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Der legendaere Willhelm Tell und sein Sohn Walterli als Statue im Dorfzentrum von Altdorf, aufgenommen im Maerz 2004.  (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Importierter Nationalheld: Wilhelm Tell. Bild: KEYSTONE

6 Schweizer Mythen im Faktencheck

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Mythen sind mit Gefühl aufgeladene, sinnstiftende Erzählungen. In ihrer politischen oder historischen Spielart vermitteln sie kollektive Identität. Im Gegensatz zu Märchen erheben sie in aller Regel Anspruch darauf, die Wirklichkeit durch ihre Deutung abzubilden. Dies geschieht meist in vereinfachter, oft stark personifizierter Form.

Gerade in der Schweiz mit ihren stark ausgeprägten sprachlichen und konfessionellen Unterschieden spielen historische und politische Mythen eine wichtige Rolle – und sind deswegen auch oft Gegenstand politischer Auseinandersetzungen.

Der Auszug der Helvetier

Heroisierendes Gemälde aus dem 19. Jahrhundert auf den Sieg der Helvetier über die Römer bei Agen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Divico#/media/Datei:Charles_Gleyre_Les_Romans_p.jpg

In der Schlacht bei Agen 107 v. Chr. besiegten die Helvetier die Römer und zwangen sie unters Joch, hier dargestellt in einem heroisierenden Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Bild: Wikimedia

Der römische Feldherr Julius Cäsar beschreibt in seinem Werk «De bello Gallico», wie die Stämme der Helvetier im Jahr 58 v. Chr. ihre Städte, Dörfer und das Getreide verbrannten und nach Gallien zogen, um sich dort anzusiedeln. Angeführt wurden sie von Divico, der einst den Römern in der Schlacht bei Agen eine bittere Niederlage zugefügt hatte. Nachdem jedoch Cäsar die Helvetier in der Schlacht bei Bibracte vernichtend geschlagen hatte, mussten die Überlebenden in ihr Land zurückkehren.

Divico trifft Julius Cäsar

So stellte sich Karl Jauslin das Zusammentreffen des römischen Feldherrn Caesar mit dem helvetischen Heerführer Divico vor. Im 19. Jahrhundert war Divico so populär wie Tell. Bild: Wikimedia

Heute ist dieser Mythos etwas verblasst; aber im 19. Jahrhundert konnte es Divico durchaus mit Wilhelm Tell aufnehmen, wenn es um die Frage ging, wer als Nationalheld der Schweiz gelten sollte. Moderne Historiker sehen jedoch in Cäsars Angaben propagandistische Motive und gehen nicht mehr von einer regelrechten Auswanderung der Helvetier aus, sondern eher von Raubzügen kleinerer Stammesgruppen. Es gibt auch keine archäologischen Spuren, die die Verbrennung der keltischen Ortschaften belegen könnten.

Gleich geht's weiter mit den Schweizer Mythen, vorher ein kurzer Werbe-Hinweis:

Auch so ein Mythos: Die Post ist ein staatlicher Monopolbetrieb
Die PTT als staatlicher Betrieb – das war einst. 1998 wurde diese Verwaltungseinheit des Bundes aufgelöst. Es entstand die Post, eine selbstständige öffentlich-rechtliche Anstalt, die 2013 zur Aktiengesellschaft wurde. Seit 2009 verfügt die Post einzig über ein Restmonopol für Inlandsbriefe bis 50 Gramm.
Mehr Fakten zur Schweizerischen Post >>
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Und nun zurück zur Story ...

Wilhelm Tells Apfelschuss

Apfelschuss, Wilhelm Tell. Darstellung von Otto von Leixner, 1880
Von Otto von Leixner - eigener Scan, Uploader17, Bild-PD-alt, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=1632305

Tells Apfelschuss in einer Darstellung aus dem Jahr 1880. Bild: Wikimedia/Otto von Leixner

Jedes Kind kennt die Szene: Wilhelm Tell schiesst auf Geheiss des tyrannischen Landvogts Gessler seinem Sohn Walter mit der Armbrust einen Apfel vom Kopf. Der unmenschliche Befehl Gesslers war die Strafe dafür, dass der freiheitsliebende Tell den auf einer Stange prangenden Hut des Vogts nicht grüssen wollte. Neben dem Apfelschuss sind weitere Elemente der Tell-Saga der Sprung Tells vom Nauen auf die Tellsplatte und dann die Ermordung Gesslers in der Hohlen Gasse.

