäische Handelskammer ist nun in einem Bericht den möglichen Folgen nachgegangen – und war selbst überrascht.
In einer Umfrage gab fast ein Drittel der Mitglieder an, von den Kontrollen betroffen zu sein. In Anbetracht der wenigen kontrollierten Stoffe sei die Menge an betroffenen Produkten «unglaublich», heisst es. Der Präsident der Handelskammer, Jens Eskelund, sagte: «Ich glaube nicht, dass irgend jemand wirklich weiss, ob Europa ohne China überhaupt Zahnpasta herstellen könnte».
Hat die Schweiz ohne China noch Zahnpasta?
Die Schweiz sollte sich besser gegen Engpässe schützen wo möglich, rät Hans Gersbach, der Direktor des KOF-Instituts der ETH Zürich. Wichtig seien etwa stabile Beziehungen zu den wichtigsten Handelspartnern USA, Europäischen Union und China sowie zu Ländern mit einer ähnlichen Ausgangslage: wirtschaftlich stark, aber verwundbar. «Diese Länder besitzen weniger Drohpotenzial.» Generell gelte es, sich ein klares Bild von den Abhängigkeiten zu verschaffen. «Transparenz ist die Grundlage jeder klugen Strategie.» Anders gesagt: Auch die Schweiz sollte sich fragen, ob sie ohne China noch Zahnpasta hat?
Dass Abhängigkeiten zur Gefahr geworden sind, hängt mit Trump zusammen. Adam Posen, Chef des Peterson-Instituts, hat diesen Wandel in einem Interview mit dem Magazin «The Atlantic» erklärt. Vor Trump hätten die USA die wirtschaftliche Integration von Ländern wie eine Versicherung abgesichert – indem sie etwa global für Sicherheit sorgten. Trump habe aus dieser Versicherung eine «Schutzgelderpressung» gemacht. Wie ein «Gangster» sage er den Leuten: «Du hast hier eine schöne Volkswirtschaft, wäre schade, wenn ihr irgendetwas passieren würde.»

