IV-Rentnerin wegen ihrer Emetophobie: «Ich hasse es, dass ich mich immer rechtfertigen muss»
Es ist Heiligabend, als Amélie* in ihrem Bett liegt und mit dem Daumen über den Bildschirm ihres Smartphones wischt. Stundenlang. Als könnte sie so die Bilder dieses Abends fortschieben. Den Moment verdrängen, in dem sie die Kontrolle über ihren Körper verlor. In dem alles in ihr nach Flucht schrie, obwohl es für andere keinen sichtbaren Anlass dazu gab.
Zehn Minuten hatte sie an der Weihnachtsfeier ihrer Familie ausgehalten, bevor ihre Mutter sie nach Hause fahren musste. Dass es so weit gekommen ist, hält Amélie die ganze Nacht wach. Irgendwann tippt sie eine Nachricht an die Nummer 147 von Pro Juventute: «Ich brauche Hilfe.»
Bis sie an diesen Punkt gelangt ist, hat es Jahre gedauert.
Ihr Körper schlägt Alarm
Zum ersten Mal spürt Amélie mit 14 Jahren, dass etwas nicht stimmt. Als sie in den Ferien in einem Hotel ist, wird Kindern in ihrer Nähe schlecht. Die Erwachsenen schauen kurz hin und reden weiter. Amélie aber steht da und merkt, wie ihr Körper nur noch eines will: raus. Ihr Herz rast, ihr wird übel, sie will fliehen.
«Von da an wurde die Übelkeit und die Angst davor immer schlimmer», sagt Amélie.
In den Jahren danach beginnt Amélie Situationen zu meiden, in denen jemandem übel werden könnte. Während andere Teenager ausgehen, sich verlieben, sich ausprobieren, zieht sie sich zurück. Sie sagt Einladungen ab, bleibt lieber allein. Doch selbst dort hört es nicht auf. Im Fernsehen reicht eine Szene zum Thema, manchmal schon ein Satz, und ihr Körper schlägt Alarm.
Trotzdem versucht sie lange, möglichst normal weiterzumachen. Nach der Schule beginnt sie ein Wirtschaftsstudium. Sie verliebt sich. Nebenbei arbeitet sie in einem Escape Room. Von aussen sieht es so aus, als würde Amélie das Leben einer jungen Frau führen, das seinen Lauf nimmt. Und eine Zeit lang stimmt das sogar.
Der Bruch
Als im Sommer 2020 ihre Beziehung in die Brüche geht, stürzt sich Amélie ins Studium und die Arbeit. Im Studium absolviert sie 50 Credits in einem Semester statt der üblichen 30. Daneben arbeitet sie jede freie Stunde im Escape Room.
Dort begrüsst sie Gruppen, erklärt Abläufe, präsentiert. Das funktioniert eine Weile, doch kostet sie viel Energie. Erst später erkennt Amélie, warum dieser Job sie so erschöpft hat. «Ich muss immer flüchten können, wenn die Situation zu kippen droht», sagt sie. «Und im Job konnte ich nicht einfach weg.»
Mit dem Stress werden auch die Symptome stärker. Von einem Tag auf den anderen kann sie den Geschmack von Zwiebeln oder Knoblauch kaum mehr ertragen, ohne dass ihr übel wird. Bald fürchtet sie nicht mehr nur die Übelkeit selbst, sondern auch jeden Moment, in dem sie ihr ausgeliefert wäre: im Tram. Im Supermarkt. In einem vollen Raum. In jeder Situation, aus der sie nicht einfach verschwinden kann, ohne aufzufallen.
An schlechten Tagen schafft sie es kaum mehr aus dem Haus.
Irgendwann im Herbst sucht sie verzweifelt einen Notfalldienst auf. «Nach meiner Problemschilderung verschrieb mir der Arzt ein Antidepressivum», sagt sie. Das kann doch nicht die Lösung sein, denkt Amélie damals. Sie spürt ja diese ständige Übelkeit, so real, so körperlich, als würde sie von innen dominiert.
Amélie lehnt die Medikamente ab und versucht weiter, allein zurechtzukommen.
Wie schlecht es ihr wirklich geht, weiss in ihrem Umfeld lange niemand. Amélie sorgt dafür, dass das so bleibt. Bis zu jenem Heiligabend, an dem sie nach zehn Minuten wieder verschwinden muss. Zum ersten Mal lässt sich nicht mehr verbergen, dass ihr Leben auseinanderfällt.
Spät in der Nacht schreibt sie an 147: «Ich brauche Hilfe.» Ohne zu wissen, dass es noch zweieinhalb Jahre dauern wird, bis sie eine Erklärung für ihre Lage erhält.
