Schweiz
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Drogendealer als Härtefall: Aargauer Türke muss ins Gefängnis, aber entgeht Landesverweis

Dem 29-Jährigen wurden strafbare Handlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz vorgeworfen. Das Gericht spricht von einem Grenzfall, sieht aber gute Gründe, die gegen einen Landverweis sprechen.

Michael Hunziker / ch media



[gestellte Aufnahme] Ein Mann konsumiert am 11. November 2006 Kokain in einer Privatwohnung in Zuerich. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) === ,  ===

[posed picture] A man is consuming cocaine in a private apartment in Zurich on November 11, 2006. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) === ,  ===

Bild: KEYSTONE

«Dazu möchte ich nichts sagen», wiederholte der beschuldigte Kaya (Name geändert) immer wieder vor dem Bezirksgericht Brugg. Als strafbare Handlungen zur Last gelegt wurden ihm: mehrfache Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie Übertretung gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Die Staatsanwaltschaft forderte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 36 Monaten – unter Anrechnung der über viermonatigen Untersuchungshaft – sowie einen Landesverweis für die Dauer von zehn Jahren.

Die Ehefrau ist als Zuschauerin anwesend

Weniger wortkarg gab sich Kaya zu Beginn der Verhandlung bei der Befragung zu seiner Person. Auch wenn er sich nicht an alle Details aus seinem Leben erinnerte – «das ist lange her» –, gab er freundlich Auskunft.

Der gepflegte 29-Jährige mit dem modischen kurzen Bart erschien sportlich gekleidet in einem hellblauen Kurzarm-Hemd, einer dunkelblauen Jeans und mit schwarzen Halbschuhen vor dem Gesamtgericht.

Der türkische Staatsangehörige ist in der Schweiz geboren und im Freiamt aufgewachsen, wo er noch heute lebt. Inzwischen hat er eine Familie gegründet und ist Vater von zwei kleinen Kindern. Seine Ehefrau war im Gerichtssaal als Zuschauerin anwesend.

Kaya schloss eine Lehre ab als Logistiker und absolvierte in der Folge den Lehrmeisterkurs. Seit letztem Herbst ist er zu 100 Prozent für ein Unternehmen im Automobilhandel tätig.

Kontakte in die Türkei hat Kaya nach eigenen Angaben kaum. Ein Landesverweis wäre, hielt er fest, schwierig für seine Familie. Auf die Frage von Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven, was er im Falle eines Schuldspruchs in der Türkei machen würde, wollte er keine Antwort geben.

Betrag von 21 600 Franken entgegengenommen

Mehrfach soll der Beschuldigte Betäubungsmittel besessen, veräussert oder befördert haben. In einem konkreten Fall hat er gemäss Anklageschrift an einem Abend Ende März 2017 einem Mann im Raum Brugg 400 Gramm Kokain in mehreren Blöcken übergeben für den Weiterverkauf. Gleichzeitig habe er den Betrag von 21 600 Franken übernommen, der Verkaufserlös einer früheren Lieferung.

Weiter hat der Beschuldigte einen Mietvertrag für Kellerräumlichkeiten in einem Gebäude im Bezirk Lenzburg abgeschlossen. Er wollte laut Anklageschrift eine Indoor-Hanfanlage aufbauen. Die Pläne und die Abklärungen seien zum Zeitpunkt der Verhaftung weit fortgeschritten gewesen.

An seinem Wohnort kamen zudem über 120 Hanfsamen zum Vorschein. Zu den Vorfällen und Vorwürfen verweigerte der Beschuldigte die Aussage. Auch darüber, wie er sich den aufwendigen Lebensstil leisten konnte – die Rede kam auf die beiden Autos –, machte er keine Angaben.

Für Staatsanwältin ist das Verschulden schwer

Für die Staatsanwältin waren die Beweise erdrückend. Der Beschuldigte sei selber zwar nicht süchtig. Ihm sei es darum gegangen, schnell und ohne grossen Aufwand viel Geld zu verdienen. Mit seinem Handeln habe er die Gesundheit vieler Menschen in Gefahr gebracht. Das Verschulden sei als schwer zu gewichten.

Die Staatsanwältin sprach von egoistischen Beweggründen, es fehlten die Einsicht und die Reue des Beschuldigten. Die Verteidigerin dagegen sah keine Hinweise auf Drogengeschäfte. Als plausible Erklärung für den Bargeldbetrag nannte sie einen Autoverkauf.

