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Die Folgen des Sparen im öffentlichen Verkehr für AZZK

Wird bald in VBZ-Farben umherfahren - aber mit Busfahrern einer aargauischen Firma: Ein Bus der AZZK.
Wird bald in VBZ-Farben umherfahren - aber mit Busfahrern einer aargauischen Firma: Ein Bus der AZZK.Bild: Facebook

Diese Busfahrer sind zu teuer für die Goldküste

Die Kantone fordern vom öffentlichen Betrieb mehr Effizienz ein, wie aktuelle Beispiele zeigen. Die Folgen davon könnten verheerend sein, warnen Personalvertreter.
27.03.2026, 19:2527.03.2026, 19:25

An der Zürcher Goldküste geht eine Ära zu Ende. Am 12. Dezember fahren nach über 90 Jahren zum letzten Mal Busse der Firma AZZK auf sechs Linien im Gebiet zwischen Küsnacht und der Stadt Zürich. Der Familienbetrieb löst sich mangels Nachfolge auf. Für Kontroversen sorgt, wer künftig hinter dem Steuer sitzt: Es ist Personal der Firma Eurobus Welti-Furrer, eine Tochter der Aargauer Knecht-Gruppe. Sie erhält dafür für sechs Jahre 84,2 Millionen Franken.

Eurobus hat sich in einer Ausschreibung gegen drei Mitbewerber durchgesetzt. Entscheidend war vor allem ein Kriterium: der Preis. Eigentlich wollten die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich (VBZ), in deren Auftrag die AZZK bisher fuhren, die Linien gar nicht ausschreiben, sondern selbst betreiben. Das hat CH Media erfahren. Die Konzession, also die Bewilligung für den Linienbetrieb durch den Bund, liegt schon lange bei den VBZ.

Doch der Kanton Zürich winkte ab. In Zürich finanziert sein Verkehrsverbund (ZVV) unter der Leitung der freisinnigen Regierungsrätin Carmen Walker Späh alle Aufwendungen der Verkehrsbetriebe und kassiert im Gegenzug fast alle Einnahmen ein. Ein Vertrag mit der Stadt Zürich regelt, dass das Angebot auf Stadtgebiet den VBZ nicht einfach weggenommen werden kann. Doch für die Linien im Umland gilt das nicht.

Postauto unterlag zweimal

Dem Kanton sind die VBZ zu teuer. Das dürfte auch an den Löhnen liegen. Laut dem Portal Kununu zahlen die VBZ den Busfahrerinnen und -fahrern durchschnittlich 8000 Franken mehr pro Jahr als Eurobus Welti-Furrer. Zudem sind auch die restlichen Arbeitsbedingungen besser ausgestaltet. Das treibt die Kosten in die Höhe. Die dadurch teureren VBZ sind dem Kanton ein Dorn im Auge. Seit Jahren verpflichtet er den Betrieb, die Kosten zu senken.

Das Zürcher Beispiel ist keine Ausnahme. Die öffentliche Hand pocht im öffentlichen Verkehr auf tiefere Kosten. So schliesst der Bund ab 2027 neu mit allen Verkehrsunternehmen, deren Angebot er mitfinanziert, zwecks «Effizienzsteigerung» Vereinbarungen ab. Im Kanton St. Gallen beschloss der Kantonsrat, beim öffentlichen Verkehr zu sparen, im Kanton Thurgau stehen Kürzungen zur Diskussion.

Oft kommen auch Ausschreibungen zum Einsatz. Im Oberengadin luchste vor gut zwei Jahren die Firma Bus und Service dank des «besten Preis-Leistungs-Verhältnises» der bisherigen Betreiberin Postauto mehrere Linien ab. In den Kantonen Thurgau und Neuenburg stehen Ausschreibungen an. Auch auf kommunaler Ebene kommt das Instrument zum Einsatz: 2023 gewann Bus Ostschweiz den Betrieb des Stadtbusses Frauenfeld gegen Vorgängerin Postauto.

