International
Deutschland

Analyse: Friedrich Merz erweist sich als überforderter Kanzler

German Chancellor Friedrich Merz attends a joint press conference with Federal Minister of Health Nina Warken after the cabinet meeting at the chancellery in Berlin, Germany, Wednesday, April 29, 2026 ...
Ein ohne Not begangener Fehler folgt bei ihm auf den nächsten: Friedrich Merz bei einem Auftritt im Berliner Kanzleramt.Bild: keystone

Einsamer nie als im Mai: Friedrich Merz erweist sich als überforderter Kanzler

Ein Jahr nach ihrem Amtsantritt scheint die deutsche Regierung bereits am Ende zu sein. Das hat mit den äusseren Umständen zu tun, aber auch mit der Person des Kanzlers.
01.05.2026, 14:0501.05.2026, 14:05
Hansjörg Friedrich Müller, Berlin / ch media

Friedrich Merz’ Koalition steckt in der Krise. Das war angesichts der äusseren Umstände zu erwarten gewesen. Dass sich die deutsche Regierung derart desaströs präsentieren würde, und dies gerade einmal ein Jahr nach ihrem Amtsantritt, ist dennoch eine Überraschung.

Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage, Europas Herausforderung durch Trump und Putin und des Aufstiegs der AfD hätte man erwartet, dass Merz’ Christdemokraten und ihr sozialdemokratischer Partner sich trotz ideologischer Unterschiede zu wirksamen Reformen durchringen würden. Die Kompromisse, die sie bisher gefunden haben, dienen allerdings eher dazu, das Überleben der Regierung zu sichern, als die Lage des Landes entscheidend zu verbessern. In einer Krise ist das fatal.

Ein Kanzler müsste aus härterem Holz sein

Dass die Koalition zerbricht, ist zwar immer noch weniger wahrscheinlich, als dass sich die Regierung bis zum nächsten regulären Wahltermin in drei Jahren dahinschleppt. Ob Merz bis dahin Kanzler bleibt, ist allerdings eine andere Frage: Zweifel an ihm wachsen auch in seiner eigenen Partei.

Merz’ Schwierigkeiten haben nämlich nicht nur mit den Umständen, sondern auch mit seiner Person zu tun. Die Liste seiner verbalen Fehlleistungen ist lang: Manches wird von einer aufgeregten Presse hochgespielt, so etwa seine Klage über «Probleme im Stadtbild»,nach der ihm – gewiss zu Unrecht – Rassismus unterstellt wurde.

Ein Regierungschef muss damit leben, dass politische Konkurrenten, aber auch Journalisten seine Aussagen zu seinem Nachteil auslegen. Ein Spitzenpolitiker sollte in der Lage sein, derartige Situationen zu antizipieren und möglichst zu vermeiden. Dass das nicht immer gelingen kann, ist klar, doch Merz scheitert allzu oft daran, als dass man noch von blossem Pech sprechen könnte.

Jüngst sagte er dem «Spiegel», kein anderer Bundeskanzler habe derart harte Angriffe ertragen müssen wie er. Selbst oberflächliche Kenntnisse der deutschen Nachkriegsgeschichte genügen, um die Absurdität seiner Aussage zu erkennen: Jeder Regierungschef der Bundesrepublik wurde verbal mindestens so brutal angegangen wie Merz, einige noch deutlich härter, etwa der Sozialdemokrat Willy Brandt, dem CDU-Leute selbst seine uneheliche Geburt zum Vorwurf machten.

Merz hat ebenso wenig eine Strategie wie Trump

Merz’ Larmoyanz ist menschlich verständlich: Wer sich in einer schwierigen Situation befindet, empfindet seine Lage oft als noch düsterer, als sie tatsächlich ist. Weniger verständlich ist, dass seine Presseleute die Aussage stehen liessen. Im deutschsprachigen Journalismus ist es üblich, dass der Befragte ein Interview vor der Veröffentlichung gegenlesen und Änderungen am Wortlaut vornehmen kann. Entweder tut sich hier ein Abgrund an Unprofessionalität im Kanzleramt auf – oder einige seiner Mitarbeiter wollen dem Kanzler schaden.

Nur wenige Tage vor Erscheinen des «Spiegel»-Gesprächs war Merz durch einen weiteren ohne Not begangenen Fehler aufgefallen: Vor Schülern in seiner sauerländischen Heimat hatte er gesagt, die Amerikaner hätten im Iran «offensichtlich keine Strategie». Merz wisse nicht, wovon er rede, antwortete der amerikanische Präsident Donald Trump.