Eine Statue des Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell steht im Nationalratssaal, waehrend einer Fuehrung durch das Bundeshaus, am Freitag, 4. August 2017 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Wilhelm Tell im Nationalratssaal. Bild: KEYSTONE

Die Existenz Wilhelm Tells ist historisch nicht nachgewiesen. Zeitgenössische Quellen erwähnen ihn nicht; sein Name (in der Form «Tall») und die Erzählung vom Apfelschuss tauchen erstmals um 1470 im Weissen Buch von Sarnen auf. Ein äusserst ähnlicher Apfelschuss kommt bereits um ca. 1200 in den Gesta Danorum («Geschichte der Dänen») von Saxo Grammaticus vor. Der Schütze heisst dort Toko; auch er reserviert wie Tell einen zweiten Pfeil für den Tyrannen und ermordet diesen aus dem Hinterhalt. Die Chronisten des 15. Jahrhunderts übernahmen die Sage, um den Bericht über die Befreiung der Eidgenossen vom habsburgischen Joch zu personalisieren und zu dramatisieren.

Mehr zu Tell? Anna Rothenfluhs Spaziergang mit Tell durch die Schweizer Geschichte:

Rütlischwur und Burgenbruch

Gemälde von Jean Renggli dem Älteren: «Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli».
Walter Fürst, Arnold von Melchtal und Werner Stauffacher auf der Rütliwiese.

Gemälde von Jean Renggli dem Älteren: «Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli». Bild: gemeinfrei

Auch der Rütlischwur wird erstmals 1470 im Weissen Buch von Sarnen erwähnt, allerdings noch ohne Datumsangabe. Im folgenden Jahrhundert legte der Historiker Aegidius Tschudi das Datum in seinem Werk «Chronicon Helveticum» auf den 8. November 1307 fest. Noch 1907 feierte man in Altdorf das 600-jährige Bestehen der Eidgenossenschaft, und auch auf dem Tell-Denkmal dort prangt diese Jahreszahl. Mit der Zeit kam jedoch die Vorstellung auf, der Rütlischwur sei schriftlich besiegelt worden. Ab Ende des 19. Jahrhunderts sah man dieses Dokument im «Bundesbrief» von 1291 – der wiederum den 1315 geschlossenen Bund von Brunnen zunehmend als Gründungsakt ersetzte.

Burgruine Schwanau
https://de.wikipedia.org/wiki/Schwanau_(Insel)#/media/Datei:Schwanau.jpg

Burgruine Schwanau. Die Burg auf der Insel Schwanau im Lauerzersee wurde Mitte des 13. Jahrhunderts – deutlich vor 1291 – ein Raub der Flammen. Bild: Wikipedia

Der Sage nach besiegelte der Rütlischwur den Bund gegen die Tyrannei der habsburgischen Vögte. Nach Tells Anschlag auf Gessler kam es demnach zu einem Aufstand und die Zwingburgen der Habsburger wurden geschleift – der berühmte «Burgenbruch». Aber der Burgenbruch, der wie Tell-Sage und Rütlischwur Teil der erst um 1470 fixierten Befreiungssage ist, lässt sich archäologisch nicht nachweisen. Alle wichtigen Innerschweizer Burgstellen wurden zu unterschiedlichen Zeiten zerstört; keine davon aber im Jahr 1291. Zudem handelte es sich bei den meisten Burgen nur um bescheidene Wohntürme, in denen es keinen Platz für eine Garnison gab.

