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ARCHIV -- ZUM 75. GEBURTSTAG DES EHEMALIGEN FUSSBALL NATIONALTRAINERS KOEBI KUHN AM FREITAG, 12. OKTOBER 2018, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --  Switzerland's head coach Jakob 'Koebi' Kuhn reacts after the group A match between Switzerland and Czech Republic in Basel, Switzerland, Saturday, June 7, 2008, the opening match for the Euro 2008 European Soccer Championships in Austria and Switzerland. Czech Republic won 1-0. (AP Photo/Ivan Sekretarev)

Köbi Kuhn, ehemaliger Trainer der Schweizer Nati. Bild: AP

Sexueller Missbrauch: Klubverantwortliche weisen Köbi Kuhns Vorwürfe zurück

Köbi Kuhn schreibt in seiner Autobiografie, in seiner Kindheit von einem Fussball-Kollegen missbraucht worden zu sein, der auch heute noch im Verein aktiv ist. Die Verantwortlichen im entsprechenden Fussballclub weisen alle Vorwürfe von sich.

Matthias Scharrer / ch media



Köbi Kuhn berichtet in seiner morgen erscheinenden Autobiografie, er sei in seiner Jugend sexuell missbraucht worden, von einem älteren Kollegen während seiner Zeit bei seinem ersten Verein. Lange habe er geschwiegen, auch aus Scham. Doch als er die Vereinsleitung damit konfrontierte, nachdem 2016 Missbrauchsdiskussionen durch die Medien gingen, sei ihm mitgeteilt worden, dass der Mann noch immer in der Jugendarbeit im Klub engagiert sei. So schildert es die Zürcher Fussballlegende Kuhn in einem Vorabdruck seines Buchs, der gestern im «Blick» erschien.

Kuhns erster Verein war der Zürcher Quartierklub FC Wiedikon, dem er mit elf Jahren beitrat. Wegen seines Talents durfte er damals schon bei den 12- bis 15-Jährigen mitspielen. FCW-Präsident Roger Ansorg wies gestern Kuhns Darstellung, wonach Kuhn die Vereinsleitung wegen des Missbrauchs 2016 kontaktierte und erfuhr, dass der Mann noch immer in der Jugendarbeit des Klubs tätig sei, auf Anfrage zurück: «Ich habe davon erst heute aus dem ‹Blick› erfahren», so Ansorg. «Seit dem Legendenspiel zur Einweihung unseres neuen Kunstrasens hatte ich keinen Kontakt mehr mit Köbi Kuhn.» Das Spiel fand im Juni 2013 statt.

«Diese Person würde sofort aus dem Verein ausgeschlossen»

Auch im Vereinsvorstand sei Kuhns Missbrauchsgeschichte nie ein Thema gewesen, sagt Ansorg, der den FC Wiedikon seit einem Jahrzehnt präsidiert. Schon allein aufgrund des Alters könne es nicht sein, dass der ältere Kollege, der Kuhn in jungen Jahren missbraucht haben soll, noch immer in der Jugendarbeit des Klubs tätig sei: «Keiner unserer Funktionäre ist älter als Köbi Kuhn. Das war auch schon 2016 so.» Und: «Wenn mir Derartiges zu Ohren käme, dürfte die betreffende Person sicher nicht mehr mit Kindern arbeiten und würde sofort aus dem Verein ausgeschlossen», sagt Ansorg.

«Als 2016 derartige Fälle von Missbrauch im Fussball geballt in den Schweizer Medien geschildert wurden, konnte ich nicht mehr schweigen.»

Köbi Kuhn, Ex-Nati-Trainer

Er betont, dass der FC Wiedikon die Vorgaben des Fussballverbands zum Schutz der Kinder vor sexuellem Missbrauch strikt befolge: «Alle unsere Trainer müssen eine entsprechende Erklärung unterschreiben.» Ansorg verweist auch darauf, dass sich der Missbrauch gemäss Kuhns Schilderung ausserhalb des Trainings im privaten Umfeld ereignet haben soll.

Kuhn wollte sich gestern auf Anfrage dazu nicht äussern. Er habe im Buch alles gesagt, liess der 75-Jährige durch Sherin Kneifl, die Co-Autorin seiner Autobiografie, ausrichten. Dort schildert er die Vorfälle wie folgt: «Als Frischling bei meinem ersten Verein freundete sich ein älterer Kollege mit mir an. Er war nett zu mir und lud mich eines Nachmittags zu sich nach Hause ein. Törichterweise bin ich mitgegangen. Denn als wir allein waren, hat er mich benutzt, um sich selbst zu befriedigen und mich gezwungen mitzumachen.»

Und weiter: «Als 2016 derartige Fälle von Missbrauch im Fussball geballt in den Schweizer Medien geschildert wurden, konnte ich nicht mehr schweigen. Ich habe meiner Frau von meinem traumatischen Erlebnis erzählt. Daraufhin schrieben wir an die Vereinsleitung, um etwas über den Verbleib der Person zu erfahren und bestenfalls einen Kontakt zu bekommen. Man teilte uns mit, dass dieser Mann noch heute ehrenamtlich in der Jugendarbeit im Klub engagiert ist!»

