Schweiz
Interview

Titlis-Gondel abgestürzt: Seilbahnexperte über mögliche Ursachen

Eine Gondel der Gondelbahn Engelberg-Titlis Express ist auf der Gerschnialp und zwischen dem Truebsee, wo eine Gondel der selben Bahn abstuerzte, am Mittwoch, 18. Maerz 2026 in Engelberg. (KEYSTONE/Ur ...
Schwerer Unfall: Am Mittwoch stürzte im Skigebiet Titlis eine Gondelbahn ab. Bild: keystone
Interview

Seilbahnexperte: «Es ist denkbar, dass man zu spät aufgehört hat zu fahren»

Der Absturz einer Gondel am Titlis wirft Fragen auf. Seilbahnexperte Reto Canale erklärt, welche Szenarien nach heutigem Stand denkbar sind.
18.03.2026, 16:4218.03.2026, 18:01

Herr Canale, was war Ihr erster Gedanke, als Sie vom Gondelabsturz am Titlis erfahren haben?
Reto Canale:
In einem solchen Moment stellt sich natürlich sofort die Frage nach der Ursache. Die gesicherten Informationen sind zurzeit aber noch begrenzt. Darum ist es schwierig, bereits sehr konkret darauf einzugehen. Generell lassen sich aber gewisse Aussagen machen.

Was könnte nach jetzigem Stand dazu geführt haben, dass eine Gondel abstürzt?
Nach dem, was bisher bekannt ist, liegt die Vermutung nahe, dass bei einer Stütze etwas passiert ist und dort etwas hängen geblieben ist – entweder an der Klemme oder am Gehänge. Um das zu verstehen, muss man den Ablauf kennen. Die Fahrzeuge werden beim Verlassen der Station auf das laufende Seil aufgekuppelt. Bei dieser Stationsausfahrt wird jedes Mal überprüft, ob die Klemmkraft des Fahrzeugs auf dem Seil in Ordnung ist. Das geschieht bei jeder Ausfahrt. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass ein Fahrzeug die Station verlassen konnte, ohne dass diese Überprüfung stattgefunden hat.

Weshalb kann man das so klar sagen?
Wenn die Klemmkraft nicht korrekt gewesen wäre, hätte die Bahn sofort abgestellt. Genau dafür gibt es dieses System: Wenn der Kuppelvorgang nicht richtig erfolgt, stoppt die Anlage direkt. Das ist ein wichtiger Punkt. Nach den ersten Bildern scheint sich der Unfall in der Nähe einer Stütze ereignet zu haben. Wenn dort etwas passiert, ist es durchaus denkbar, dass etwas hängen geblieben ist.

Zur Person
Reto Canale ist diplomierter Ingenieur ETH und gilt als einer der profiliertesten Seilbahnexperten der Schweiz. Er arbeitete unter anderem in der Seilbahnforschung an der ETH, in der Seilbahnindustrie sowie als Direktor der Sicherheitsaufsicht für kantonal bewilligte Seilbahnen. Heute ist er selbstständiger Berater für Seilbahnen.

Wie könnte das konkret passiert sein? Hängt das mit dem Wind zusammen?
Das könnte sein. Denkbar ist, dass starker Wind zu einer Seilentgleisung geführt hat. In einem solchen Fall gibt es auf den Stützen sogenannte Seilfänger. Diese sorgen dafür, dass das Seil aufgefangen wird, wenn es aus den Rollen springt. Es läuft dann aber nicht mehr sauber über die Rollen. Wenn in genau diesem Moment eine Klemme kommt, ist nicht hundertprozentig gewährleistet, dass alles problemlos funktioniert.

Video: watson/nina bürge

Wie muss man sich das vorstellen?
Die Seilfänger verhindern, dass das ganze System zu Boden fällt. Wenn so etwas passiert, stellt die Bahn zwar ab, aber sie fährt noch ein paar Meter weiter, bis sie vollständig abbremst. Und wenn in genau diesem Moment ein Fahrzeug ankommt, könnte es sein, dass sich die Klemme im Bereich dieser Seilfänger verfängt – oder dass das Seil aus der Klemme herausgerissen wird. Dann kann es zu einem Absturz kommen.

