Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Nationalrat Thomas Aeschi spricht waehrend der Nominationsversammlung fuer die National- und Staenderatswahlen der SVP Kanton Zug am Mittwoch, 3. April 2019, in Steinhausen. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Nationalrat Thomas Aeschi am 3. April 2019 während der Nominationsversammlung für die National- und Ständeratswahlen der SVP Kanton Zug. Bild: KEYSTONE

Aeschi will Touristen verscheuchen, weil er am Berg warten muss – und sorgt für Entsetzen

Der Zuger Nationalrat Thomas Aeschi musste im Skigebiet Engelberg ein wenig anstehen. Da beklagte er sich per Tweet, es gebe zu viele Touristen. Tourismus-Verantwortliche sind entsetzt.

Henry Habegger / ch media



Thomas Aeschi (40), Nationalrat und Fraktionschef der SVP im Bundeshaus, war dieser Tage in den Bergen. Allein, der Mann war nicht allein dort. Im Skigebiet Engelberg-Titlis hielten sich noch andere Personen auf, sogar solche aus dem Ausland. Es handelte sich dabei um sogenannte Touristen.

Der Spitzenpolitiker der grössten Partei im Land, die sich als Wirtschaftspartei bezeichnet, verschaffte seinem Ärger mittels der Einrichtung Twitter Luft. Aeschi, seines Zeichens Mitglieder der nationalrätlichen Wirtschaftskommission, schrieb aus der Gondel: «Overtourism auf Engelberg-Titlis. Als Skifahrer kommt man kaum noch auf den Gipfel.»

Aeschis Gebresten Overtourism wird in Wikipedia so erklärt: «Als Overtourism (‹Übertourismus›) wird eine Entwicklung im Tourismus bezeichnet, die das Entstehen von offen zutage tretenden Konflikten zwischen Einheimischen und Besuchern an stark besuchten Zielen zum Gegenstand hat.»

Viele Schweizer Skigebiete leiden allerdings eher an Unter- denn an Übertourismus, sie hätten lieber mehr als weniger Touristen, und der Klimawandel macht ihnen gewaltig zu schaffen.

Bei den Titlis-Bergbahnen kommt der Tweet des Zugers SVP-Vormannes jedenfalls nicht gut an. «Ich bin befremdet, dass ein bürgerlicher Politiker so etwas schreibt und seine persönliche politische Gesinnung über das Wohl des Schweizer Tourismus stellt», sagt auf Anfrage Peter Reinle, Marketingleiter der Titlis-Bergbahnen.

«Aeschi würde uns gescheiter helfen»

«Es stimmt, dass es vereinzelt Tage gibt, wo es auf der obersten Sektion zu Wartezeiten kommt. Darum wollen wir die oberste Sektion ja ausbauen», sagt Reinle. «Herr Aeschi würde uns als Politiker bei diesen Plänen gescheiter unterstützen als solche Tweets abzusetzen.»

Bei Hotelleriesuisse, dem Verband der Schweizer Hotelbranche, kommt der Aeschi-Tweet nicht viel besser an. «Mit der Aussage wird die wichtige Funktion des Tourismus als Wirtschaftsmotor – gerade in den Berggebieten – verkannt», hält Sprecherin Karin Sieber fest. «In den Bergregionen trägt die Branche zu rund 21 Prozent zur Wertschöpfung bei sowie zu knapp 30 Prozent bei den Beschäftigten.»

Aeschi, der Touristenschreck

Die SVP versteht sich, das geht auch aus ihrem neuen Parteiprogramm hervor, als Wirtschaftspartei. Unter dem Titel «Tourismus unter Druck» steht darin: «Auch der Tourismus mit seinen zahlreichen Arbeitsplätzen ist für die Schweizer Wirtschaft von grosser Bedeutung. Der einzigartigen landschaftlichen Schönheit unseres Landes stehen jedoch auch belastende Faktoren wie kriselnde ausländische Währungen, hohe Kosten oder veraltete Strukturen gegenüber.»

