Unternehmer, Berater, Ex-Miss: Wer jetzt für die 10-Millionen-Schweiz wirbt
Bauern bekennen Farbe auf ihren Feldern und Höfen, Stadtbewohner an den Fassaden ihrer Häuser: Erstere sind gegen die Pestizid- und Trinkwasser-Initiativen, letztere für die Konzernverantwortungs- und Gletscherinitiative oder gegen die Halbierung bei der SRG. Beim Abstimmen reicht es heute offensichtlich nicht mehr, einen ausgefüllten Zettel in die Urne zu werfen. Jeder, so scheint es, hat das Bedürfnis, der Welt mitzuteilen, was er denkt.
Wobei das Bekenntnis in der Regel vor allem an Gleichgesinnte gerichtet ist. Im Abstimmungskampf rund um die 10-Millionen-Schweiz-Initiative hingegen verschwimmen die Grenzen. Auf der bei Geschäftsleuten beliebten Plattform Linkedin äussern sich auffällig viele Unternehmer, Geschäftsführerinnen, Krisenkommunikatoren, KI-Strateginnen und Leute mit englischen Berufsbezeichnungen aus dem mittleren Management zur SVP-Initiative, welche die hiesige Bevölkerungszahl deckeln und die Zuwanderung eindämmen will. Und zwar nicht nur gegen, sondern auffällig häufig auch für das Ansinnen.
So wie etwa ein langjähriger Manager aus dem Verlagshaus Tamedia: Er postet immer wieder dasselbe Selfie von sich mit einem übergrossen Ja auf seinem Stimmzettel. Der Mann, der den Credit-Suisse-Film «Game Over» mitproduziert hat, betont: «Es hat beim besten Willen einfach absolut gar keinen Platz für weitere Millionen.» Ähnlich argumentiert ein pensionierter Projektleiter einer pädagogischen Hochschule, der überzeugt ist, dass es nun Zeit sei «für die Notbremse».
Marco Sieber, Mitinhaber des auf Klebstoffe spezialisierten Zentralschweizer Familienunternehmens Siga, hält fest: «Volumenwachstum ist kein Erfolgsweg.» Diese Initiative werde der Wirtschaft guttun, sie werde diese produktiver und konkurrenzfähiger machen. «Darum Ja zur Initiative.»
Verständnis für die Gegenseite
Etwas zögerlicher gibt sich die Geschäftsführerin eines Weingeschäfts: «Ich habe ein subtiles Gefühl, dass da etwas nicht stimmt», hält die FDP-Frau fest, die sich selbst als «weltoffen» und «vernetzt» beschreibt. Der Dichtestress sei real, die Infrastruktur komme nicht mit. «Dass Menschen das spüren – täglich.» Deshalb sympathisiere sie damit, «hier ein Zeichen zu setzen».
Mit dem «Zeichen setzen» ist sie bei weitem nicht allein. «Die falsche Antwort auf echten Frust», kontert ein Unternehmensberater. Das sieht auch grünliberale Chef des nachhaltigen Modelabels Nikin, Nicholas Hänny, so: Er betont zwar, dass er jede Ja-Stimme nachvollziehen könne. Aber er werde Nein stimmen. Für ihn sei «nicht die Frage, ob wir ein Problem haben. Die Frage ist, wie wir es lösen.» Er plädiert für mehr Wohnungsbau und mehr Investitionen in die Infrastruktur.
Der Unternehmer Tobias Reichmuth wiederum, der einer breiteren Öffentlichkeit wegen seiner Auftritte als Investor in der TV-Sendung «Die Höhle der Löwen» bekannt ist, spricht sich zwar «für die 10-Millionen-Einwohner-Grenze» aus, aber gegen die vorliegende Initiative. Er, der laut «Bilanz»-Schätzungen ein Vermögen von 100 bis 150 Millionen Franken hat, orientiert sich bei der Problemlösung lieber am Fall Monaco und schlägt vor, dass jeder «neue Zuzüger eine Art infrastrukturelle Beteiligung oder ‹Clubgebühr› entrichten» solle.
Die Zurückhaltung wird abgelegt
Andere wiederum gehen auf die viel zitierten «Sorgen» und «subtilen Gefühle» erst gar nicht ein, sondern warnen vielmehr vor dem grossen Schadenspotenzial der Initiative. So etwa ein Manager beim Medtech-Unternehmen Ypsomed, dessen Hauptaktionär und Chef, der FDP-Nationalrat Simon Michel, ebenfalls ein dezidierter Gegner der SVP-Initiative ist. Immer wieder postet der Manager Beiträge für ein Nein zur «Chaos-Initiative». Und ein eingewanderter IT-Unternehmer, der «normalerweise» seine politischen Ansichten für sich behält, wie er betont, hält auf Englisch fest: «Angesichts dessen, wie dumm diese Initiative ist und wie katastrophal die Folgen für die Schweizer Wirtschaft im Falle eines Ja wären, ist es Zeit, Stellung zu beziehen.»
Zwiespältig äussert sich die ehemalige Miss Schweiz Jennifer Ann Gerber, die heute als selbstständige Moderatorin arbeitet und für die FDP politisiert: «Ja oder Nein?», fragt sie. Es könne in vielen Bereichen so nicht weitergehen. «Es braucht schleunigst griffige Massnahmen für ein gesundes Wachstum, das der kleinen, grossartigen Schweiz gerecht wird und damit unsere Werte und Kultur erhalten bleiben.» Zwischen den Zeilen tendiert ihr Post Richtung Ja, die von ihr selbst aufgeworfene Frage beantworte sie jedoch nicht.
Den Mitgliedern ihres Netzwerks ist das egal: Sie nutzen ihren Linkedin-Eintrag, um nochmals ihre Argumente gegen oder für die Initiative aufzuzählen – oder wie im Fall des Tamedia-Managers, um nochmals sein Selfie mit seinem Ja-Stimmzettel zu posten. (aargauerzeitung.ch)