Winkelrieds Heldentat

Winkelried-Denkmal
Von Der ursprünglich hochladende Benutzer war Markus Schweiß in der Wikipedia auf Deutsch - eigenes Bild,, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4350254

«Sorget für mein Weib und Kind»: Winkelried-Denkmal in Stans. Bild: Wikimedia/Markus Schweiss

In der Schlacht bei Sempach im Juli 1386, so heisst es, kamen die Eidgenossen in arge Bedrängnis. Gegen die langen Spiesse der habsburgischen Ritter fanden sie kein Mittel und es gelang ihnen nicht, die feindliche Phalanx aufzubrechen. Bis der Nidwaldner Held Arnold Winkelried sich aufopferte, indem er ein Bündel der Habsburger Lanzen packte und sich damit selber aufspiesste. So öffnete er seinen Mitstreitern eine Bresche, durch die sie mit ihren Hellebarden in die Reihen der Ritter einbrechen und ihnen eine vernichtende Niederlage zufügen konnten. Seine letzten Worte sollen «Sorget für mein Weib und Kind» oder «Der Freiheit eine Gasse!» gelautet haben.

Winkelriedstein auf dem Schlachtfeld von Sempach. 
Von Adrian Michael - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11102800

Der Winkelriedstein auf dem Schlachtfeld bei Sempach markiert die Stelle, an der Winkelried angeblich seine Heldentat verrichtete. Bild: Wikimedia/Adrian Michael

Leider kennen weder die Berner Chronik noch die Tschachtlanchronik, die zwischen 1470 und 1513 entstanden und beide die Schlacht von Sempach detailliert beschreiben, die angebliche Heldentat. Sie wurde 1467 zwar in der Zürcher Chronik erstmals erwähnt, jedoch ohne Nennung des Namens – dieser taucht erst 1533 im Halbsuterlied zum ersten Mal auf. Immerhin wird 1367 in einer Urkunde ein Erni Winkelried erwähnt. Möglich ist, dass Aegidius Tschudi den Helden nach dem Hauptmann Arnold Winkelried benannte, der 1522 in einer Schlacht fiel.

Marignano und der Beginn der Neutralität

Bones in the ossuary Santa Maria della Neve in Mezzano, Italy, April 29, 2014. The ossuary of Mezzano is located near the historical battlefield of Marignano. The premises, including the ossuary, were bought by Swiss investors in order to restore them for the jubilee year of the battle (2015), even though it hasn't yet been evaluated whether the bones are remains of soldiers killed in the battle or of victims of the plague. (KEYSTONE/Christian Beutler)     

Gebeine im Beinhaus Santa Maria della Neve in Mezzano, Italien, 29. April 2014. Das Beinhaus von Mezzano befindet sich in der Naehe des historischen Schlachtfelds von Marignano. Das Gelaende mit Beinhaus wurde von Schweizer Investoren zwecks Restaurierung fuer das Jubilaeumsjahr der Schlacht (2015) erworben, obwohl nicht gesichert ist, ob es sich bei den Knochen um Ueberreste gefallener Soldaten oder Pestopfer handelt. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Knochen gefallener Söldner im Ossarium in Mezzano. Der Grossteil der Gefallenen der Schlacht bei Marignano waren Schweizer Reisläufer. Bild: KEYSTONE

Im September 1515 erlitten eidgenössische Truppen bei Marignano eine vernichtende Niederlage. Sie war nicht zuletzt die Folge der auseinanderstrebenden Interessen der verschiedenen eidgenössischen Orte und markierte das Ende der Grossmachtbestrebungen der Dreizehn Alten Orte. 1691 wurde Marignano erstmals als Beginn einer schweizerischen Neutralitätspolitik interpretiert: Fortan habe sich die Alte Eidgenossenschaft nicht mehr in «fremde Händel» eingemischt. Besonders wichtig wurde der Rückgriff auf eine angeblich jahrhundertealte Tradition der Neutralität, nachdem mehrere Grossmächte 1889 der Schweiz gedroht hatten, ihr den 1815 gewährten Neutralitätsstatus zu entziehen. 1895 erschien die «Geschichte der schweizerischen Neutralität» des Historikers Paul Schweizer, die den Nachweis erbringen wollte, die Neutralität sei eine Schweizer Tradition.

