Vierfachmord von Rupperswil: Betroffene Lehrerin spricht erstmals über die Tat
Der Fall Rupperswil gilt als eines der schwersten Verbrechen in der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte. Am 21. Dezember 2015 drang der Täter in ein Wohnhaus ein, erpresste die Mutter, missbrauchte den jüngsten Sohn und tötete schliesslich vier Personen, bevor er das Haus in Brand steckte. Die Kaltblütigkeit der Tat und die monatelange Ungewissheit bis zur Festnahme des Täters im Mai 2016 hinterliessen in der gesamten Region und schweizweit tiefe Spuren.
Anne Gully war zum Zeitpunkt der Tat als Bezirksschullehrerin im Kanton Aargau tätig und leitete die Klasse, in die der getötete 13-jährige Junge ging. Mit über 25 Jahren Berufserfahrung blickt sie heute auf die Ereignisse zurück. In ihrem Podcast «Let's Talk About Sek» widmet sie dem Fall nun eine mehrteilige Serie.
Tat als «Zäsur» in der Karriere
Die Tat markiert für Anne Gully eine traumatische Zäsur in ihrer langen Karriere. Während die Schweiz fassungslos auf die Details des Verbrechens blickte, stand Gully vor der Aufgabe, eine Klasse zu führen, in der ein Kind fehlte.
Die Zeit nach dem Mord beschreibt sie als eine Phase der totalen Selbstaufgabe und der Paranoia. «Ich habe ganz lange jede Nacht alle Rollläden geschlossen», erinnert sie sich an die Angst, die bis in ihr privates Wohnzimmer reichte. Die Schule, die eigentlich ein «Safe Space» sein sollte, war plötzlich Schauplatz einer Zerstörung, die keine pädagogische Ausbildung abdecken kann:
Umgang mit den Kindern
In der ersten Episode diskutiert Co-Host Nicole Tahedl mit Allan Guggenbühl. Der Psychotherapeut und Autor gilt als einer der renommiertesten Experten der Schweiz, wenn es um Aggression und Krisenintervention an Schulen geht.
Guggenbühl ordnet die Tat als Ereignis ein, das jede menschliche Vorstellungskraft sprengt. Er betont, dass die Umgebung in eine Schockstarre verfalle, weil die Normalität so brutal durchbrochen werde. Co-Host Nicole Tahedl ist selbst Lehrerin und lebte zum Zeitpunkt der Tat in Rupperswil. Sie erinnert sich im Gespräch an die unheimliche Atmosphäre im Dorf:
Für Guggenbühl ist ein zentraler Aspekt die Angst. Er warnt eindringlich davor, Kinder und Jugendliche aus einem falsch verstandenen Schutzbedürfnis heraus uninformiert zu lassen.
Besonders bei jüngeren Kindern seien rationale Erklärungen oft wirkungslos. Guggenbühl rät hier zu «magischen Handlungen» oder Schutzritualen – wie dem Aufhängen eines Bildes an der Zimmertüre, das symbolisch den Täter abwehrt. Bei Jugendlichen hingegen beobachte man oft eine Form von «Angstmacherei» oder makabrer Faszination. Hier sei die Schule gefordert, klare Grenzen zu setzen und gleichzeitig den Raum für eine gemeinsame, würdevolle Verarbeitung zu bieten, statt das Thema totzuschweigen.
Das Schweigen der Institutionen
Kritik übt Guggenbühl an Institutionen, die gewalttätige Vorfälle verschweigen. Oft herrsche eine lähmende Angst davor, rechtlich oder pädagogisch etwas falsch zu machen. Guggenbühl findet dafür deutliche Worte:
Er fordert, dass Schulen in solchen Momenten Rituale anbieten müssen. Es brauche keine psychologischen Fachvorträge, sondern symbolische Akte der Gemeinschaft. «Viel wichtiger wäre irgendeine Zeremonie, ein Akt, der auf das Grässliche hinweist. Eine kleine Andacht, Musik oder ein Gedicht – weg vom Konkreten, hin zu einer Ebene, auf der es gemeinsam ertragen wird», so der Experte.
Anne Gully betont, dass ihre Schule damals alles richtig gemacht habe.
Tipps für Schulen und Eltern in Krisenzeiten
- Kommunikation statt Isolation: Aktive Gespräche verhindern, dass Gerüchte und Mythen die Oberhand gewinnen.
- Rituale schaffen: Symbolische Handlungen (Musik, Blumen, Gedenkmomente) helfen bei der emotionalen Verarbeitung.
- Magie gegen die Angst: Bei jüngeren Kindern können Schutzsymbole (z.B. ein Bild an der Tür) das Sicherheitsgefühl wiederherstellen.
- Bezugspersonen vor Ort: In Krisen braucht es vertraute Lehrpersonen, die konstant präsent sind.
- Keine falschen Tabus: Das Grauenhafte ist Teil der Realität; man muss Wege finden, es gemeinsam auszuhalten.
Zwischen Trauerarbeit und Mahnmal im Klassenzimmer
In den noch unveröffentlichten Teilen der Serie thematisiert Anne Gully die tiefe Verbundenheit zu ihrem ehemaligen Schüler und die schmerzhafte Zeit der Ungewissheit. Ein Moment mit der Mutter des Jungen ist ihr besonders in Erinnerung geblieben:
Diese emotionale Nähe machte den Umgang mit dem leeren Platz im Klassenzimmer zu einer jahrelangen Herausforderung für Gully. Die Leherin schildert, wie der Sitzplatz des Jungen über die gesamte restliche Schulzeit hinweg unberührt blieb:
Das Festhalten an dieser Präsenz beschreibt sie heute als eine Form der Loyalität: «Solange die Menschen an dich denken, bist du noch präsent. Und das schulde ich dem Jungen irgendwie noch.»
Neben der Trauerarbeit im Schulhaus thematisiert Gully auch die Belastung durch die öffentliche Aufmerksamkeit. Die fünf Monate, in denen der Täter unentdeckt blieb, beschreibt sie als ein Leben im «Limbo», erschwert durch die Informationspolitik der Behörden und Medien. Denn gewisse Dinge an der Pressekonferenz seien nicht für Kinderohren geeignet gewesen. Sie führt aus: «An dieser Pressekonferenz hat meine Klasse zum ersten Mal die Details des sexuellen Missbrauchs gehört – und ich habe nichts davon gewusst.»
Die Serie endet damit, dass die beiden Moderatorinnen versuchen, das Erlebte einzuordnen. Trotz der Schwere des Themas bleibt Anne Gully positiv und resümiert:
