Schweiz
Schule - Bildung

Vierfachmord von Rupperswil: Lehrerin spricht erstmals über die Tat

Anne Gully (links), Allan Guggenbühl und Nicole Tahedl sprechen im Podcast «Let's Talk About Sek» darüber, wie im schulischen Umfeld mit extremen Gewalttaten umgegangen werden kann.
Anne Gully (links), Allan Guggenbühl und Nicole Tahedl sprechen im Podcast «Let's Talk About Sek» darüber, wie im schulischen Umfeld mit extremen Gewalttaten umgegangen werden kann.Bild: zvg

Vierfachmord von Rupperswil: Betroffene Lehrerin spricht erstmals über die Tat

Der Vierfachmord von Rupperswil im Jahr 2015 erschütterte die Schweiz nachhaltig. In ihrem Podcast spricht die damalige Klassenlehrerin des jüngsten Opfers erstmals öffentlich über die Tat und die schwierige Aufarbeitung im Dorf und an der Schule.
08.05.2026, 17:0308.05.2026, 19:21
Michael Kern
Michael Kern

Der Fall Rupperswil gilt als eines der schwersten Verbrechen in der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte. Am 21. Dezember 2015 drang der Täter in ein Wohnhaus ein, erpresste die Mutter, missbrauchte den jüngsten Sohn und tötete schliesslich vier Personen, bevor er das Haus in Brand steckte. Die Kaltblütigkeit der Tat und die monatelange Ungewissheit bis zur Festnahme des Täters im Mai 2016 hinterliessen in der gesamten Region und schweizweit tiefe Spuren.

Anne Gully war zum Zeitpunkt der Tat als Bezirksschullehrerin im Kanton Aargau tätig und leitete die Klasse, in die der getötete 13-jährige Junge ging. Mit über 25 Jahren Berufserfahrung blickt sie heute auf die Ereignisse zurück. In ihrem Podcast «Let's Talk About Sek» widmet sie dem Fall nun eine mehrteilige Serie.

Tat als «Zäsur» in der Karriere

Die Tat markiert für Anne Gully eine traumatische Zäsur in ihrer langen Karriere. Während die Schweiz fassungslos auf die Details des Verbrechens blickte, stand Gully vor der Aufgabe, eine Klasse zu führen, in der ein Kind fehlte.

«Wenn ich jetzt an meine Karriere denke, gibt es eine Zeit vorher und es gibt eine Zeit nachher. Die Tat war für mich wie eine Zäsur in meinem Lehrersein.»
Anne Gully

Die Zeit nach dem Mord beschreibt sie als eine Phase der totalen Selbstaufgabe und der Paranoia. «Ich habe ganz lange jede Nacht alle Rollläden geschlossen», erinnert sie sich an die Angst, die bis in ihr privates Wohnzimmer reichte. Die Schule, die eigentlich ein «Safe Space» sein sollte, war plötzlich Schauplatz einer Zerstörung, die keine pädagogische Ausbildung abdecken kann:

«Ich habe an kein PH-Modul gedacht, wo ich gelernt habe: falls das, dann das. Ich dachte nur: Was würde ich als Mama machen?»
Anne Gully

Umgang mit den Kindern

In der ersten Episode diskutiert Co-Host Nicole Tahedl mit Allan Guggenbühl. Der Psychotherapeut und Autor gilt als einer der renommiertesten Experten der Schweiz, wenn es um Aggression und Krisenintervention an Schulen geht.

Guggenbühl ordnet die Tat als Ereignis ein, das jede menschliche Vorstellungskraft sprengt. Er betont, dass die Umgebung in eine Schockstarre verfalle, weil die Normalität so brutal durchbrochen werde. Co-Host Nicole Tahedl ist selbst Lehrerin und lebte zum Zeitpunkt der Tat in Rupperswil. Sie erinnert sich im Gespräch an die unheimliche Atmosphäre im Dorf:

«Ich habe schon am Anfang gedacht: komisch. Und dann ist nach und nach immer mehr rausgekommen.»
Nicole Tahedl
Allan Guggenbühl ist auch Leiter des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich.
Allan Guggenbühl ist auch Leiter des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich.Bild: allanguggenbuehl.com

Für Guggenbühl ist ein zentraler Aspekt die Angst. Er warnt eindringlich davor, Kinder und Jugendliche aus einem falsch verstandenen Schutzbedürfnis heraus uninformiert zu lassen.

«So eine Tat wird noch schwieriger zu verdauen, wenn sie geheim bleibt. Wenn man munkelt, wird es zu einem Gespenst im Hintergrund. Die Angst steigert sich dann.»
Allan Guggenbühl

Besonders bei jüngeren Kindern seien rationale Erklärungen oft wirkungslos. Guggenbühl rät hier zu «magischen Handlungen» oder Schutzritualen – wie dem Aufhängen eines Bildes an der Zimmertüre, das symbolisch den Täter abwehrt. Bei Jugendlichen hingegen beobachte man oft eine Form von «Angstmacherei» oder makabrer Faszination. Hier sei die Schule gefordert, klare Grenzen zu setzen und gleichzeitig den Raum für eine gemeinsame, würdevolle Verarbeitung zu bieten, statt das Thema totzuschweigen.