In der Sache hat der Kanzler wohl recht, und auch die Frage, ob es die Selbstachtung erlaubt, sich mit einem Rüpel wie Trump auf Dauer gut zu stellen, ist berechtigt. Allerdings spricht einiges dafür, dass Merz einmal mehr unüberlegt gesprochen hat, hielt er sich bis vor Kurzem doch noch zugute, sein Verhältnis zum amerikanischen Präsidenten sei intakt. Eine Amerika-Strategie scheint der Kanzler jedenfalls genauso wenig zu haben wie Trump eine Iran-Strategie.

Dass er Kanzler wurde, ist bereits ein Krisensymptom

So wirkt Merz wie ein Mann, der im Amt überfordert ist. Das ist weniger überraschend, als es zunächst scheinen mag: Vor zwei Jahrzehnten, als er im besten Alter gewesen wäre, um Kanzler zu werden, wurde er es nicht. Die Qualität des politischen Personals war damals nämlich noch höher; an Konkurrenten wie Angela Merkel kam Merz nicht vorbei.

Dass er es mit siebzig Jahren doch noch ins Kanzleramt schaffte, ist einer Ausnahmesituation geschuldet: Seine Partei, aber auch die SPD waren personell und ideell ausgelaugt wie vielleicht nie zuvor in ihrer Geschichte. Schon Merz’ unwahrscheinlicher Aufstieg ist das Symptom einer Krise. Um die Probleme des Landes anzugehen, ist das eine denkbar schlechte Ausgangsposition. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Tunnelbohrer am Gotthard erreichen Etappenziel
1 / 9
Tunnelbohrer am Gotthard erreichen Etappenziel

Die Mineure der zweiten Gotthardröhre können sich feiern lassen.

quelle: keystone
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Der Kampf gegen das Kapitalismusmonster
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
71 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Gnu76
01.05.2026 14:46registriert Dezember 2016
Man darf es ja nicht laut sagen, aber Habeck wäre der bessere Kanzler gewesen. Ein Realist, der auch mal Entscheidungen gegen seine Überzeugungen getroffen hat.
4913
Melden
Zum Kommentar
avatar
Pointless Piraña
01.05.2026 14:25registriert Dezember 2019
Merz als Verkörperung des Peter Prinzip. Mehr als ein Karrierist und Ehrgeiz aber keine Vision für Deutschland oder Gesellschaft als Ganzes. Schlimmer noch: Das Deutschland, das ihm vorschwebt, existiert nicht.
Zumindest aber bleibt er beim Thema Ukraine klar.
383
Melden
Zum Kommentar
avatar
FrancoL
01.05.2026 14:14registriert November 2015
Ich kein besonderer Freund von Merz und auch nicht von der CDU/CSU, aber gleichwohl ist es falsch von einem überforderten Kanzler Merz zu sprechen!

Überfodert ist das Deutsche Volk, dass die Zeichen der zeit nicht erkennen wollte und heute noch nicht erkennen mag.

Das Deutsche Volk hat die HAUSAUFGABEN in den letzten 30 Jahren sträflich vernachlässigt, hat viel und gerne den anderen in Europa den Weg zeigen wollen und dabei den eigenen Weg verpasst oder verschlafen.
Heute ist es gespalten durch die die es nicht gerne begreifen mögen udn denen die in der AfD das HEIL suchen. Beides Holzwege
237
Melden
Zum Kommentar
71
Medikamente gegen Rohstoffe: USA verhandeln mit Hilfsgeldern
Die Regierung von Donald Trump droht der sambischen Regierung mit dem Entzug von Unterstützungsleistungen im Gesundheitswesen, sollte diese den USA keine Vorrechte auf Rohstoffe zugestehen.
Eine der ersten Amtshandlungen Donald Trumps, nachdem er 2025 in das Weisse Haus zurückkehrte, war die Streichung von Hilfs- und Fördergeldern für Länder und Organisationen im Ausland. Davon betroffen war auch das äusserst erfolgreiche Notfallprogramm zur HIV/AIDS-Bekämpfung PEPFAR. Mit dem 2003 durch George W. Bush initiierten Programm gelang in den Ländern des afrikanischen Kontinents der Durchbruch im Kampf gegen die damals grassierende HIV/AIDS-Epidemie.
Zur Story