Video: watson/nina bürge

Das klingt nach einer Verkettung mehrerer Umstände.
Ja, genau so ist es. Darum sind solche Ereignisse auch höchst selten. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Aber das Ziel muss immer sein, das Risiko so weit wie möglich zu minimieren.

Haben die Bergbahnen die Windlage möglicherweise falsch eingeschätzt?
Generell ist es bei Gondelbahnen und Sesselliften so: Wenn der Wind stark wird, sollte man früh genug damit beginnen, die Anlage leerzufahren – also keine weiteren Personen mehr auf die Bahn zu lassen. Genau bei dieser Einschätzung kommt aber der Mensch ins Spiel. Und diese Entscheidung ist nicht immer einfach. Im Nachhinein weiss man dann vielleicht, dass man besser früher aufgehört hätte.

Aber in der Schweiz ist man doch eher vorsichtig.
Ja, grundsätzlich ist man in der Schweiz nicht auf der risikofreudigen Seite. Wie es in diesem konkreten Fall war und wie sich der Wind entwickelt hat, wissen wir im Moment aber noch nicht. Denkbar ist jedenfalls, dass man zu spät aufgehört hat zu fahren. Solche Situationen sind für das Bahnpersonal sehr schwierig. Gerade deshalb sollte man jetzt niemandem vorschnell etwas unterstellen oder jemanden vorverurteilen.

Gondelabsturz im Skigebiet Titlis

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Gondelabsturz im Skigebiet Titlis

Die Kriminalpolizei Nidwalden informiert an einer Medienkonferenz über das Gondelunglück in Engelberg.

quelle: keystone / urs flueeler
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Ab welcher Windstärke wird es kritisch?
Wenn der Wind stark zunimmt, dann ist eine Gondelbahn für solche Bedingungen nicht gebaut. In den Betriebsvorschriften ist festgelegt, bis zu welchen Werten gefahren werden darf. Im Zweifelsfall haben die Verantwortlichen aber immer das Recht und die Pflicht, auch schon vorher den Betrieb einzustellen, selbst wenn der Grenzwert formal noch nicht erreicht ist – vor allem dann, wenn mit weiteren Böen zu rechnen ist.

Gibt es neben der Seilentgleisung noch andere mögliche Szenarien?
Ja. Bei Stützen gibt es auch Wartungspodeste für das Personal. Grundsätzlich haben alle Stützen aus Gründen der Arbeitssicherheit solche Podeste. Diese reichen aber nur bis zu einer gewissen Höhe. Ich weiss nicht, wie hoch das Wartungspodest in diesem Fall war. Teilweise werden sie auch so gebaut, dass Fahrzeuge dort gar nicht anhängen können. Es gibt aber Bahnen, bei denen bei extremem Pendeln durch Wind ein Kontakt möglich ist. Dann könnte etwas daran hängen bleiben oder sogar herausgerissen werden. Auch das ist theoretisch eine Möglichkeit.

Wie aussergewöhnlich ist ein solcher Unfall in der Schweiz?
Wenn man bedenkt, wie viele Seilbahnen es in der Schweiz gibt, dann passieren extrem wenige schwere Unfälle. Solche Ereignisse sind höchst selten. Ein Restrisiko kann jedoch nie ganz ausgeschlossen werden – ob bei Seilbahnen oder auch Flugzeugen.

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Gondelabsturz im Skigebiet Titlis
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Gondelabsturz im Skigebiet Titlis

Die Kriminalpolizei Nidwalden informiert an einer Medienkonferenz über das Gondelunglück in Engelberg.

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Gondel in Engelberg am Titlis abgestürzt
Video: watson
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Die beliebtesten Kommentare
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ursus3000
18.03.2026 17:03registriert Juni 2015
Vielleicht war die Windgeschwindigkeit beim Windmesser kleiner als an der Unfallstelle. Das haben Böen so an sich, dass sie Lokal auftreten und nicht nur beim Windmesser
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Rantaplan
18.03.2026 17:02registriert August 2020
Ein Artikel voller Mutmassungen durch eine zwar Sachverständige Person, welche aber nicht vor Ort ist.
Brauchts das wirklich? Wollen wir nicht warten bis wir etwas mehr Erkenntnisse von vor Ort haben?
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35
Gondelabsturz: Das sagen die Verantwortlichen in Engelberg
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