Die Staatsanwaltschaft könne den Anklagesachverhalt nicht beweisen, hielt sie fest. Der Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen, von einem Landesverweis – ihr Mandant sei hervorragend integriert – sei abzusehen.

Gericht geht von einem Härtefall aus

Mittlerweile liegt das schriftliche Urteil vor. Wegen Verbrechens gegen das Betäubungsmittelgesetz wird der Beschuldigte verurteilt zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten, davon 6 Monate unbedingt.

Dass der Geldbetrag von 21 500 Franken aus Drogengeschäften stammte, sieht das Gericht als erstellt an. Von sämtlichen weiteren Vorwürfen wird der Beschuldigte mangels Beweisen freigesprochen. So war laut Gericht nicht feststellbar, zu welchem Zweck die Kellerräumlichkeiten gemietet wurden und wie hoch bei den Hanfsamen der THC-Gehalt war, der für die berauschende Wirkung sorgt.

Auch von einem Landesverweis sieht das Gericht ab. Es kommt zum Schluss, dass – auch wenn es sich um einen Grenzfall handle – von einem Härtefall auszugehen sei. Der Beschuldigte, so die Begründung, ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen, habe hier seine Lehre absolviert, sei in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis angestellt. Der verheiratete Familienvater sei nicht vorbestraft, zudem lebten auch seine nächsten Familienangehörigen in der Schweiz.

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38Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • wes 18.09.2019 19:14
    Highlight Highlight Das ist laut Ständerat Müller ein pfefferscharfer Dableibefall.
  • vamosT 18.09.2019 17:40
    Highlight Highlight Liebe Grüsse von der "pfefferscharfen Umsatzung" a la FDP.
  • ChiliForever 18.09.2019 14:46
    Highlight Highlight Ein Thema, bei dem der Wut- und Neidbürger wieder ungeschönt seine Vorstellungen raushauen darf... ;)
  • Tom Scherrer (1) 18.09.2019 14:31
    Highlight Highlight Genau dass ist sehr schwierig zu verstehen und spielt den rechten komplett in die Hand.

    400 Gramm, nicht kumuliert über Jahre, sondern eine Lieferung, dass alleine ist schon schwierig. Ein Angeklagter, der nur schweigt, ist nur nach zu vollziehen, wenn er noch einiges mehr zu verstecken hat.

    Solche Egoistische Geldmachermethoden müssen bestraft und sanktioniert werden.

    Drogenhandel, in grösserem Stiel, uneinsichtig, unkooperativ - Sorry, das Urteil war zu lasch.

    Zurück in die Türkei. Meine Meinung.

    Und sein Umfeld lacht sich grad schlapp ab unseren Gesetzen... nicht gut.

    • Tom Scherrer (1) 18.09.2019 17:39
      Highlight Highlight Der Koksdealer gilt als bestens integriert.

      Das versteht man nur im Grossraum Zürich, der Rest wundert sich wahrscheinlich 😃 - zurecht, meiner Meinung nach.
    • tzhkuda7 18.09.2019 17:56
      Highlight Highlight Ich bin einverstanden im letzten Punkt, mit dem Landesverweis ansich aber nicht.

      Mir erschliesst sich allerdings nicht, wieso er von 30 Monaten nur 6 Monate effektiv ins Gefängnis muss. Die restlichen 24 Monate darf er sich einfach nichts erlauben, das ist allerdings nicht schwer.

      Den beispielsweise eine Geschwindigkeitsübertretung, die in einer Busse von nicht höher als 250.- resultiert (keine Strafverfolgung) meinte ich stehe den 24 Monaten nicht entgegen.

      Das kann dir ein Anwalt allerdings besser sagen, kann auch sein das 40.- Busse reicht dass er die restlichen 24 Monate auch rein muss
    • Tom Scherrer (1) 18.09.2019 22:18
      Highlight Highlight die Deutschen haben aktuell ein massives Clanproblem. Es ist eine Paralellgesellschaft entstanden.

      Da pfeifen Sie auf die Gesetzte, Normen und Werte und machen einfach nur Cash - auch mit Drogen.

      Sein Verhalten gleicht dem eines Clanmitgliedes. Nichts erzählen, Aussage verweigern, niemanden Anschwärzen. Ein solches Verhalten gilt es zu bestrafen.

      Wer weder die Karten auf den Tisch legt, noch Reue zeigt, soll verreisen. Gefängnisse sind teuer - und falls es eh nichts bringt...

      Zurück in die Türkei - da kann er es sich überlegen, welches Leben er will.

      Walla meine Meinung.


  • Kanischti 18.09.2019 13:16
    Highlight Highlight Der Verkauf von 400 Gramm Kokain reicht also nicht aus, um diesen Drogenhändler des Landes zu verweisen. Womit er seinen aufwändigen Lebensstil finanzierte, wollte er auch nicht sagen. Das Gericht sieht in als bestens integriert an.
    Ich kann nicht anders: Einen bestens Integrierten stelle ich mir anders vor.
    • who cares? 18.09.2019 15:47
      Highlight Highlight Es gibt übrigens auch Schweizer Kriminelle. Oder führst du seine kriminellen Handlungen darauf zurück, dass er Türke ist? Ach, die türkische Drogenkultur mal wieder... Die Kokser sind übrigens vorwiegend Zürcher Banker und Rich Kids.
  • Ruffy 18.09.2019 13:12
    Highlight Highlight Ich sehe den härtefall nicht. Er hat sich das Aufenthaltsrecht mit seinen taten verwirkt. Die herausgekommenen dürften auch nur die Spitze des Eisbergs sein, keiner handelt einfach so mit 400g Koks ohne nucht länger dabei zu sein. Es gibt nur ein richtiges Urteil und das ist ein unbefristeter Landesverweis.
  • HOKO67 18.09.2019 11:20
    Highlight Highlight Zum Glück ist er gut intergriert, alles andere wäre unverständlich
    • vingt-cinq zero deux 18.09.2019 17:04
      Highlight Highlight Möglicherweise ist er gut integriert? Auf jeden Fall ist er Arbeitstätig, sogar den Meister gemacht, hat sein Lebensmittelpunkt in der Schweiz und nimmt möglichweise am gesellschaftlichen Leben teil? Nur weil wer Drogen verkauft heisst das nicht automatisch dass er nicht integriert ist.
  • P. Silie 18.09.2019 10:44
    Highlight Highlight Uhmmmmm 400 Gramm Kokain.. nicht etwa 4 Gramm sondern 400 Gramm... Wieviel bräuchte es dass es kein Härtefall mehr wäre? Würden vielleicht 400 kg genügen?
    • Ökonometriker 18.09.2019 11:15
      Highlight Highlight Der Entscheid dürfte v.a. wegen der Familie so ausgefallen sein. Der Mann wuchs hier auf, hat erfolgreich eine Lehre absolviert und arbeitet. Würde man ihn ausschaffen, würden wohl Frau und Kind dem Sozialstaat auf der Tasche liegen. Deswegen macht es schon Sinn, ihm noch eine Chance zu geben und zu hoffen, dass ihm klar wird wie haarscharf er einem riesigen Schicksalsschlag entgangen ist.
    • jaähä 18.09.2019 11:22
      Highlight Highlight Es kommt doch nicht auf die Menge an, sondern auf seine Lebensumstände. Er ist hier geboren und aufgewachsen, hat hier familie. Das einzig Merkwürdige daran ist, dass er nicht schon längst den Schweizer Pass besitzt. Für mich ist dieser Herr Schweizer, sollte hier für seine Tat büssen und sein Leben danach hier weiterleben dürfen.
    • Me, my shelf and I 18.09.2019 13:09
      Highlight Highlight Härtefall hat nix mit der Schwere des Vergehens zu tun, sondern alleine mit der Integration der beschuldigten Person.
    Weitere Antworten anzeigen
  • tamam ueli, tamam! 18.09.2019 10:40
    Highlight Highlight Wiedermal ein Urteil mit “mit viel Soooss und brutal- pfefferscharf”! Tamam, Ueli, tamam...
  • MarGo 18.09.2019 10:32
    Highlight Highlight Es wird Zeit... für mehr Geld in den Staatskassen, für weniger sinnlose Ausgaben in der Judikative

    https://www.nzz.ch/zuerich/der-staat-muss-den-drogenmarkt-regulieren-und-die-gefahren-in-den-griff-bekommen-ld.1413975
  • Clife 18.09.2019 10:17
    Highlight Highlight Schade find ichs um seine Familie. Schon fast eher bin ich aber wütend auf den Staat, der immernoch keinen legalen Hanf reguliert verkaufen möchte. Man siehe und staune aber Kunden gäbe es in Massen davon. Aber nein, lieber Alkohol legalisiert lassen (was übrigens in meinen Augen wesentlich schädlicher ist als Gras)
    • Schlange12 18.09.2019 12:31
      Highlight Highlight Der Unterscheid zwischen den Drogen ist, dass Alkohol eine Volgsdroge ist, Hanf nicht.
      Ich sag nicht das einte sei besser. Drogen sind Misst und müsste verboten werden. Nur weil ein Misst legal ist, legitimiert dies nicht den anderen Misst.
    • Leider Geil 18.09.2019 13:08
      Highlight Highlight @Schlange12: was ist denn eine "Volgsdroge"? Kauft man die im Volg?
      Drogen verbieten nützt aber anscheinend nichts aber auch nach hundert Jahren habens Leute wie du und der Staat noch nicht verstanden. DAS ist Mist!
    • Kanischti 18.09.2019 13:24
      Highlight Highlight Der Mann hat Kokain gedealt und Sie regen sich auf, dass das Kiffen hier illegal ist.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Dr. Strangelove 18.09.2019 10:05
    Highlight Highlight Falls die Geldstrafe hoch genug ausfällt, geht die Strafe für mich in Ordnung.

