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Diese Frau singt ein Loblied auf Helvetia: «In der Schweiz zu leben, hat mir Amerika und seine lausige Arbeitskultur verdorben»

Die Amerikanerin Chantal Panozzo hat zehn Jahre in Zürich gelebt. Jetzt ist sie zurück in den USA – und frustriert: Sie vermisst etliche Annehmlichkeiten und kann nicht glauben, wie rückständig ihre Heimat im Vergleich erscheint. 



Chantal Panozzo sitzt in einem Vorstellungsgespräch in Chicago. Irgendwann merkt die Amerikanerin, dass sie den Job – langer Arbeitsweg, durchschnittliches Gehalt, keine Zulagen – ziemlich unattraktiv findet. Wenig später stellen sich zwei weitere Erkenntnisse ein: 1. Das Jobangebot ist nicht unattraktiv, sondern für Amerika ganz normal. 2. Der Grund, warum sie sich nicht damit anfreunden kann, liegt in der Schweiz: Panozzo lebte mehrere Jahre in Baden. Jetzt ist sie zurück in den USA und schaut ihre Heimat mit komplett anderen Augen an.

Bild

Chantal Panozzo bild via swisstory.blogspot.ch

«Bevor ich in die Schweiz zog, kannte ich nur die amerikanische Realität: Ich lebte in einer Dreizimmerwohnung, verdiente 30'000 Dollar pro Jahr und arbeitete fast sieben Tage pro Woche ohne Überstundenvergütung und mit zehn Tagen Ferien pro Jahr», schreibt Panozzo in einer langen Liebeserklärung mit dem Titel «Living in Switzerland ruined me for America and its lousy work culture» («In der Schweiz zu leben, hat mir Amerika und seine lausige Arbeitskultur verdorben»).

FILE - This Oct. 30, 2009 file photo shows an aerial view of downtown Chicago featuring the Willis Tower, right, formerly the Sears Tower, and the John Hancock Center, foreground with twin towers. Since the 9/11 attacks on New York's World Trade Center a decade ago, much has changed at skyscrapers around the country, but experts say obvious precautions still leave thousands of buildings vulnerable because the costs to retrofit existing structures may be too costly and cities and states may be slow to adopt newer, tougher building codes for new construction like those recommended after the deadliest terror attack on U.S. soil. (AP Photo/Kiichiro Sato, File)

Downtown Chicago. Bild: AP

Nie wäre es ihr und ihrem Partner in den Sinn gekommen, dass sie ihre Lebensqualität verbessern könnten, indem sie das Land verliessen. Doch genau das geschah, als er ein Jobangebot in der Schweiz erhielt und annahm. Zehn gute Jahre sind seither vergangen. Zurück in den USA beschreibt Panozzo im Detail, in welchen Belangen der Schweizer Arbeitsmarkt dem amerikanischen überlegen ist. Die Amerikanerin glorifiziert die hiesigen Verhältnisse stellenweise etwas. An ihrer Grundaussage ändert das aber nichts: In der Schweiz lebt es sich angenehmer als in den USA, und hier sind die Gründe:

Work-Life-Balance

«Die Schweizer arbeiten hart, aber sie haben eine starke Work-Life-Balance», beobachtet Panozzo. Sein Mittagessen am Arbeitsplatz einzunehmen, sei im Unterschied zu den USA verpönt. Eineinhalb Stunden Mittagspause voll ok. Ebenso eine Abkühlung in der Limmat. «Die Mittagspause ist den Schweizern heilig.»

Kinder und Erwachsene geniessen das herrliche Sommerwetter bei rund 27 Grad Celsius am Letten, aufgenommen am Donnerstag, 4. Juni 2015 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Badi Unterer Letten in Zürich. Bild: KEYSTONE

Zeit und Geld

Panozzo schätzt die flexible Teilzeit-Arbeitskultur in der Schweiz und die klare Regelung der Altersvorsorge. «Die Freiheit, mein Arbeitspensum selbst zu bestimmen, war fantastisch und sorgte dafür, dass ich motiviert und glücklich blieb.» In der Schweiz würden 81 Prozent der Frauen arbeiten, in den USA bloss 69. Das habe mit der Einstellung zu Teilzeitarbeit zu tun.

Arbeitslosenversicherung

«Nach etwa drei Jahren in der Schweiz verlor ich meinen Job. Ich fand heraus, dass man 18 Monate lang 70 bis 80 Prozent seines letzten Gehalts bekommt.» Der Staat kam zudem für ihren Deutschkurs auf. In den USA betrage die Arbeitslosenentschädigung zwischen 40 und 50 Prozent. Auch die Bezugsdauer sei mit durchschnittlich sechs Monaten wesentlich kürzer.

Steuern

«Im Vergleich zu den USA ist die Steuerlast für einen Erwerbstätigen in der Schweiz erträglich», so Panozzo. Das erlaube den Schweizern auch zu sparen, weshalb das durchschnittliche Vermögen eines Erwachsenen hier doppelt so hoch sei wie in den USA. Panozzo zahlte sowohl in der Schweiz als auch in Amerika Steuern. 

Ferien

«In meinem alten Job in den USA hatte ich zehn Tage bezahlte Ferien pro Jahr und jeder einzelne, der eingelöst wurde, war mit Schuldgefühlen verbunden», schreibt Panozzo. Ihr Mann habe von seinem Schweizer Arbeitgeber sechs Wochen Ferien erhalten. Zwei Wochen am Stück zu nehmen, sei ihr zunächst schwer gefallen.

Kein Auto

Panozzo zieht in Erwägung, ein Auto zu kaufen. Weil sie in Chicago eins braucht. In der Schweiz war das anders. Hier verzichten 21 Prozent der Haushalte auf ein Auto, in den USA sind es nur 9,2 Prozent. «Ich lebte genau gleich weit von Zürich weg wie jetzt von Chicago (24 Kilometer), aber der ÖV war nicht so frustrierend wie jetzt.»

Pendler am fruehen Morgen im  S-Bahn Bahnhof Zuerich Altstetten, aufgenommen am 3. April 2012. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

S-Bahn am Bahnhof Altstetten. Bild: KEYSTONE

Mutterschaft

Die gesetzlich vorgeschriebenen 14 Wochen bezahlter Mutterschaftsurlaub sind im europäischen Vergleich eher knapp bemessen – aber im Vergleich zu den USA sehr grosszügig, findet Panozzo. Ebenso die Tatsache, dass Staat und Versicherung für sämtliche Kosten im Zusammenhang mit einer Geburt aufkommen.

«Nach zehn Jahren entschieden mein Mann und ich, dass es Zeit sei, nach Hause zu gehen, um zu sehen, wie es ist, zuhause zu sein», schreibt Panozzo zum Schluss. Zwar sei es schön, wieder näher bei der Familie zu sein. Gleichzeitig könne sie nicht glauben, dass die USA kein vernünftiges Rentensystem haben, dass Mütter nicht im selben Ausmass wie in der Schweiz unterstützt werden und dass sie ein Auto braucht, weil der ÖV so schlecht ist.

«Derzeit bin ich mir noch nicht sicher, welchen Ort ich mein Zuhause nennen will», schliesst sie.

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