Schweiz
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«Ich will nicht sterben» – trotzdem kletterte er auf einen Zug

Schienen und Weichen der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) im Schnee auf dem Gleisfeld vor dem Zuercher Hauptbahnhof am Mittwoch, 4. Januar 2026 in Zuerich. (KEYSTONE/Claudio Thoma)
Augenzeuge schildert: «Plötzlich gab es einen riesen Schlag, es hat geklöpft und geblitzt»Bild: keystone

«Ich will nicht sterben wie mein Kollege» – trotzdem kletterte er auf einen Zug

Obschon es bereits mehrere tödliche Unfälle sogenannter Trainsurfer gegeben hat, scheint der gefährliche Trend nicht enden zu wollen. Schlimmer noch: Der am Mittwochabend auf der Seetallinie verunfallte 17-Jährige war wohl wenige Tage zuvor beim tödlichen Unfall eines 18-Jährigen dabei.
12.02.2026, 20:0712.02.2026, 20:07
Philipp Indermühle
Philipp Indermühle

Es hört einfach nicht auf. Nicht mal eine Woche nach einem tödlichen Unfall bei Beinwil am See steigt auf der gleichen Bahnstrecke am Mittwochabend wieder ein 17-Jähriger auf einen Zug. Diesmal ereignet sich der daraus resultierende Unfall nur wenige Kilometer weiter bei Mosen. Der Jugendliche wird von einem Stromschlag getroffen. «Plötzlich gab es einen riesen Schlag, es hat geklöpft und geblitzt», berichtet Augenzeuge Rüdiger Biwer gegenüber dem Regionalsender Tele M1. Danach sieht und hört er auf den Gleisen einen Mann fürchterlich schreien: «Ich brenne, mein Bein brennt.»

Kaum zu glauben: Gemäss Recherchen von Tele M1 kannten sich die beiden kurz hintereinander verunfallten jungen Männer. Der am Mittwoch schwer verletzte Jugendliche soll sogar in der Woche davor beim tödlichen Trainsurfing-Unfall dabei gewesen sein. Dabei musste er miterleben, wie sein 18-jähriger Freund ums Leben kam. Doch das schien ihn nicht daran zu hindern, den gleichen Fehler noch einmal zu begehen.

Ersthelfer berichtet

Ein Ersthelfer berichtet gegenüber dem M1-Reporter von dramatischen Szenen am Mittwochabend. Der Schwerverletzte habe sich vom Gleis auf das Perron gekämpft und um Hilfe geschrien. Bei der Betreuung des Verletzten habe dieser dann immer wieder gesagt: Ich will nicht sterben wie mein Kollege letzte Woche. Zudem bekräftigte er seine Reue darüber, was er getan hat.

Anhänger des Berner Fussball-Clubs Young Boys lieferten sich nach dem Spiel gegen den FC Luzern im Luzerner Bahnhof Scharmützel mit der Polizei. (Symbolbild)
Die Luzerner Polizei hat die Ermittlungen eingeleitet.Bild: KEYSTONE

Der Fernsehsender rekonstruiert auf Grund seiner Recherchen, dass der 17-Jährige wohl in Boniswil auf den Zug stieg und bis nach Mosen fuhr, wo es am Bahnhof dann den Stromschlag gab. «Der Jugendliche musste daraufhin mit einem Rettungshelikopter ins Spital», bestätigt Yanik Probst, Mediensprecher der Luzerner Polizei. «Nach bisherigen Erkenntnissen war er auf dem Dach des Zuges.» Die genauen Umstände werden noch ermittelt.

Vierter Unfall dieser Art innerhalb eines Monats

Pro Jahr verunfallen in der Schweiz etwa vier Menschen beim Trainsurfing. Mittlerweile aber ist es schon der vierte Unfall dieser Art innerhalb nur eines Monats. Am 12. Januar kletterte ein 14-Jähriger in Langenthal auf einen Güterzug und wurde getötet, als auch er von einem Stromschlag erfasst wurde. Zwölf Tage später bezahlte ein 17-Jähriger im Bahnhof Zofingen seinen Leichtsinn mit dem Leben. Und zuletzt starb, wie erwähnt, ein 18-Jähriger bei Beinwil am See.

«Steigt NIEMALS, ich sage NIEMALS, auf Bahnwagen und beteiligt euch nicht an irgendwelchen fragwürdigen und lebensgefährlichen Trends.»
Bernhard Graser, Mediensprecher Kantonspolizei Aargau

Dabei warnt mittlerweile auch die Kantonspolizei Aargau über die sozialen Medien eindringlich vor solchen Aktionen. «Die Folgen sind praktisch immer der Tod – oder schwerste Verletzungen», hält Mediensprecher Bernhard Graser dort fest. «Steigt NIEMALS, ich sage NIEMALS, auf Bahnwagen und beteiligt euch nicht an irgendwelchen fragwürdigen und lebensgefährlichen Trends.»

Ob die Warnungen diesmal ankommen, bleibt fraglich. Das Problem: Junge und abenteuerlustige Menschen fühlen sich von gefährlichen «Challenges» in sozialen Medien besonders angezogen. Getrieben von Likes und dem Drang, möglichst viele Follower zu haben, wollen sie sich selber beim Trainsurfing beweisen. Das hat eine Studie des Universitätsspitals Zürich ergeben. Bemühungen, die Veröffentlichung solcher Videos zu verbieten, gibt es zwar, bislang sind diese jedoch erfolglos. (aargauerzeitung.ch)

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139 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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MeinSenf
12.02.2026 20:40registriert April 2016
Das ist der Punkt an dem ich resigniert sage: dann lasst doch den Darwinismus halt seine Arbeit machen🤷‍♂️
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IHS_Maria
12.02.2026 21:10registriert Januar 2026
Mir tun Angehörige und Nothelfer*innen leid.

Zum Darwinismus selbst braucht es wohl keine weiteren Ausführungen... Es gibt genug Achtung-Lebensgefahr-Tafeln und Physikstunden in der 5. Klasse.
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Nore9
12.02.2026 20:25registriert August 2016
Warum? Ich kann mir dieses Verhalten echt nicht mehr erklären...
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