Kleine Schritte, grosse Rückschläge
Im neuen Jahr hat Amélie zum ersten Mal das Gefühl, nicht mehr ganz allein zu sein. Bei der Jugendberatung der Stadt Zürich findet sie ein kostenloses Angebot, das zu ihrer Situation passt.
Zunächst findet die Beratung nur online statt, denn den Weg dorthin hätte Amélie nicht geschafft. Die psychologische Beraterin arbeitet sich mit ihr Schritt für Schritt vor. Erst Videotermine. Dann ein Spaziergang. Viel später ein Termin vor Ort.
Amélie übt Expositionen: Tram fahren, an Arzttermine gehen, in Situationen bleiben, bis der Körper sich wieder beruhigt. Es ist harte Arbeit, die eine Zeit lang zu fruchten scheint.
Dann plant sie im Frühling ihren ersten Ausflug seit Langem, gemeinsam mit ihrer Schwester. Sie wollen nach Lausanne, in ein Thermalbad und im Hotel übernachten. Schon vor der Reise kippt etwas. Sie isst einen Flammkuchen und bereut es umgehend. Die Angst davor, sich zu übergeben, ist sofort wieder da. Die Zugfahrt wird zur Tortur. Im Hotel angekommen, kreisen ihre Gedanken nur noch um eine Frage: Was, wenn sie sich übergeben muss?
Weil sie sich nicht mehr vorstellen kann, sich auf diesem Ausflug noch zu erholen, mietet ihre Schwester schlussendlich ein Auto und fährt sie nach Hause. Unterwegs holen sie ein Medikament gegen Angst, von dem Amélie in den sozialen Medien gelesen hat. Das gibt ihr Halt. Und wird ihre nächste Abhängigkeit.
Fortan trägt Amélie die Tabletten immer bei sich, lange versteckt in einer Packung Fisherman's Friend, die sie immer dabei hat. Auch beim Gespräch hält sie das grüne Päckchen in der Hand. «Es gibt mir ein Gefühl von Kontrolle», sagt sie. Ein frischer Atem. Etwas, woran sie sich festhalten kann, wenn die Gedanken um die Übelkeit kreisen.
Am Boden
Nach dem Vorfall in Lausanne zieht Amélie für zwei Monate zu ihrer Mutter in den Thurgau. Die meiste Zeit verbringt sie allein auf einer Matratze am Boden. Den Job im Escape Room hat sie gekündigt, auch das Studium zurückgefahren. Sie weiss: So geht es nicht weiter. Sie muss in eine Klinik.
Der erste stationäre Aufenthalt im Sommer 2021 endet nach einer Woche. Amélie bricht ihn ab. «Ich wurde immer auf Suizidgedanken angesprochen, doch es kann einem auch anders nicht gut gehen», sagt sie. Danach folgt wieder Stillstand.
Auch 2022 ist für Amélie kein Jahr der grossen Wendungen. Sie isoliert sich, meidet Orte, Menschen, Wege. Gleichzeitig versucht sie, das Studium irgendwie fortzuführen. Sie erhält einen Nachteilsausgleich und kann Prüfungen in einem separaten Raum schreiben, das hilft. Für viele mag das nach Funktionieren aussehen. Oder nach Zusammenreissen. Ihr Vater sagt ihr oft: «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.» Amélie findet das schwierig. Weil es bei ihr längst nicht mehr am Willen scheitert, sondern an ihrem Körper.
Im Herbst taucht ein Gedanke auf, den sie lange weggedrückt hat: Selbst wenn sie das Studium im nächsten Sommer fertig schafft, wird sie nicht einfach in ein normales Berufsleben einsteigen können.
Amélie realisiert, dass sie nicht darum herumkommen wird, sich mit der IV zu befassen. Ihre Psychiaterin, die sie wegen des Nachteilsausgleichs fürs Studium zugeteilt bekommen hat, hilft ihr dabei.
Angst vor der Angst
Kurz vor dem Studienende kommt Amélie im Frühling 2023 in eine akute Einrichtung. Sie ist zu dünn geworden. Wegen der Angst, dass ihr schlecht wird, hat sie kaum gegessen. Die Ärzte diskutieren darüber, ob Amélie eine Essstörung hat. Für Amélie passt diese Diagnose nicht zu dem, was sie erlebt.
In der Einrichtung erhält sie ein neues Medikament, mit dem Ziel, dass sie wieder zunimmt. Tatsächlich nimmt sie in den folgenden Monaten deutlich zu und erreicht wieder ein Normalgewicht. Doch das eigentliche Problem bleibt bestehen.
