Freeride-Chef im Interview: Ziel Olympia, aber nicht um jeden Preis
Freeride, das Skifahren und Snowboarden abseits der Pisten im steilen, wilden Gebirge, hat in den letzten Jahren eine erhebliche Professionalisierung erfahren.
2022 trat die Freeride World Tour dem Internationalen Skiverband (FIS) bei und wurde damit zu einem offiziellen Weltcup-Event. Die ersten Weltmeisterschaften fanden dieses Jahr in Andorra statt. Nun strebt die Sportart die Aufnahme in die Olympischen Spiele an.
- Schwierigkeitsgrad der Route
- Kreativität (z. B. Sprünge)
- Flüssigkeit der Abfahrt
Es gewinnt der Fahrer oder die Fahrerin mit den meisten Punkten.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) entscheidet im Juni, ob Freeride in das Programm der nächsten Olympischen Winterspiele 2030 in Frankreich aufgenommen wird. Es konkurriert mit anderen Sportarten wie Eisklettern, Telemark-Skifahren und sogar Cyclocross.
Am Samstag diente das Verbier Xtreme als Hauptschauplatz. Das Event im Walliser Skigebiet – einem wahrhaftigen Mekka des Freeride – bildet das Finale der Freeride World Tour und feierte letztes Wochenende sein 30-jähriges Jubiläum. Vertreter des IOC und des FIS waren vor Ort, um sich weniger als drei Monate vor dem entscheidenden Event ein Bild von der Lage zu machen.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
bild: KEYSTONE
watson hat in Verbier Nicolas Hale-Woods, den CEO der Freeride World Tour und Mitbegründer des Xtreme, getroffen. Der 56-jährige Schweizer Athlet setzt sich dafür ein, dass seine Sportart in die Olympischen Spiele aufgenommen wird. Für ihn darf dies jedoch nur unter bestimmten Umständen geschehen.
Sind Sie hinsichtlich der Erfolgschancen dieses Antrags zuversichtlich?
Nicolas Hale-Woods: Ja. Aber es ist das erste Mal, dass wir nicht die nötigen Mittel haben, um einen gesamten Prozess selbst zu steuern. Deshalb bin ich vorsichtig.
Aber Sie sind auf dem richtigen Weg?
Wir sind auf dem richtigen Weg, aber es gibt noch keine Garantien. Der Prozess begann vor zwei Jahren mit unserer Bewerbung beim IOC, in der wir darlegten, dass unsere Sportart ein würdiger Kandidat für die Olympischen Spiele ist. Seitdem befinden wir uns in Gesprächen mit dem IOC, und dessen Executive Board wird im Juni anhand verschiedener Kriterien die endgültige Entscheidung treffen.
Welche?
Es geht um die Attraktivität des Sports, die Robustheit seiner Struktur und seine Anziehungskraft auf zukünftige Generationen. Und die hat er. Wenn man sieht, dass Surfen, Klettern und Skateboarden bereits olympisch sind, erscheint es logisch, dass auch Freeride dazugehört.
Die gute Nachricht ist, dass ein IOC-Mitglied, FIS-Generalsekretär Michel Vion, und FIS-CEO Urs Lehmann dieses Wochenende in Verbier waren. Wir konnten ihnen unseren Sport so transparent wie möglich präsentieren. Das ist ein weiterer Grund zur Hoffnung …
Wir sind ganz Ohr!
Damit eine neue Sportart in die Olympischen Spiele aufgenommen wird, muss das Organisationskomitee der jeweiligen Ausgabe (COJO) zustimmen. So auch bei den Spielen 2030 in Frankreich: Der Präsident des COJO, Edgar Grospiron, und der Präsident des französischen Skiverbandes, Fabien Saguez, sprechen sich sehr für Freeride aus. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens gewinnt Frankreich Medaillen im Freeride. Zweitens wurde diese Disziplin in Frankreich, genauer gesagt in Chamonix, erfunden. Heute ist Frankreich das europäische Land mit den meisten Wettbewerben und Teilnehmern. Freeride ist fester Bestandteil des französischen Skisports.
Bemerkenswert ist der Ausgang des Snowboard-Wettbewerbs der Männer: Der 26-jährige Liam Rivera aus Fribourg stellte mit seinem Sieg gleich einen neuen Punkterekord auf. Er belegte den zweiten Platz in der Freeride World Tour hinter dem Franzosen Victor de Le Rue.
Im Ski-Wettbewerb der Frauen erreichte die 26-jährige Sybille Blanjean aus dem Wallis einen beeindruckenden dritten Platz. Sie wurde Zweite in der Freeride World Tour. Das Event in Verbier gewann die Französin Lou Barin, die sich auch den Gesamttitel sicherte.
