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Mitglieder von der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht bei einer Aktion beim Inselspital, am Sonntag 16. August 2009 in Bern. Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht moechte mit ihrer Aktion auf die schwierige Situation von Zwittern oder intersexuellen Menschen aufmerksam machen, deren Geschlecht oft im Kindesalter ohne Einwilligung des oder der Betroffenen operativ festgelegt wird. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Mitglieder von der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht bei einer Aktion beim Inselspital, am Sonntag 16. August 2009 in Bern.
Bild: KEYSTONE

Zwitter fühlen sich diskriminiert: Sie dürfen nicht vor dem Zürcher Rathaus demonstrieren

Zum internationalen «Intersex Awareness Day» am nächsten Montag möchte die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht vor dem Zürcher Rathaus eine Mahnwache abhalten. Doch die Stadtpolizei Zürich will das nicht. 



Es geht um Aufmerksamkeit für ein sensibles Thema: Um intersexuelle Menschen, Zwitter oder auch Hermaphroditen genannt. Zum internationalen «Intersex Awareness Day» möchte die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht auf dem Trottoir vor dem Zürcher Ratshaus eine Mahnwache abhalten.

Die Aktivisten wollen auf ihre jahrelange Forderung aufmerksam machen, die Geschichte von Operationen an Intersexuellen in den 70er und 80er Jahren in der Schweiz politisch aufzuarbeiten. Die Kantonsräte sollen sie sehen, wenn sie am Montag aus der Sitzung kommen.

Doch je sensibler das Thema, desto unsensibler die Reaktion der Stapo: Sie lehnt die Bewilligung aus Gründen der Verkehrssicherheit ab, obwohl auf der Strasse davor nur Trams verkehren. Die Mahnwache darf nicht vor dem Rathaus, sondern nur an der Ecke Rathausbrücke/Limmatquai stattfinden. 

Das Zuercher Rathaus, aufgenommen am Donnerstag, 31. Januar 2013. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Keine Demos vor dem Zürcher Rathaus.
Bild: KEYSTONE

Intersex-Aktivisten fühlen sich in die Ecke gestellt

Das stösst auf Unverständnis: «Das ist ganz und gar unverhältnismässig», sagt Markus Bauer, Gründungsmitglied der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht. «Wie können wir ein Sicherheitsrisiko darstellen, wenn sich 10 bis 15 Leute vor dem Rathaus aufreihen?». Für ihn ist die Sache klar: «Mann will verhindern, dass wir genügend Aufmerksamkeit für unser Thema erhalten.»

Der Sprecher des Polizeidepartements Robert Soos sagt: «Der Bereich vor dem Rathaus wird von Fussgängerinnen und Fussgängern stark benutzt, ebenso von Velofahrenden.» Auch die Zürcher Verkehrsbetriebe hätten den Standort abgelehnt. Soos hält fest. «Auch am bewilligten Ort wird die Mahnwache ohne Weiteres im Blickfeld der Kantonsrätinnen und Kantonsräte sein.»

«Eben nicht», sagt Bauer am Telefon. Er befindet sich gerade in Nürnberg wo er mit einigen anderen vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth demonstrieren: Eine Intersexuelle verklagt einen Chirurgen auf 250'000 Euro Entschädigung, weil er ihre Klitoris verkleinert hatte.

Kinderspital Zürich prädestiniert für Aufarbeitung

Und damit ist das Kernthema lanciert: Viele Intersexuelle, die in den 70er oder 80er Jahren operiert wurden, fühlen sich verstümmelt. Früher passten Ärzte kurz nach der Geburt das Geschlecht von Intersexuellen an, amputierten beispielsweise eine grosse Klitoris. Auch heute wird die Praxis von vielen Ärzten weitergeführt. 

Die Aktivisten sprechen von «Genitalverstümmelung» oder «Zwangsoperationen», die Spitäler von «chirurgischen Interventionen» und «Klitorisamputationen». Betroffene sprechen von «Besonderheiten in der Geschlechtsentwicklung», Mediziner eher von «Störungen in der Geschlechtsentwicklung».

Bereits vor sechs Jahren forderte die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht den Zürcher Kantonsrat in einer Interpellation dazu auf, Rechenschaft über die Operationen in der Vergangenheit abzulegen und das Thema aufzuarbeiten. 2015 kritisierte der UNO-Kinderrechtsausschuss Genital-Operationen im Kindesalter als «Gewalt an Kindern».

Bisher hat nur das Kinderspital Zürich reagiert. In einer Studie von 2014 wurden erstmals chirurgische Eingriffe an den Genitalien von Kleinkindern untersucht. Das Kinderspital Zürich wurde darin als geradezu prädestiniert befunden, eine Vorreiterrolle bei der historischen Aufarbeitung von Behandlungsmethoden an Intersexuellen und deren Folgen zu übernehmen.

In der Schweiz kommen jährlich rund 40 Zwitter-Babys auf die Welt. (rar)

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