SRF2 abschalten? So könnte sich der Sender unverzichtbar machen
Am Dienstagmorgen gabs es einmal mehr bloss warme Luft. SRF2 Kultur sendete ein bunt gemischtes Musikprogramm, das ins Ohr rein– und wie Elena Kats-Chernins harmlosen «Wilde Schwäne» ganz schnell wieder rausging. «Musik, die Sie auf dem Weg zur Arbeit oder beim Zmorgetisch begleitet», sagte die Moderatorin gegen 7.30 Uhr. Danke für die Durchsage. An anderen Tagen wurde auch schon mitgeteilt, dass es draussen regne und es nun schön wäre, im Bett zu bleiben. Das soll mein mit Millionen subventioniertes Schweizer Kulturradio sein?
Von den vom «SonntagsBlick» recherchierten Neuigkeiten über ein mögliches Verschwinden des Senders ist nichts zu hören, obwohl es mit dem «Blick in die Feuilletons» ein Format dafür gäbe (da fragt sich bloss, warum SRF 2 noch vom guten alten Feuilleton spricht, wenn doch fast alle Zeitungen längst einen modernen Kulturbegriff haben). Wie auch immer: Der Schaden ist angerichtet, der Sender hat innerhalb eines Jahres fast ein Drittel seiner Hörer und Hörerinnen verloren. Und das bei ohnehin wenigen. Ist es zu viel der Übertreibung zu behaupten, dass diese SRF2-Misere hausgemacht ist? Kaum.
Die Verjüngung war eine Verdünnung
Die vermeintliche Verjüngung war eine Verdünnung. Nicht nur die Morgensendung wurde vom Geist der Lokalradios verblendet und zur heiter-flockigen Morgenplauderei mit Musikhäppchen. Unterbrochen von Nachrichtensendungen oder um 8 Uhr von den Kulturnews. Drei, meistens irrelevante Meldungen. Aber diese Überflüssigkeit wird im Gespräch aufwendig präsentiert, dass man über die eingesetzten Ressourcen nur staunen kann. Spannender wird’s um 12 Uhr bei «Kultur kompakt»: Da gibt’s drei gut recherchierte Beiträge: ein neuer Roman, eine obskure Ausstellung oder auch mal eine Kritik zu einer Schweizer Aufführung vom Vorabend.
Einige andere Sendungen mit Format wurden in den letzten zwei Jahren eingespart. Und dann kam noch ein anderer Einschnitt, den viele der alten Hörer nicht so einfach überwinden konnten: die Abschaltung der UKW-Frequenz. Und seien wir ehrlich: SRF2 muss kein Radio für Junge sein. Radio umschwebt der schöne Geist von gestern.
Wie alt und wunderbar die SRF2-Hörer sind, ist spätestens um 13 Uhr beim Klassiktelefon, dem Wunschkonzert, zu erkennen. Da wird Rösli Wettstein via Telefon zum 90., Franz Kohler zum 95. Geburtstag gratuliert – bisweilen mit den echten Wunschkonzert-Knallern, vor denen sich die Morgensendung-Macher fürchten wie AC/DC-Sänger Brian Johnson vor einem Schubertlied. Andererseits überraschen ungemein spannende Raritäten oder Extrawünsche mit Interpreten, die seit Jahrzehnten tot sind.
Dank der Kulturszene wurde die Abstimmung gewonnen
Doch was tun, wenn nun tatsächlich gespart werden muss? Eine Idee, so die NZZ, sei es, alle drei zweiten Sender – SRF 2, Espace 2 und Rete Due – zu einem klassische Musik spielenden Sender zu fusionieren. Der Aufschrei aus der Kulturszene, dank der nebenbei die Halbierungsinitiative abgeschmettert wurde, wäre riesig.
Was denn SRF 2 falsch gemacht habe, fragte ich am Montag den Schweizer Komponisten Dieter Ammann. Da schickte er mir ein sinngemässes Zitat von Urs Frauchiger, einer verstorbenen Radiolegende: «Wenn 100’000 Menschen James Last hören möchten und ein Mensch Anton Webern, muss man nicht 100’000 Stunden James Last und 1 Stunde Anton Webern senden, sondern 1 Stunde James Last und 1 Stunde Webern, weil die 100’000 alle gleichzeitig James Last hören können.»
Anders gesagt: Es muss nicht immer knallen, damit ein Radio beliebter wird. Höflich vornehm und hochdeutsch geht es auch. Doch dazu gehört nicht zwingend Bach und Brahms. SRF2 muss nicht der Klassik-Sender, sondern sollte auch Plattform für Hintergründiges zu guter Rockmusik oder zu Jazz sein; für Film und wieder mehr für die Literatur sowieso.
Dream on, die SRG muss 270 Millionen sparen! Gemach: Einen Kultursender zu optimieren, ist schwierig, aber nicht unmöglich. Die einstigen DRS3-Hörer, die bald pensioniert werden, müssten auf ein modernisiertes und ausgebautes SRF2 gelenkt werden. Gleichzeitig aber sollten SRF1 und SRF3 – jene zwei Sender, deren Hörer sich angeglichen haben, deren Songs ähnlich klingen und dessen Informationssendungen dieselben Leute ansprechen – fusioniert werden. Dann könnte SRF2 gross aufspielen und die SRG den Konzessionsauftrag erfüllen. Der Sender ist nicht daran gescheitert, dass er zu anspruchsvoll war. Sondern daran, dass er aufgehört hat, es zu sein. (aargauerzeitung.ch)