«Man hat mich abgekanzelt»

Auch Peter Spahni, Vorstandsmitglied und langjähriger Leiter der Juniorenabteilung des FC Wiedikon, widerspricht Kuhns Darstellung. Der ehemalige FCZ-Star und Ex-Nationalmannschafts-Trainer habe ihn zwar 2016 im Zusammenhang mit Vorarbeiten zu seiner Autobiografie kontaktiert. Dabei habe Kuhn auch den Missbrauchsvorfall mit einem etwa drei Jahre älteren Wiediker Fussball-Kollegen aus Jugendzeiten angesprochen. Doch besagter Kollege sei schon seit rund 20 Jahren nicht mehr Funktionär des FC Wiedikon und danach bis vor vier Jahren nur noch sporadisch als Helfer im Küchenbereich bei Vereinsanlässen im Einsatz gewesen.

Je nach Perspektive sieht die Geschichte anders aus. In Kuhns Autobiografie endet die Episode mit den Worten: «Man hat mich abgekanzelt, hinterfragt, warum ich erst jetzt, nach all den Jahren komme. Trotzdem hoffe ich, dass meine Offenheit etwas bewirkt. Wer Verantwortung im Fussball übernimmt, muss diese auch wahrnehmen. Zumindest gibt es mittlerweile ein Konzept in dem Verein gegen sexuellen Missbrauch. Die Schutzwirkung soll jährlich überprüft werden.»

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12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Füdlifingerfritz 17.04.2019 09:47
    Highlight Highlight «Alle unsere Trainer müssen eine entsprechende Erklärung unterschreiben.»
    Na gut, dann kann ja wirklich nichts mehr passieren.
  • Linus Luchs 17.04.2019 09:27
    Highlight Highlight Wenn Opfer von sexuellem Missbrauch, die ihr Erlebnis berichten, nicht ernst genommen werden oder ihnen nicht geglaubt wird, dann wird ihnen ein weiteres Mal Gewalt angetan. Egal, ob der damalige Täter, der Köbi Kuhn missbraucht hat, noch etwas mit dem FC Wiedikon zu tun hat oder nicht, die Reaktion der heutigen Clubleitung ist ganz übel.
  • Spirulina 17.04.2019 08:58
    Highlight Highlight Hoffentlich war dieser Mann, falls die Vorwürfe stimmen, nicht noch weiterhin tätig. Genug Zeit und Möglichkeiten hatte er ja..
  • Stratosurfer 17.04.2019 07:56
    Highlight Highlight Als ehemaliger Vorstand und ehrenamtlicher Helfer im Küchenbereich war er ja bestimmt noch Vereinsmitglied. Wurde er nun aus dem Verein ausgeschlossen oder nicht?
    • violetta la douce 17.04.2019 13:10
      Highlight Highlight Die Geschichte tönt in der Tat etwas verworren. Ob der angebliche Täter noch Verinsmitglied ist, geht jedenfals nicht daraus hervor.
  • plaga versus 17.04.2019 07:52
    Highlight Highlight Ich bin auch über die Vehemenz der Zurückweisung seitens des Vereins erstaunt. So nach dem Motto: Doch nicht bei uns! Und zweitens ist es ein Amateurklub, die können gar nicht anders reagieren. Es braucht ein wenig Glück, dass besonnene Leute den Klub führen, die das Anliegen aufnehmen und umsichtig handeln. Das war hier leider nicht der Fall.
  • Bowell 17.04.2019 07:39
    Highlight Highlight Das ist ja wie bei der katholischen Kirche...
  • rodolofo 17.04.2019 07:06
    Highlight Highlight Ist das jetzt "Von Russland lernen", oder was?
    "Wir weisen diese Vorwürfe und Beschuldigungen als Anti-Fussballclub-Propaganda entschieden und in aller Form zurück!"
    Haalloo!
    Diese Beschuldigungen kommen nicht von irgendjemandem!
    Sie kommen von KÖBI NATIONAL!
    Also, hört ihm zu, und dann geht in Euch, und dann schämt Euch zuerst mal für Eure himmeltraurige erste Reaktion auf den Mut eines prominenten Missbrauchsopfers, seine WAHRE Geschichte zu erzählen!
    Und dann investiert Gelder in die Prävention und in finanzielle Wiedergutmachungen!
    DAS stört Euch Geld-Säcke doch am meisten:
    Die Kosten...
    • kontos 17.04.2019 07:14
      Highlight Highlight Sorry aber war dein Post Ironie pur?
      "FC Wiedikon = Geld - Säcke"???
    • rodolofo 17.04.2019 07:23
      Highlight Highlight Dann halt "Geld-Säckli"!
      Jeder grosse Geldsack fängt mal klein an, etwa in der 3. Geldsack-Liga...
    • Nonchalant 17.04.2019 08:50
      Highlight Highlight Nur ruhig Blut. Es wird ja wohl noch erlaubt sein, Stellung zu solch happigen vorwürfen zu nehmen. Die Medienschaffenden werden sich ja wohl jetzt um die Verifizierung der Aussagen beider Parteien bemühen....
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