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Mafia-Informant bei Fedpol: Spitzel war länger im Fokus der Behörden

Mafia-Informant bei Fedpol: Der Spitzel war schon länger im Fokus der Behörden

Ausgerechnet aus jener Behörde, die die organisierte Kriminalität bekämpfen soll, sind Infos an die Mafia geflossen. Dabei hat der mutmassliche Informant gutes Geld verdient.
30.04.2026, 04:0030.04.2026, 04:00
Henry Habegger
Henry Habegger
Michael Graber
Michael Graber

Die richtige Information muss zur richtigen Zeit auf die richtige Weise an die richtige Stelle gelangen.

Das hält die Bundespolizei Fedpol als eine ihrer «Arbeitsgrundlagen» fest. «Effektives Daten- und Informationsmanagement ist Voraussetzung für erfolgreiche Kriminalitätsbekämpfung und für die Erfüllung sämtlicher Missionen», heisst es weiter.

Blick in die Supplementary Information Request at the National Entry (SIRENE), der Einsatzzentrale des Bundesamts fuer Polizei (fedpol), aufgenommen am Montag, 11. August 2008 in Bern. Das SIRENE-Buer ...
Im Zusammenhang mit dem Fedpol-Spitzel kam es in mehreren Kantonen zu Verhaftungen und Hausdurchsuchungen. (Symbolbild)Bild: KEYSTONE

Wenn die falschen Informationen zur falschen Zeit an die falsche Stelle gelangen, ist das das Schlimmste für diese Behörde. Insbesondere dann, wenn sie aus ihrem Inneren stammen.

Über mehrere Jahre hat ein Mann mutmasslich Informationen an eine kriminelle Organisation verkauft, die im Drogenhandel aktiv ist. Es sei eine «mögliche interne Informationsquelle» verhaftet worden, die «gegen Entgelt vertrauliche Informationen» weitergegeben habe. Was das für Infos waren, wer die genauen Empfänger waren und was damit verhindert wurde? Dazu schweigt die Fedpol.

«Erhebliche Summen» für Informationen kassiert

Interessant für Drogenbanden wären unter anderem interne Fahndungslisten und Informationen zu laufenden Operationen der Bundespolizei.

Klar ist auch: Für diese Informationen dürfte er «erhebliche Summen» erhalten haben, wie es jemand ausdrückt. Es soll sich um einen Schweizer Staatsbürger handeln, wie die übrigen Verhafteten auch. Möglicherweise mit Migrationshintergrund. Der Mann arbeitet beim Bundessicherheitsdienst. Dieser kümmert sich um den Schutz von Bundesratsmitgliedern, Parlamentariern, ausländischen Gästen, Bundesgebäuden sowie diplomatischen Vertretungen. Es ist kein Kadermann, sondern eine Person, die im Personenschutz aktiv war.

In dieser Funktion hatte der Mann berufsbedingt auch Zugang zu Daten, Adressen, Programmen von Personen, die er schützen musste: Bundesräte, Parlamentarier, ausländische Staatsgäste, hohe Beamte, Diplomaten und so weiter. Je nachdem, welche kriminelle Organisation hinter den Verhafteten stand, könnte das Abfliessen solcher Informationen brandgefährlich sein.

Spezialeinheiten verhaften in Basel Verdächtige

Festgenommen wurde er im Rahmen einer grösseren Aktion. Sechs Personen wurden verhaftet, zwölf Hausdurchsuchungen durchgeführt. Auch in Deutschland und Frankreich schlug die Polizei zu.

Spezialeinheiten waren am helllichten Tag im Einsatz. Ein von «20Minuten» verbreitetes Leservideo zeigt, wie eine Anti-Terroreinheit in Kleinhüningen in Basel offenbar mehrere Personen mitten auf der Fahrbahn verhaftet. Die Polizisten blockieren mit mehreren Fahrzeugen den Verkehr und holen einen Mann aus einem Wagen, verbinden ihm die Augen und bringen ihn zu einem schwarzen Van. Ein weiterer Mann wird wenig später abgeführt. Im Video ist auch zu sehen, wie zwei Polizisten mit gezückten Waffen ein graues Auto durchsuchten.

