DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Vom Nationalrat zum Frachtarbeiter: Eine Abwahl kann auch eine berufliche Neuorientierung nötig machen. Bild: shutterstock

Kein Amt, kein Geld – wie eine Abwahl Politiker finanziell trifft

Am Sonntag wird es wieder lange Gesichter geben: Mehreren National- und Ständeräten droht die Abwahl. Das ist nicht nur politisch schmerzhaft – es kann auch zu prekären finanziellen Einbussen führen.



Nebst politischem Einfluss ist ein Amt als National- oder Ständerat auch mit finanziellen Anreizen verbunden. Mitglieder des Nationalrats erhalten im Durchschnitt eine jährliche Entschädigung inklusive aller Spesen von rund 140'000 Franken. Im Ständerat, dessen Mitglieder pro Kopf mehr Kommissionsarbeit leisten, sind es rund 155'000 Franken. Allerdings müssen die Ratsmitglieder aus dieser Summe ihre Büroinfrastruktur, persönlichen Mitarbeitenden, Pensionskassenbeiträge und Abgaben an Fraktion und Partei bezahlen.

Wer nebst dem Parlamentsamt kein anderes berufliches Standbein mehr hat, den kann eine Abwahl empfindlich treffen. Seit 2003 können Ratsmitglieder, die «nach ihrer Abwahl keinen gleichwertigen Ersatz für das Einkommen als Ratsmitglied erzielen können oder bedürftig sind», während maximal zwei Jahren eine Überbrückungshilfe beantragen. Diese beträgt im Monat höchstens 2370 Franken – die Höhe einer vollen AHV-Rente.

Wie Bundesparlamentarier mit den Folgen einer unerwarteten Abwahl umgehen, zeigen folgende Beispiele.

Barbara Marty Kälin: Die Verzweifelte

SP Nationalraetin Barbara Marty Kaelin (ZH) von der Kommission fuer Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK) des Nationalrates auessert sich am Dienstag, 21. November 2006 in Bern zum Stromversorgungsgesetz. (KEYSTONE/ Peter Schneider)

Bild: KEYSTONE

Die Zürcher SP-Nationalrätin Barbara Marty Kälin wurde 2007 nach sieben Jahren im Amt abgewählt. Die damals 53-Jährige stand «buchstäblich vor dem Nichts», wie die Zeitung «Sonntag» damals schrieb. Ein Standbein neben der Politik hatte Marty Kälin keines mehr. Sie hatte sich voll auf den Nationalrat konzentriert, während ihr Mann für den Haushalt und die Kinder sorgte. Diese waren bei ihrer Abwahl zwar inzwischen volljährig geworden, aber alle noch in Ausbildung. Ihr an Krebs erkrankter Mann konnte zum Zeitpunkt ihrer Abwahl nicht mehr arbeiten.

Die frühere Berufsschullehrerin Marty Kälin schrieb mehr als 30 Bewerbungen – ohne Erfolg. Auch als Kioskfrau werde sie sich bewerben, wenn es nötig sei, sagte sie dem «Sonntag». Fünf Monate nach der Abwahl hatte sie noch 34 Franken auf dem Konto, wie sie dem Blick erzählte. Marty Kälin ging stempeln und war froh um die Überbrückungshilfe. Schliesslich klappte es dann auch auf dem Arbeitsmarkt: Sie fand eine 40-Prozent-Stelle als Geschäftsführerin einer Non-Profit-Organisation. Das Geld reiche gerade, sagte sie 2011 zum «Blick»: «Aber grosse Sprünge sind nicht drin.»

Urs Schläfli: Der Hinterbänkler

Urs Schlaefli (CVP/SO) aeussert sich zur Volksinitiative

Bild: KEYSTONE

Der gelernte Landwirt sass von 2011 bis 2015 für die Solothurner CVP im Parlament. Er rückte für den in den Ständerat gewählten Pirmin Bischof in den Nationalrat nach. Schläfli galt als stiller Schaffer, von den Medien wurde er oft als «Hinterbänkler» bezeichnet. Er fiel nicht auf und suchte mit seiner politischen Arbeit kaum je die Öffentlichkeit. Das kostete den damals 52-Jährigen vor vier Jahren die Wiederwahl.

Nach seiner Abwahl kehrte Schläfli der Politik den Rücken. Noch im gleichen Jahr begann er die 18-monatige Ausbildung zum Fahrlehrer und gründete kurz darauf eine eigene Fahrschule. Dazu motiviert hätten ihn unter anderem seine Töchter, schreibt Schläfli auf seiner Homepage. Als diese auf die Autoprüfung übten, war er oft als Begleitperson mit dabei und entdeckte so die Freude am Unterrichten.

Wir haben die Wahlplakate interviewt ...