Ein paar Monate später kommt Amélie ein zweites Mal stationär in eine Klinik und bleibt dieses Mal. Dort fällt zum ersten Mal ein Wort, das ihr Leben erklärt: Emetophobie. Die Angst vor dem Erbrechen.
Für Amélie ist es das viel mehr: «Es ist eine Art Angst vor der Angst.» Nicht nur das Erbrechen und die Übelkeit seien das Problem gewesen, sondern das Gefühl, in einer Situation festzustecken und nicht mehr fliehen zu können. Aber immerhin: Endlich hat sie eine Diagnose. Worte für das, was in ihr vorgeht. Eine grosse Erleichterung.
Gleichzeitig läuft die IV-Abklärung. Dabei will Amélie arbeiten. Die Frage ist nur: wie? Als ihr in der Klinik gesagt wird, dass sie im Moment höchstens in einem geschützten Rahmen auf dem zweiten Arbeitsmarkt arbeiten könne, bricht für sie eine Welt zusammen. Schliesslich hat sie studiert und will einen Beruf, der dazu passt. Stattdessen arbeitet sie nach der Klinik im Rahmen einer ersten IV-Massnahme in einem Sekretariat und befüllt Excel-Listen. Für sie mit einem Masterabschluss in Business Administration sei das ein schwerer Realitätscheck gewesen.
Später folgt eine weitere IV-Massnahme bei einer Versicherung. Dort übernimmt sie Backoffice-Aufgaben und Marktforschung. Es ist ein nächster Schritt. Aber eben noch immer einer im Rahmen des Systems. «Es ist ein Leben in Etappen, immer wieder mit der Frage, ob es weitergeht», sagt sie. Zudem kommt die Angst: vor Revisionen, vor Rückforderungen, vor dem Moment, in dem jemand entscheidet, dass sie «wieder genug» funktioniert, obwohl sie sich noch nicht so fühlt.
Der Weg zurück
Nach den IV-Massnahmen findet Amélie im Sommer 2024 schliesslich selbst eine Stelle als Werkstudentin, Teilzeit befristet, aber auf dem ersten Arbeitsmarkt. Dass sie diesen Job gefunden habe und ihr Arbeitgeber zufrieden sei, bedeute ihr viel. Weil der Job für sie etwas zurückbringt, das sie lange verloren hatte: den Glauben an sich selbst.
Es aus eigener Kraft in den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen, war immer ihr Ziel. Sie hätte nur nie gedacht, dass es so lange dauern würde. Genau das ist es, was sie an der politischen Debatte so wütend macht. Wenn etwa die Konferenz der kantonalen IV-Stellen fordert, jungen Menschen unter 30 die IV grundsätzlich zu verwehren, hört sie darin vor allem eines: noch mehr Druck. «Ich kann nichts dafür, dass ich jung krank geworden bin», sagt sie.
Junge Betroffene seien mehrfach benachteiligt, findet Amélie. Sie hätten noch keine Pensionskasse und oft kaum Erspartes, worauf sie zurückgreifen könnten. «Mehr Druck macht niemanden schneller gesund. Im Gegenteil. Er macht Menschen nur noch ängstlicher», sagt sie. Für sie ist das besonders bitter. Angst habe sie ohnehin schon mehr als genug.
Hinzu komme das gesellschaftliche Misstrauen, das psychisch Kranken häufig entgegengebracht werde. «Ich hasse es, dass ich mich immer rechtfertigen muss, dass ich wirklich krank bin.»
Natürlich würde sie lieber gesund sein, sagt sie. Lieber arbeiten wie andere. Einen Alltag haben, der nicht dauernd um Ängste, Medikamente und Rückfälle kreist.
Doch für Amélie zählt, was mittlerweile wieder geht: Wege, die früher unmöglich waren. Situationen, die sie wieder aushält. Manchmal sogar ohne Notfallmedikament. Sie ist in einer Selbsthilfegruppe. Sie hat zwei Katzen, deren Erbrochenes sie sogar bereits einmal aufwischen konnte. Sie geht an Dating-Events. Oft noch mit Angst. Aber nicht mehr mit dem Drang, sofort wegzurennen.
Ob die Angst jemals ganz verschwindet, weiss Amélie nicht.
Aber zumindest liegt sie heute nicht mehr nachts im Bett und versucht mit endlosem Scrollen die Erinnerungen aus dem Kopf zu wischen. Stattdessen träumt sie von Orten, die lange unerreichbar waren. Ans Meer, sagt sie, würde sie gerne wieder einmal.
Nicht jetzt sofort. Aber irgendwann.
*(Name der Redaktion bekannt)