Das Schweigen der Institutionen

Kritik übt Guggenbühl an Institutionen, die gewalttätige Vorfälle verschweigen. Oft herrsche eine lähmende Angst davor, rechtlich oder pädagogisch etwas falsch zu machen. Guggenbühl findet dafür deutliche Worte:

«Die Schulen haben Angst, etwas falsch zu machen. Und wenn man nichts sagt, macht man es genau falsch. Das ist eine Art Abspaltung, ein Ignorieren von dem, was wirklich passiert. Und das machen wir definitiv ganz falsch.»
Allan Guggenbühl

Er fordert, dass Schulen in solchen Momenten Rituale anbieten müssen. Es brauche keine psychologischen Fachvorträge, sondern symbolische Akte der Gemeinschaft. «Viel wichtiger wäre irgendeine Zeremonie, ein Akt, der auf das Grässliche hinweist. Eine kleine Andacht, Musik oder ein Gedicht – weg vom Konkreten, hin zu einer Ebene, auf der es gemeinsam ertragen wird», so der Experte.

Anne Gully betont, dass ihre Schule damals alles richtig gemacht habe.

Tipps für Schulen und Eltern in Krisenzeiten

Basierend auf den Ausführungen von Allan Guggenbühl im Podcast:
- Kommunikation statt Isolation: Aktive Gespräche verhindern, dass Gerüchte und Mythen die Oberhand gewinnen.
- Rituale schaffen: Symbolische Handlungen (Musik, Blumen, Gedenkmomente) helfen bei der emotionalen Verarbeitung.
- Magie gegen die Angst: Bei jüngeren Kindern können Schutzsymbole (z.B. ein Bild an der Tür) das Sicherheitsgefühl wiederherstellen.
- Bezugspersonen vor Ort: In Krisen braucht es vertraute Lehrpersonen, die konstant präsent sind.
- Keine falschen Tabus: Das Grauenhafte ist Teil der Realität; man muss Wege finden, es gemeinsam auszuhalten.

Zwischen Trauerarbeit und Mahnmal im Klassenzimmer

In den noch unveröffentlichten Teilen der Serie thematisiert Anne Gully die tiefe Verbundenheit zu ihrem ehemaligen Schüler und die schmerzhafte Zeit der Ungewissheit. Ein Moment mit der Mutter des Jungen ist ihr besonders in Erinnerung geblieben:

«Die Mama hat gesagt: ‹Frau Gully, der Davin ist ein Riesenfan von Ihnen›. Und dann habe ich gesagt: ‹Nein, ich bin sein grösster Fan.›»
Anne Gully

Diese emotionale Nähe machte den Umgang mit dem leeren Platz im Klassenzimmer zu einer jahrelangen Herausforderung für Gully. Die Leherin schildert, wie der Sitzplatz des Jungen über die gesamte restliche Schulzeit hinweg unberührt blieb:

«Der Sitzplatz ist drei Jahre nachher frei geblieben. Das war eine Tabuzone für alle. Man wusste, dort sitzt niemand mehr hin.»
Anne Gully

Das Festhalten an dieser Präsenz beschreibt sie heute als eine Form der Loyalität: «Solange die Menschen an dich denken, bist du noch präsent. Und das schulde ich dem Jungen irgendwie noch.»

Neben der Trauerarbeit im Schulhaus thematisiert Gully auch die Belastung durch die öffentliche Aufmerksamkeit. Die fünf Monate, in denen der Täter unentdeckt blieb, beschreibt sie als ein Leben im «Limbo», erschwert durch die Informationspolitik der Behörden und Medien. Denn gewisse Dinge an der Pressekonferenz seien nicht für Kinderohren geeignet gewesen. Sie führt aus: «An dieser Pressekonferenz hat meine Klasse zum ersten Mal die Details des sexuellen Missbrauchs gehört – und ich habe nichts davon gewusst.»

Die Serie endet damit, dass die beiden Moderatorinnen versuchen, das Erlebte einzuordnen. Trotz der Schwere des Themas bleibt Anne Gully positiv und resümiert:

«Wir wünschen uns, dass die Schule ein Ort sein kann, wo Schönes entstehen kann, wo unsere Jugendlichen begleitet werden in ein Leben, das sie mit Zuversicht und viel Liebe meistern können.»
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die Chronologie des Vierfachmords von Rupperswil
1 / 13
Die Chronologie des Vierfachmords von Rupperswil
21. Dezember 2015: Kurz vor Mittag wird die Feuerwehr zu einem Brand in einem Einfamilienhaus in Rupperswil gerufen. Im Innern des Hauses finden die Feuerwehrleute vier Leichen. Es stellt sich heraus, dass die Opfer Stich- und Schnittverletzungen aufweisen. Der Brand wurde absichtlich gelegt. Die Polizei geht von einem Tötungsdelikt aus.
quelle: keystone / patrick b. kraemer
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Angehöriger Georg M. zum Urteil zum Fall Rupperswil
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
9 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Gina3
08.05.2026 17:13registriert September 2023
Vielen Dank, dass Sie diesem Kriminalfall einen Artikel (und einen Podcast) gewidmet haben.
Es ist in der Tat sehr schwer.
Auf so etwas kann man sich eigentlich gar nicht wirklich vorbereiten.
Aber darüber zu sprechen ist äußerst wichtig.
Tabus sind für alle das Beängstigendste: für Schulkameraden, für Lehrer, für Mütter, Väter und Großeltern!!
Darüber zu sprechen hilft auch ein wenig, dem vorzubeugen … zumindest ein bisschen
466
Melden
Zum Kommentar
9
Was ist wann passiert? Die Timeline zum Hantavirus-Ausbruch auf der «Hondius»
Das Hantavirus beschäftigt die Weltgesundheits- sowie nationale Behörden. Aber was ist wann genau passiert? Die Timeline zum Ausbruch auf der «Hondius».
114 Passagiere gingen am 1. April auf dem Kreuzfahrtschiff «Hondius» an Bord – nicht wissend, dass unter ihnen das potenziell tödliche Hantavirus grassiert.
Zur Story