DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Alain Berset an der Medienkonferenz vom Mittwoch.
Alain Berset an der Medienkonferenz vom Mittwoch.
Bild: KEYSTONE
Kommentar

Vertrauen ist gut – klare Worte wären besser!

Die tiefen Fallzahlen bei den Corona-Infektionen lassen die Disziplin in der Bevölkerung erodieren. Der Bundesrat aber scheut vor deutlichen Worten wie einer Aufforderung zum Maskentragen zurück.
20.05.2020, 18:2121.05.2020, 14:57

Beten ist wieder erlaubt, in den Kirchen, Synagogen und Moscheen. Rechtzeitig zum christlichen Pfingstfest hat der Bundesrat dem Lobbying der Religionsgemeinschaften nachgegeben und Gottesdienste und andere Zeremonien zugelassen. Andere, die im Hinblick auf das Auffahrts- und Pfingstwochenende ebenfalls auf eine Öffnung hofften, wurden enttäuscht.

Zoos und Bergbahnen bleiben geschlossen. Camper und Kinofans müssen sich mindestens bis zum 8. Juni gedulden. Für Sexarbeiterinnen und Nachtclubs ist noch gar kein Land in Sicht. Auch über eine Lockerung des Versammlungsverbots will der Bundesrat erst am kommenden Mittwoch entscheiden, wenn der nächste grosse Öffnungsschritt in der Coronakrise traktandiert ist.

Partyvolk in der Steinenvorstadt in Basel.
Partyvolk in der Steinenvorstadt in Basel.
Bild: comments://458355783/2618896

Für den vorsichtigen Kurs des Bundesrats gibt es Gründe. Dreieinhalb Wochen nach den ersten Lockerungen des Corona-Lockdowns sind die Fallzahlen weiterhin rückläufig. Das ist «ermutigend», wie Alain Berset am Mittwoch sagte. Der positive Trend hat jedoch eine potenziell gefährliche Kehrseite: Die Disziplin in der Bevölkerung lässt nach.

Genug vom Hausarrest

Grob gesagt gibt es drei Arten von Menschen: die Ängstlichen, die eine Ansteckung fürchten und sich weiterhin kaum aus dem Haus trauen. Die Vorsichtigen, die sich bemühen, die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. Und eine kleine, aber wachsende Gruppe, die den wochenlangen «Hausarrest» einfach satt hat und wieder «normal» leben will.

Diese Leute sind Lockdown-müde und lassen sich vom Präventionsparadox («War das wirklich nötig?») verleiten. Man hat die beunruhigenden Bilder vom letzten Wochenende aus der Steinenvorstadt in Basel noch vor Augen. Es waren nicht sehr viele Menschen, doch es gibt Hinweise, dass die Dunkelziffer bei diesen «illegalen Partys» ziemlich hoch sein dürfte.

Daran wird sich nichts ändern, im Gegenteil. Der Bundesrat scheint sich dieser Gefahr bewusst zu sein. Man müsse weiterhin vorsichtig sein, «gerade wenn es draussen so schön ist und lange Wochenenden anstehen», sagte Gesundheitsminister Berset am Mittwoch. Gleichzeitig gibt es Stimmen aus Bern, bei denen man sich fragen muss, ob sie sich der Risiken bewusst sind.

Nur wenige Restaurantbesucher geben ihre Kontaktdaten an.
Nur wenige Restaurantbesucher geben ihre Kontaktdaten an.
Bild: KEYSTONE

Sie fände es falsch, der Bevölkerung «dauernd mit dieser zweiten Welle zu drohen und Angst zu machen», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga am letzten Samstag im CH-Media-Interview: «Ich habe ein tiefes Vertrauen in unsere Bevölkerung.» Das mag in normalen Zeiten berechtigt sein. Nun aber gibt es Zweifel, ob die Bevölkerung dieses Vertrauen verdient.

Keine Daten und keine Masken

Der Bundesrat setzt stark auf die Eigenverantwortung. In mindestens zwei Bereichen sieht es damit nicht gut aus. So sind laut den Tamedia-Zeitungen nur wenige Restaurantbesucher bereit, ihre Kontaktdaten zu hinterlassen. Einige Gaststätten scheinen sie nicht einmal einzufordern. Dabei wären sie sehr wichtig, um die Kontakte von infizierten Menschen verfolgen zu können.

Noch trüber sieht es beim Tragen einer Schutzmaske im öffentlichen Verkehr aus. Die wenigsten Fahrgäste sind bislang dazu bereit, sehr zum Unwillen des Personals, das sich letztlich diesem Risiko aussetzen muss. Auch Verteilaktionen etwa am Dienstag in Zürich scheinen kaum etwas zu bewirken. Die Hemmschwelle bei den Gesichtsmasken ist nach wie vor hoch.

In der Sackgasse

Eine Journalistin sprach Alain Berset am Mittwoch auf diese Probleme an und fragte ihn, wie die Leute unter diesen Umständen bereit sein sollen, freiwillig eine Contact-Tracing-App herunterzuladen. Der SP-Bundesrat liess die Gelegenheit zum Appell ungenutzt verstreichen und stellte bloss allfällige weitere Schutzmassnahmen in Aussicht. Eine klare Ansage sieht anders aus.

Bei den Masken haben sich die Vertreter des Bundes in eine Sackgasse manövriert, weil sie ihren Nutzen zu Beginn der Pandemie heruntergespielt haben. Wenn es um die Gesundheit geht, ist es jedoch nicht verboten, Fehler zuzugeben. Was ebenfalls fehlt, ist der Mut zum klaren Wort. Denn die Appelle zum Händewaschen und Abstandhalten kennen wir inzwischen auswendig.

Vielleicht sollten Alain Berset und Daniel Koch bei ihrem nächsten Kantonsbesuch einen Gesichtsschutz tragen. Es wäre Symbolpolitik, aber vielleicht eine mit Signalwirkung.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

So kam das Coronavirus in die Schweiz – eine Chronologie

1 / 59
Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie
quelle: keystone
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Demonstration gegen Corona-Massnahmen in Zürich aufgelöst

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Wie ein 33-jähriger Winterthurer die Impfskeptiker mit ihren eigenen Waffen schlug

Mit einer einfachen Wordpress-Seite und einem von A bis Z erfundenen Artikel über den «Sputim-Krankheitsverlauf» brachte es der 33-jährige Sasha zu über hunderttausend Views von Impfskeptikerinnen. Wie er die Szene hinters Licht führte.

«Ein Secondo, der in die Sek B ging, hat es mit fünf Stutz geschafft, Tausende von Leuten einen absoluten Quatsch-Artikel unterzujubeln», erzählt «Sputim» auf dem gleichnamigen Kanal in einem seiner YouTube-Videos. Was danach folgt, ist eine Abrechnung – und die akribische Erzählung seines Vorgehens.

Sputim heisst eigentlich Sasha, ist 33 Jahre alt, in Winterthur aufgewachsen und auf YouTube kein unbeschriebenes Blatt. In den 00er Jahren verzückte der Secondo die Video-Community mit …

Artikel lesen
Link zum Artikel