DE | FR
Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa08090909 Rescue forces and helicopters search for missing persons after an avalanche swept down a ski piste in the central town of Andermatt in canton Uri, Switzerland, Switzerland, 26 December 2019. Six people have been rescued, two of them with minor injuries but cantonal authorities fear that several other people may be buried. An extensive rescue operation is underway.  EPA/Urs Flueeler

Beim Lawinenunglück in Andermatt wurden sechs Personen verschüttet – wie durch ein Wunder konnten alle geborgen werden. Bild: EPA

Lawinenunglück in Andermatt: Kritiker warnten früh vor Gefahren



Am 14. Dezember 2018 kamen Heerscharen von Menschen an die Feier zur Vollendung der Skiarena Andermatt-Sedrun. Für die damalige Urner Regierungsrätin wurde damit «eine Vision zur Realität», wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Auch für den Investor Samih Sawiris war der Tag von Bedeutung: «Andermatt ist jetzt eine Destination, die überall anerkannt ist.»

An jenem Tag vor etwas mehr als einem Jahr wurde in Sedrun die Gondelbahn, mit der man den Schneehüenerstock erreicht, eröffnet. Nur wenige Tage später wurde auch die dazugehörende Piste «Hinter Felli» in Betrieb genommen. Damit war der Zusammenschluss der Skigebiete Sedrun und Andermatt Realität.

Rescue forces with avalanche probes still search for missed persons after an avalanche swept down a ski piste in the central town of Andermatt in canton Uri, Switzerland, Thursday, December 26, 2019. Six people have been rescued, two of them with minor injuries but cantonal authorities fear that several other people may be buried. An extensive rescue operation is underway. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Retter bei ihrem Einsatz nach dem Lawinenniedergang. Bild: KEYSTONE

Der damalige CEO von Andermatt Swiss Alps AG, Franz-Xaver Simmen, erklärte: «Bisher gab es über den Oberalppass nur die Strasse und die Schiene. Heute eröffnen wir die dritte Dimension, nämlich die Verbindung über die Berge.»

Gerade mal ein Jahr später geschieht das, was jedem Tourismusverantwortlichen Alpträume bereitet: Während der Weihnachtsferien kommt es am 26. Dezember zu einem Lawinenniedergang – mitten auf eben jener Piste, die ein Jahr zuvor eröffnet worden ist. Sechs Personen werden verschüttet. Es grenzt an ein Wunder, dass alle Verschütteten geborgen werden konnten. Lediglich zwei davon wurden leicht verletzt, die restlichen vier kamen mit dem Schock davon.

Das Unglück wirft nun einige Fragen auf: Weshalb kann eine gesicherte Piste von einer Lawine getroffen werden? War das Prestigeprojekt Grund dafür, dass ein hohes Risiko vernachlässigt wurde?

Im September 2018 stufte das Bundesamt für Verkehr das Lawinenschutzkonzept für den «Schneehüener-Express» und die Piste «Hinter Felli» offiziell als gut ein. Zudem erhielt das Skigebiet im letzten Winter von den Experten von Seilbahnen Schweiz das Gütesiegel «geprüfte Pisten» – Alarmzeichen schien es keine zu geben.

Romano Pajarola von der Beratungsstelle Sicherheit Schneesportanlagen sagte gegenüber der «NZZ am Sonntag»: «Ich persönlich habe die fragliche Piste homologisiert. Sie ist einwandfrei.» Doch weshalb konnte auf einer geprüften Piste trotzdem eine Lawine niedergehen? Pajarola dazu: «Ein Skigebiet wird alle drei Jahre von unseren Experten besucht.» Bei einem solchen Besuch wird jeweils das Sicherheits- und Rettungskonzept sowie die Pistensignalisation geprüft. «Die Verantwortung für die Sicherung der Pisten liegt jedoch immer beim Bergbahnunternehmen. Dieses entscheidet, ob geöffnet werden kann oder nicht.»

«In dieser hochalpinen Lage ist die nötige Sicherheit für den Betrieb eines Skigebiets fast immer eine Gratwanderung.»

Doch so ungefährlich war das Gelände indes nicht, wie Maren Kern, die Geschäftsführerin von Mountain Wilderness weiss: «Bei der Planung der neuen Skiarena haben die Umweltschutzverbände mehrmals darauf hingewiesen, dass das Gebiet kein Skigebietsgelände ist. Neben Natur- und Landschaftsschutzproblemen stellen sich auch Fragen aufgrund der Topografie und des Untergrundes.» Der südexponierte Hang über den die Piste «Hinter Felli» führt, ist über 30 Grad steil – diese Neigung ist stark genug, dass ich Lawinen lösen können. An diesem 26. Dezember war die Lawinengefahr «erheblich».

Pia Tresch von Pro Natura Uri sieht für die Pisten am Schneehüenerstock ein weiteres Problem: Die vielen Steine an diesem Teil des Skigebietes erlauben ein Öffnung der Pisten nur dann, wenn viel Schnee liegt. Doch bei viel Schnee steigt auch die Lawinengefahr deutlich. «In dieser hochalpinen Lage ist die nötige Sicherheit für den Betrieb eines Skigebiets fast immer eine Gratwanderung.»

Die Verantwortlichen des Skigebietes betonen, dass der Traum des Prestigeprojektes nicht auf Kosten der Sicherheit ging. Das bestätigt auch der Sprecher der Andermatt Swiss Alps AG, Stefan Kern: «Die Sicherheit der Gäste und der Mitarbeitenden hat immer oberste Priorität.» Vor Eröffnung der Pisten am 26. Dezember seien zahlreiche Sicherheitssprengungen durchgeführt worden. «Es gibt keinen kommerziellen Druck, Pisten zu öffnen.»

Noch offen ist die Frage, wie es mit der Skiarena nach dem Unglück weitergeht. Werden zur Steigerung der Sicherheit Lawinenverbauungen in den Hang gestellt? «Diese Option ist nicht ausgeschlossen», wie Kern meint. Doch bevor Massnahmen ergriffen werden, wartet man nun noch den Untersuchungsbericht der Kantonspolizei Uri ab. Die Piste «Hinter Felli» ist bis auf Weiteres nicht befahrbar.

(mim)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die Wucht und Pracht des Schnees in 28 Bildern

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Das Coronawunder von Einsiedeln: Nach dem Sühudiumzug sinkt die Zahl der Infizierten

Hunderte Fasnächtler zogen am Fasnachtsmontag in Einsiedeln durchs Dorf. Mehr als Tausend Zuschauer wohnten dem närrischen Treiben bei. Nach knapp zwei Wochen folgt die Erleichterung: Der Südhudiumzug hat die Coronazahlen nicht in die Höhe getrieben.

Die Wogen gingen hoch in den sozialen und den klassischen Medien. Für die einen waren die Einsiedler Helden der Freiheit, für die anderen unsolidarische Hinterwäldler, die völlig verantwortungslos die Pandemie anheizen. Den Stoff für die Kontroverse lieferte der Sühudiumzug. Trotz Versammlungsverbot zogen am Montagmorgen vor einer Woche Hunderte Fasnächtler durchs Dorf, mehr als tausend Zuschauer wohnten bei Minustemperaturen der illegalen Massenversammlung bei, Schutzmasken trug fast niemand.

Die …

Artikel lesen
Link zum Artikel