Wiener Kongress. Congress of Vienna, conference to organize Europe after the defeat of Napoleon, 18 15, Drawing by Jean-Baptiste Isabey, 18 19.

Verhandlungen über Europas Schicksal: Wiener Kongress 1815. Bild: Shutterstock

Sicher ist, dass eine gemeinsame eidgenössische Aussenpolitik nach Marignano und endgültig nach der Reformation, die die Eidgenossenschaft in zwei Lager spaltete, kaum mehr möglich war. Mit der «Ewigen Richtung» von 1516, dem Friedensvertrag mit Frankreich, gaben die Eidgenossen ihre Stellung als eigenständige Grossmacht auf. Neutral waren sie jedoch nicht, sondern eher ein Juniorpartner Frankreichs, das bevorzugt auf das nach wie vor enorme eidgenössische Söldnerreservoir zugreifen durfte. Es dauerte bis 1674, als sich die Tagsatzung im Französisch-Niederländischen Krieg erstmals zu einem «Neutral Standt» erklärte. Die moderne Neutralität der Schweiz geht jedoch auf den Wiener Kongress von 1815 zurück.

Réduit und Rütlirapport

The entrance to the former fortress of the Swiss army called

Eingang zur Festung Sasso da Pigna auf dem Gotthard. Heute ist die Anlage ein Museum. Bild: KEYSTONE

Völlig überraschend überrannte die Wehrmacht im Juni 1940 die französische Armee und machte damit die defensive Strategie des Schweizer Generalstabs zur Makulatur. Die sogenannte «Limmatstellung» gegen einen Angriff aus dem Norden war nun aufgrund der Einkreisung durch die Achsenmächte nicht mehr zu halten. Die Alternative sahen die Militärs im Réduit: Bereits bestehende Festungswerke im Alpenraum sollten ausgebaut und verbunden werden, so dass ein Angreifer mit langwierigen und verlustreichen Kämpfen zu rechnen hätte, falls er sich der strategisch wichtigen Nord-Süd-Verbindungen durch die Alpen bemächtigen wollte.

Das Réduit

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Das Reduit
quelle: keystone / gaetan bally
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Am 25. Juli 1940 informierte General Henri Guisan die höheren Offiziere auf der symbolträchtigen Rütliwiese über den Réduit-Plan. Der sogenannte Rütlirapport stärkte den Widerstandswillen tatsächlich, wurde aber auch im Rückblick stark verherrlicht. Das Réduit, das nach dem Krieg gegen den neuen Feind im Osten beibehalten wurde, erstarrte ebenfalls zum Mythos. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde ideologisch abgerüstet. Nun wurden auch Stimmen lauter, die es nicht dem Réduit und der Armee als Verdienst anrechneten, dass die Schweiz verschont geblieben war. Sie wiesen darauf hin, dass unser Land als Bankenplatz und als vor alliierten Bombern geschützte Rüstungsproduzentin für Nazi-Deutschland wichtig gewesen sei.

Und noch ein Mythos: Die Post baut ihr Postnetz ab
Die Anzahl der Zugangspunkte wird erhöht und nicht reduziert: Es gibt stets mehr Filialen mit Partner, MyPost 24-Automaten, Hausservices, Aufgabe- und Abholstellen sowie Geschäftskundenstellen. Einzig die Zahl der eigenbetriebenen Filialen sinkt. Heute gibt es im Postnetz bereits über 4200 Zugangspunkte. Bei den über 1000 Filialen mit Partner sollen in den nächsten Jahren noch etwa 200 dazukommen. Bis Ende 2020 baut die Post die Anzahl Standorte mit My Post 24-Automaten laufend auf rund 200 aus. Hier können die Kunden rund um die Uhr Postdienstleistungen in Anspruch nehmen.
Mehr Fakten zur Schweizerischen Post >>
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(dhr)

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Wie die Ignoranz unserer Grossväter den Absinth zum Schweizer Mythos machte

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