Ob der mutmassliche Maulwurf auch dort verhaftet wurde, ist nicht bekannt. Ungewöhnlich ist der Einsatz tagsüber im Stadtverkehr aber so oder so. Das deutet darauf hin, dass die Polizei aus irgendeinem Grund schnell zugreifen musste.

Gemäss Quellen war die Bundespolizei dem Mann schon länger auf der Spur. Er soll seit Monaten schon unter Beobachtung gestanden haben.

«Diese Person hat mutmasslich schwerwiegende Verstösse gegen gesetzliche und dienstliche Verpflichtungen begangen», sagt Fedpol-Chefin Eva Wildi-Cortés in einem Videostatement. Das Setting ist dunkel gehalten, im Hintergrund eine Fahne der Bundespolizei, die Worte sind klar. «Wir setzen alles daran, dass dieser Fall rasch und lückenlos aufgearbeitet wird», so Wildi-Cortés. Auch in Zukunft werde Fedpol «entschlossen» gegen die organisierte Kriminalität vorgehen.

«Wir stören die organisierte Kriminalität»

Um welche kriminelle Organisation es geht, ob es sich um eine «Schweizer» Gruppierung handelt und welche grössere ausländische Mafia-Bande dahintersteht, ist nicht klar. Aber die Anzeichen verdichten sich, dass es sich um einen für Schweizer Verhältnisse aussergewöhnlich grossen und schwerwiegenden Fall handelt. Mit Verbindungen ins Ausland, zu potenten kriminellen Organisationen. Man sehe im Moment nur die Spitze des Eisbergs, wie sich jemand ausdrückt. Es wird davon ausgegangen, dass die Ermittlungen noch lange dauern.

Dass die Verhaftungen im Raum Basel stattfanden, könnte beispielsweise auf türkische Kreise im Hintergrund hindeuten. Diese sind in Basel stark vertreten. Eva Wildi-Cortés warnte erst kürzlich öffentlich vor der Brutalität und dem grossen Gewaltpotenzial der türkischen Mafia, die von Deutschland her in die Schweiz dränge. Aber es gibt eine Reihe anderer gefährlicher Strukturen, die hier aktiv sind.

Ein grösseres Problem hat laut Insidern der Maulwurf, der als Polizist arbeitete. Er wird entscheiden müssen, ob er reden oder schweigen will gegenüber den Ermittlern. Wenn er redet, riskiert er möglicherweise Kopf und Kragen: Kriminelle Organisationen mögen es nicht, wenn Zeugen aussagen. Sie versuchen in der Regel, durch Vertrauensanwälte Einfluss auf das Aussagenverhalten von Beschuldigten zu nehmen. Und in Erfahrung zu bringen, wer welche Aussagen macht.

«Fedpol stört die organisierte Kriminalität in der Schweiz durch präventive, kooperative und repressive Massnahmen», steht in den Zielen der Bundespolizei. (aargauerzeitung.ch)

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36 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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N. Y. P.
30.04.2026 07:16registriert August 2018
Gut, ist der Strohmann aufgeflogen. So können Prozesse durchluchtet werden.

Was mich mehr beunruhigt, als dieser Fall, ist die Tatsache dass die Direktorin der Bundesstaatsanwaltschaft eher beiläufig erwähnt hat, dass sich gewisse Politiker regelmässig mit Leuten im Dunstkreis der organisierten Kriminalität treffen.

Ich wünsche mir mehr Druck von Seiten der Presse, dass hier aufgedeckt wird. Oder einen Whistleblower, der die Namen der Politiker den Medien bekannt macht.

Diese Kloake muss jetzt weiterverfolgt werden.
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RüdigerBreitenhals
30.04.2026 06:17registriert Juli 2019
Solche Berichte lösen bei mir Sorgen aus, dass wir Zustände kriegen wie in Italien oder Schweden. Üble Sache.
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Kont2550
30.04.2026 06:23registriert Juni 2021
"...gutes Geld verdient." Unter verdienen verstehe ich etwas anderes. Dieser Informant hat das Geld eher genommen oder bekommen, aber sicher nicht verdient.
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