Video: watson/Patrick Toggweiler, Jodok Meier, Emily Engkent

Markus Wäfler: Der Frachtarbeiter

ZH_NR_EDU_Waefler_Markus

2007 wurde der Zürcher Nationalrat der christlich-konservativen EDU von den Wählern nach Hause geschickt. Das Timing war denkbar ungünstig. Wenige Monate vor den Wahlen war Agrochemiker Wäfler von seinem Arbeitgeber Syngenta frühpensioniert worden.

«Ich merkte schnell, dass ich in meinem Alter als Agrotechniker keinen Job mehr finde. Da nützte mir auch das ehemalige Nationalratsmandat nichts», sagte Wäfler zum Blick. Wäfler griff auf die Überbrückungshilfe zurück. Neun Monate nach seiner Abwahl fand Wäfler eine andere Möglichkeit, sein Einkommen aufzubessern. Er trat eine Teilzeitstelle am Flughafen Zürich an, wo er wertvolle Fracht zwischen Terminal und Flugzeugen beförderte. «Ohne den Job würde es finanziell eng werden», sagte er 2011 zum «Blick».

Yvonne Gilli: Die Nimmermüde

Nationalraetin Yvonne Gilli (Gruene-SG) posiert an einer Medienkonferenz der Gruenen Partei Kanton St. Gallen zu Gillis Kandidatur fuer den Staenderat, am Donnerstag, 2. April 2015, in St. Gallen. Yvonne Gilli ist Aerztin und lebt in Wil. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Bild: KEYSTONE

Unter den 2015 abgewählten Nationalräten war auch die Grüne Yvonne Gilli. Im Kanton St. Gallen verlor Gilli ihren Sitz aufgrund der politischen Verschiebung gegen rechts. «Wie ein Tsunami» bezeichnete Gilli ihre Abwahl im St. Galler Tagblatt. Sie trauerte ihrem achtjährigen politischen Engagement nach.

Finanziell war die Abwahl für die Hausärztin jedoch kein herber Rückschlag. Sie stockte ihre Arbeit als Ärztin nach der Abwahl wieder auf. Das Parlament sei für sie finanziell nicht lukrativ gewesen, so Gilli. Und dennoch: Vier Jahre später will sie es wieder versuchen. Gilli kandidiert auf der Grünen-Liste wieder für den Nationalrat. Die 62-Jährige hofft darauf, dass sie mithilfe der Klimabewegung erneut einen Sitz ergattern kann.

Andy Tschümperlin: Der famos Gescheiterte

ZU DEN EIDGENOESSISCHEN WAHLEN VOM 18. OKTOBER 2015 STELLEN WIR IHNEN AUS UNSERER PORTRAITSERIE

Bild: KEYSTONE

Der 18. Oktober 2015 war für den SP-Nationalrat Andy Tschümperlin ein denkwürdiger Tag. Eigentlich sahen viele im Kanton Schwyz seine Wiederwahl als reine Formsache. Doch das war es nicht. Am Abend des 18. Oktobers stellte sich heraus: Der vierfache Vater war seinen Nationalratssitz nach acht Jahren los.

Das stellte Tschümperlin kurzfristig vor einige Herausforderungen. Als der Sozialdemokrat 2012 zum Fraktionschef gewählt worden war, kündigte er seine Stelle als Schulleiter. Nach der Abwahl stand er vor dem Nichts. Nur noch ein paar ehrenamtliche Mandate blieben ihm übrig. Tschümperlin nahm sich einen Führungscoach und las Stellenanzeige nach Stellenanzeige. Gartenarbeit, ein Sprachaufenthalt in Südfrankreich und das Geld aus der Überbrückungshilfe für abgewählte Parlamentarier halfen dem damals 53-Jährigen, die Niederlage zu verdauen.

2016 fand Tschümperlin einen neuen Job: Beim Arbeiterhilfswerk wurde er zum Leiter für Bildung im Strafvollzug. Unterdessen hat Tschümperlin eine Kaderstelle in der Zuger Kantonsverwaltung gefunden.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

#GoWote! Darum machen wir bei den Wahlen mit!

Jans genau erklärt: Der Wahlsonntag

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Jetzt ist es amtlich: Der Aufschwung der Grünen ging auf Kosten der SP

Die eidgenössischen Wahlen im vergangenen Herbst gingen als «Klima-Wahl» in die Geschichte ein. Grüne und Grünliberale waren die grossen Gewinner. Nun zeigt eine Studie, wer damals welche Partei wählte und weshalb.

Der Wahlsieg der Grünen bei den eidgenössischen Wahlen im vergangenen Herbst ging auf Kosten der SP. Die Sozialdemokraten verloren fast einen Viertel ihrer einstigen Wählerschaft an die Grünen. Die Verluste der SVP sind auf eine schlechte Mobilisierung zurückzuführen. Dies zeigt eine am Freitag präsentierte Studie aus dem Wahlforschungsprojekt Selects, das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert und vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften Fors in Lausanne …

Artikel lesen
Link zum Artikel