    PS: Es fehlt ein Punkt nach "Die Ehefrau ist als Zuschauerin anwesend"
  • Amateurschreiber 18.09.2019 09:50
    Highlight Highlight "Der gebürtige Türke ist in der Schweiz geboren".
    Man weiss, was gemeint ist. Es klingt aber trotzdem komisch.
    • Relativist 18.09.2019 10:04
      Highlight Highlight Das müsste dann wohl 'der türkische Staatsangehörige' heissen.
  • Statler 18.09.2019 09:44
    Highlight Highlight «wie hoch bei den Hanfsamen der THC-Gehalt war» - das kann ich, ohne jegliche Labor-Analyse, zweifelsfrei sagen: der THC-Gehalt von Hanfsamen ist *Trommelwirbel*: NULL!

    Wenn ich solchen Stuss lese, bin ich immer versucht, den Gerichten und Polizeiorganen jegliche Berechtigung zur Verfolgung von Drogendelikten abzusprechen.
    • njemand 18.09.2019 10:47
      Highlight Highlight Das mit den Hanfsamen ist tatsächlich so. Interessant ist dabei die Vorstellung, wie die Polizei vorgeht wenn sie jemanden mit Hanfsamen "erwisch". Auch wenn es in den meisten Fällen offensichtlich ist, um zu Beweisen dass es sich um THC-haltigen Hanf handelt gibt es so viel ich weiss nur eine Methode: Anbauen. Stellt sich die Frage: Gibt es bei der Polizei eine Gartenabteilung?
    • Judge Dredd 18.09.2019 10:52
      Highlight Highlight Vielleicht ist die Frage eher wer es nicht verstanden hat, das Gericht oder der Schreiberling dieses Artikels. Offensichtlich wurde das Gericht nicht zitiert (dafür fehlen im Artikel die entsprechenden Satzzeichen) sondern die mündliche Urteilsbegründung wurde sinngemäss wiedergegeben.
      Ich kann mir nicht vorstellen, dass in der schriftlichen Urteilsbegründung des Gerichtes vom THC-Gehalt von Hanfsamen geschrieben wird.
    • ChiliForever 18.09.2019 13:55
      Highlight Highlight Ich tippe ja mal eher auf eine unpräziese Wiedergabe im Artikel, Drogenfahnder wissen so etwas schon.
    Weitere Antworten anzeigen
  • RatioRegat 18.09.2019 09:30
    Highlight Highlight Anstatt ihre Ressourcen für die Verfolgung von Drogendelikten zu verschwenden, sollten die ohnehin konstant überlasteten und überforderten Staatsanwaltschaften sich auf Delikte konzentrieren, die tatsächlich einen Unrechtsgehalt haben.
    • Neruda 18.09.2019 10:22
      Highlight Highlight Ich finde es schon richtig, die Männer hinter den Strassendealer dingfest zu machen. Sie sind es immerhin, die am meisten Kohle machen und das Geschäft koordinieren.
    • MarGo 18.09.2019 10:36
      Highlight Highlight @Neruda
      Durch einen regulierten Drogenmarkt würde man wohl auch in dieser Hinsicht am meisten erreichen - und zudem gäbe es einen ordentlichen Zustupf in die Bundeskasse.
      Prävention statt Repression...
    • Judge Dredd 18.09.2019 10:41
      Highlight Highlight Wollen wir wirklich, dass die Staatsanwaltschaften selber entscheiden sollen, welche Delikte sie als sinnvoll zu verfolgen werten und welche nicht?

      In einem Rechtsstaat kann einzig die Legislative die Gesetze dahningehend anpassen, damit die Judikative sich nicht oder weniger mit, wie sie es nennen, "Delikten ohne Unrechtsgehalt" befassen muss.

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