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Baby an Bord: Gerade auf Langstreckenflügen sind schreiende Kinder und Babys für viele Passagiere ein Schreckensszenario. Bild: shutterstock

Familienzone an Bord: Kommt bei der Swiss nach der Economy- bald die Schrei-Klasse?

In Genf arbeitet die Swiss an einem Testprojekt, in dem Familien von der Ankunft am Flughafen bis zum Boarding betreut werden. Ob Familien dereinst sogar im Flieger eine separate Zone erhalten, ist unklar.

Benjamin Weinmann / Schweiz am Wochenende



Acht Stunden. So lange mussten die Passagiere auf einem Lufthansa-Flug nach New York das Geschrei eines dreijährigen Buben aushalten. Videomitschnitte machten in den Medien die Runde. In den Schlagzeilen war von einem «dämonischen Kind» die Rede, das die anderen Reisenden auf dem Transatlantikflug mit seinen lautstarken Ausbrüchen terrorisierte.

Der Fall steht stellvertretend für das Horrorszenario vieler Flugpassagiere, die sich vor jungen Schreihälsen an Bord fürchten. Auch in Vielflieger-Foren wird regelmässig der Wunsch nach kinderfreien Flügen geäussert. Nun prüft die Swiss offenbar erste Schritte, die zwar nicht ganz so weit gehen, aber in diese Richtung zielen.

In Genf arbeitet die Lufthansa-Tochter an einem neuen Projekt, wie Lorenzo Stoll sagt, der die Swiss-Geschäfte in der Calvin-Stadt leitet: «Wir arbeiten an einem Familienkonzept, das eine intensive Betreuung von Familien von der Ankunft am Flughafen bis zum Einsteigen in das Flugzeug beinhaltet», sagte Stoll in einem Interview mit dem Verbandsmagazin der Swiss-Piloten. Dazu gehören spezielle Zonen bei Check-in, Boarding und eventuell sogar ein zugewiesener Bereich für Familien im Flugzeug.

Auf Nachfrage werden die Pläne für ein neues Familienkonzept bei der Swiss bestätigt. Dieses soll vorerst nur im «Testlabor Genf» zur Anwendung kommen, sagt eine Sprecherin. Ob und in welcher Form die neuen Services dann wirklich realisiert und auch in Zürich lanciert würden, werde erst nach Ablauf der Tests in Genf entschieden werden. Die Idee für einen designierten Familien-Bereich im Flugzeug werde in den kommenden Tests nicht ausprobiert.

Der vorläufige Rückzieher dürfte auch damit zu tun haben, dass sich die Swiss der Sprengkraft des Themas bewusst ist und deshalb äusserst vorsichtig vorgeht. Denn während viele Kunden einen solchen Schritt begrüssen würden, wäre der Aufschrei empörter Eltern ebenso garantiert. Vom Tisch scheint sie aber dennoch nicht zu sein: Generell sei es momentan viel zu früh, mehr zum Thema Familienkonzept zu sagen, so die Sprecherin.

Neue Langstrecke ab Genf?

Lange Zeit hatte die Swiss am Flughafen Genf im Kampf gegen Easyjet Mühe und schrieb rote Zahlen. Nun scheint es besser zu laufen, wie Genf-Chef Lorenzo Stoll im Interview mit dem Magazin des Swiss-Pilotenverbands Aeropers sagt: «Seit Beginn dieses Jahres sind wir positiv unterwegs. Bereits Ende Juni befanden wir uns über den Erwartungen.» Heute fliegt die Swiss ab Genf nur New York auf der Langstrecke an. Doch nun würden weitere Routen geprüft, sagt Stoll. «Dabei stehen vor allem Destinationen an der Ostküste von Nordamerika im Fokus.» Intern wird seit längerem spekuliert, dass Washington D.C. zum Zug werden könnte. Stoll sagt aber auch: «Wir müssen sehr vorsichtig vorgehen, denn wenn wir da nicht erfolgreich sind, kann es für die gesamte Operation in Genf sehr schnell schwierig werden.»

Nachtflüge sind ein Problem

Der Verband des Kabinenpersonals Kapers wurde nicht in die Pläne involviert, wie Verbandspräsident Denny Manimanakis sagt. «Aus unserer Sicht spricht grundsätzlich nichts gegen eine Familien-Zone an Bord, solange die Flugbegleiter in ihrer Arbeit nicht zusätzlich belastet werden, da die Crews schon heute oftmals am Limit arbeiten.» Da man bisher von den Plänen nichts wusste, werde man dies beim nächsten Treffen mit dem Management zur Sprache bringen.

Laut Manimanakis sind laute Kinder oder schreiende Babys für das Kabinenpersonal selten ein grosses Problem. «Anspruchsvoller ist es eher, vom Lärm genervte Passagiere zu beruhigen. Vor allem auf Nachtflügen kommt es zu Reklamationen, wenn ein Baby nicht aufhört, zu schreien.»

Andere Fluggesellschaften sind bereits in die Offensive gegangen. Malaysia Airlines gab im Sommer 2011 bekannt, in der Firstclass ihrer neuen A380-Flugzeuge keine Kleinkinder mehr zuzulassen. In den Fliegern des Typs Boeings 747 galt diese Regel schon seit 2004. Der Firmenchef erklärte damals den Entscheid damit, dass die Passagiere in der vordersten Klasse schliesslich viel Geld für ihr Ticket hinblättern würden und deshalb ein Anrecht auf Ruhe hätten. Als Kritik laut wurde, änderte er seine Begründung: Weil in der Firstclass Beinfreiheit wichtig sei, wolle man keine Babybetten in diesem Bereich haben.

Der «Sydney Morning Herald» führte in der Folge eine nicht repräsentative Umfrage durch. Das Resultat: Drei von vier Lesern votierten für eine Firstclass ohne Babys. In einer älteren Umfrage des Reiseportals Skyscanner wünschten sich 58 Prozent der Befragten einen Abstand zu mitreisenden Kindern an Bord. Und laut einer Analyse des Reiseportals «Airfarewatchdog» wünschen sich mehr als die Hälfte der Passagiere, dass Familien mit Kindern unter 10 Jahren in einem abgetrennten Bereich sitzen sollten.

Air Asia aus Malaysia lancierte 2013 eine Ruhezone («Quiet Zone») für die ersten sieben Economy-Class-Reihen. Dort sind nur Passagiere zugelassen, die das zehnte Lebensalter überschritten haben. Doch die Stille kostet extra. Und bei den Billigairlines Indigo aus Indien und Scoot aus Singapur sind nur über 12-Jährige in gewissen Premium-Sitzreihen willkommen.

Zur Not ein Beruhigungsmittel

Bei den meisten Fluggesellschaften sind Ruhezonen jedoch Fehlanzeige. Und so geben sich viele Eltern online gegenseitig Tipps, wie der Flug mit dem kleinen Kind möglichst ruhig über die Bühne gehen kann. Oft taucht in den Internetforen der Ratschlag auf, den Kleinen vor Abflug ein Beruhigungsmittel zu verabreichen.

Bekannt ist der Fall eines US-Flugbegleiters, der vor einigen Jahren einem 19 Monate alten, ständig schreienden Kind ein Getränk anbot. Die Mutter war allerdings skeptisch, wie die «NZZ» schrieb. Sie nahm das Getränk nach Hause und liess es im Labor analysieren. Der Befund: Der Flugbegleiter hatte das Arzneimittel Xanax ins Getränk gemischt, das zu Benommenheit führen kann. Der Angestellte wurde darauf entlassen und vor Gericht zu vier Monaten Hausarrest verurteilt.

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