Zürich verweigert GAV

Micha Amstad vom Personalverband VPOD spricht von einem «Damoklesschwert der Ausschreibungen». Das führe dazu, dass Betriebe Arbeitsbedingungen nicht verbessern, auch wenn sie wollten. «Dieser künstlich erzeugte Wettbewerb um Linien lastet vollumfänglich auf den Schultern der Arbeitnehmenden. In einem Bereich, in welchem die Dienstleistung dermassen klar festgelegt ist, ist dies die einzige Stellschraube, die bleibt.» Die Folgen seien etwa tiefere Löhne und längere Arbeitszeiten.

Gewisse Kantone würden so weit als möglich auf Ausschreibungen verzichten, in anderen seien Gesamtarbeitsverträge (GAV) abgeschlossen worden. Nicht so in Zürich: Der ZVV weigerte sich jahrelang, einen von Firmen wie den VBZ oder Postauto erarbeiteten GAV anzuerkennen – mit der Folge, dass dieser vor kurzem aufgelöst wurde. Denn wenn ein GAV nicht für alle Wettbewerber verbindlich ist, taugt er im Kampf gegen Lohndumping kaum.

Dabei wird der Kostendruck teilweise sogar jenen zu viel, die Ausschreibungen gewannen. Die Buslinien im Raum Dietikon ZH betreibt die Limmat Bus, eine Tochtergesellschaft der Aargauer AVA, im Auftrag der VBZ. Im November zogen die Aargauer die Reissleine und kündigten den Vertrag per Ende 2027. Die Kostensätze deckten die Aufwendungen nicht mehr, teilten sie mit.

Man sei nach wie vor am Auftrag interessiert, aber nur unter Bedingungen, die einen «nachhaltigen Betrieb» und «gute Perspektiven für die Mitarbeitenden» ermöglichten, sagte AVA-Chef Severin Rangosch. Vor wenigen Tagen haben die VBZ die neue Ausschreibung für den Raum Dietikon gestartet. Gut möglich, dass nun eine noch günstigere Firma zum Zug kommt.

Preisunterschiede bis zu 20 Prozent

Bruno Zeller vom Personalverband Transfair sieht die Gefahr, dass Verbesserungen der Arbeitsbedingungen wegen Ausschreibungen ausbleiben oder gar eine Tendenz nach unten eintritt. «Die zunehmende Mobilität soll Tag und Nacht selbstverständlich zur Verfügung stehen», sagt er, «und dies zu tieferen Kosten».

Der ZVV wehrt sich gegen die Kritik. Man setze auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Verkehrsunternehmen, sagt Sprecher Thomas Kellenberger. Dennoch müssten auch wirtschaftliche Überlegungen einfliessen. Der Kantonsrat schreibe etwa vor, dass der öffentliche Verkehr im Kanton seine Kosten zu mindestens 60 Prozent decken soll.

An der Goldküste habe auch die Wirtschaftlichkeit eine Rolle gespielt. Die VBZ als Dienstabteilung der Stadt Zürich wiesen in der Tendenz aufgrund unterschiedlicher Anforderungen und Vorgaben der Stadt höhere Kosten auf als andere Firmen. Deshalb sei es angezeigt gewesen, die Leistungen auszuschreiben «und nicht unbesehen in die VBZ zu integrieren».

Wie viel dadurch eingespart wird, ist unklar, weil die VBZ kein konkretes Angebot abgaben. Allgemein gebe es in Bezug auf die Kosten und die erreichte Qualität im Verbund eine Spannbreite von gut 20 Prozent. Dass die Arbeitsbedingungen unter Ausschreibungen leiden, streitet der ZVV ab: Es gebe Mindestanstellungsbedingungen und das Arbeitszeitgesetz. Zudem würden nur etablierte Transportunternehmen zu Ausschreibungen zugelassen.

Im Kanton Zürich könnten also noch viele Aufträge an Aargauer Firmen vergeben werden – zumindest, bis es auch deren Rechnung nicht mehr aufgeht. (aargauerzeitung.ch/nil)

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