Warum will Freeride unbedingt olympisch werden?
Es gibt mehrere Ziele. Das erste ist die Anerkennung unseres Sports. Wir wollen die Fahrer, die wahre Athleten sind, und die Organisatoren der Veranstaltung würdigen.
Sobald eine Sportart Teil der Olympischen Spiele ist, erhält der nationale Verband, in diesem Fall Swiss-Ski, Subventionen vom nationalen Olympischen Komitee (Swiss Olympic). Dies mit dem Ziel, die Anzahl der Medaillen, die die Schweiz bei den nächsten Weltmeisterschaften oder den nächsten Olympischen Spielen gewinnt, zu maximieren.
Wie hoch sind diese Subventionen?
Zwischen 600'000 und 800'000 Franken pro Jahr. Sie werden teils verwendet, um Spitzensportler beim Medaillengewinn zu unterstützen, teils zur Förderung des Nachwuchses, aus dem einige zukünftige Spitzenfahrer hervorgehen werden: beispielsweise durch die Unterstützung von Vereinen bei der Erschaffung von Freeride-Bereichen und durch die Entwicklung sicherer und betreuter Freeride-Angebote für Kinder.
Das führt zu mehr Ressourcen und Sponsoren, mehr Sportgebieten in aller Welt, die Freeride-Wettbewerbe ausrichten wollen, zu mehr Skischulen mit einer Freeride-Abteilung und mehr Teilnehmern. Und somit auch zu einer stärkeren Branche. Die Aufnahme in die Olympischen Spiele ist heute ein logischer Schritt. Doch wir müssen einen entscheidenden Punkt beachten …
Welchen?
Die Aufnahme in die Olympischen Spiele darf unseren Sport nicht verfälschen. Wir dürfen weder unsere Werte noch unsere Gemeinschaft verlieren. Aus unseren Gesprächen mit dem IOC, dem COJO und dem FIS geht hervor, dass sie dies verstehen. Wir können uns daher einen olympischen Freeride-Wettbewerb vorstellen, der den Erwartungen der Athleten und der Community entspricht.
Es soll also unbedingt vermieden werden, was dieses Jahr beim Skibergsteigen in Mailand-Cortina passiert ist. Dort kritisierten mehrere Experten die Organisatoren dafür, den Sport durch die Austragung des Wettbewerbs auf einer Ski-Alpin-Piste verfälscht zu haben.
Da ich selbst Skibergsteigen betrieben habe, kenne ich den Sport und finde, dass die Umgestaltung bei den Olympischen Spielen zu weit gegangen ist. Der Wettbewerb reduzierte sich letztendlich auf die Übergänge. Doch Skibergsteigen ist weit mehr als das.
Wie stellen Sie sich Freeride bei den Olympischen Spielen denn vor?
Es muss ein Einzelwettbewerb sein. Wir verstehen, dass er nicht vier oder fünf Stunden dauern kann, aber er muss mindestens eine Stunde dauern. Und in natürlicher Umgebung. Punkt.
Doch in die Wildnis vorzudringen, ist logistisch nicht einfach. Beispielsweise für Fernsehproduktionen.
Ehrlich gesagt, mit den Ressourcen des IOC ist es nicht kompliziert. Man schaue sich nur das wichtigste Skitouren-Event an, die Pierra Menta in Frankreich. Dort sorgen lokale Bergführer für Sicherheit und begleiten die Zuschauer in die Berge. Die Fans läuten Kuhglocken, und man sieht die Landschaft im Fernsehen, nicht nur die Piste oder die Holztreppe. Das ist insbesondere Drohnen zu verdanken. Nein, logistische Schwierigkeiten sollten wir nicht als Ausrede benutzen.
Vielleicht fürchtet das IOC auch Todesfälle oder schwere Verletzungen in einer Disziplin, die schliesslich zu den risikoreichsten zählt?
Viele denken, Freeride sei riskanter als andere, aber das stimmt nicht. Wir haben 15'000 Wettkampfläufe pro Jahr, und es gab noch nie einen Todesfall. Und nur sehr, sehr wenige schwere Verletzungen – klopf auf Holz! Selbst ohne die Statistiken zu betrachten, ist Freeride eindeutig nicht gefährlicher als der Super-G im Ski Alpin.
Okay, falls es mit den Olympischen Spielen 2030 nicht klappen sollte, versuchen Sie es dann 2034 erneut?
Ja. Wir haben bereits mit dem Organisationskomitee von Salt Lake City 2034 gesprochen. Sie haben uns mitgeteilt, dass sie Freeride wollen. Die vier zusätzlichen Jahre wären zwar eine unnötige Wartezeit für alle, aber sie würden uns nicht ruinieren. Unser Sport und seine Werte sind stark.