Für den Wirtschaftspolitiker und Touristenschreck Aeschi aber verstopfen ausländische Touristen die Schweizer Berge, so dass der Politiker und Wirtschaftsberater seine wertvolle Freizeit am Lift verliert.

Manchmal erschliessen sich gewisse Zusammenhänge selbst für Exponenten von erklärten Wirtschaftsparteien nicht. Peter Reinle von den Titlis-Bahnen liefert dem Mann etwas Nachhilfe: «Im Moment sind genau noch sieben Skigebiete in der Schweiz offen. Ohne die ausländischen, oft asiatischen Touristen müssten wir den Betrieb ab Mitte/Ende April einstellen, weil es nicht mehr rentieren würde. Dank diesen Gästen aus Übersee und auch dank Schengen kann man am Titlis noch bis am 26. Mai Ski fahren».

ARCHIV - ZUR TOURISMUS-STUDIE DER CS, AM DIENSTAG, 12. DEZEMBER 2017, ERHALTEN SIE FOLGENDE THEMENBILDER ---- Ride with the 6-seat chairlift Ice Flyer, pictured on March 29, 2014, during a visit of a small group of Chinese students in the skiing region Titlis, Switzerland. The group has rented skis and booked a Chinese ski instructor for a 2-hour skiing lesson. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Fahrt auf dem 6-Platz-Sessellift Ice Flyer, aufgenommen am 29. Maerz 2014 bei einem Besuch einer kleinen Gruppe chinesischer Studenten im Skigebiet Titlis. Sie haben Skis gemietet und bei einem chinesischen Skilehrer einen zweistuendigen Skikurs gebucht. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Chinesische Studenten im Skigebiet Titlis. Bild: KEYSTONE

Gäste aus fernen Märkten sind wichtig

Ohne die ausländischen Gäste, die Aeschis freie Fahrt auf den Berg störten, geht es auch in den Augen von Hotelleriesuisse nicht. «Die ausländischen Gäste sind eine wichtige Stütze im Schweizer Tourismus und tragen viel zur Wertschöpfung bei», sagt Sprecherin Karin Sieber. «Nebst einheimischen Gästen sind auch jene aus Europa und zunehmend aus Fernmärkten sehr zentral. Letztere kompensieren zu gutem Teil den Wegbruch der europäischen Gäste.»

Mit seinem Tweet wollte der Harvard-Absolvent fraglos Stimmung gegen die Abstimmung zum Waffenrecht vom 19. Mai und damit Schengen machen. Das findet Titlis-Marketingchef Reinle keine sehr gute Idee. Er sagt: «Der Schweizer Tourismus hat von Schengen enorm profitiert. Ich kann mich noch gut an die Zeit vor dem Schengen Abkommen erinnern, da waren die Hotels und Bahnen in Engelberg im Mai geschlossen. Als Touristiker dürfen wir das Schengen Abkommen nicht gefährden, deshalb sind wir auch klar für ein Ja zum Waffenrecht.»

Gleich tönt es bei Hotelleriesuisse: «Ohne das Schengen-Abkommen würde die Schweiz aus dem Schengener Visaverbund fallen. Als Konsequenz drohen touristische Wettbewerbsnachteile: Wenn Touristen aus Fernmärkten künftig extra für die Schweiz ein zusätzliches Visum lösen müssten, würden viele die Schweiz aufgrund des finanziellen und administrativen Zusatzaufwands auf ihrem Europatrip auslassen, zumal sie überwiegend nur wenige Tage in der Schweiz bleiben.»

Zu Fuss auf den Berg

Jährliche Umsatzeinbussen, so die Hotelleriesuisse-Sprecherin, von bis zu einer halben Milliarde könnten laut einer Studie des Bundes die Folge sein.

«Schengen und Dublin kosten die Schweiz viel mehr als sie uns nutzen», schrieb Thomas Aeschi in seinem Engelberg-Tweet.

Fest steht, wenn es nach den Tourismus-Fachleuten geht: Ohne Schengen und die ausländischen Touristen könnte sich Aeschi in Zukunft ungestört und mangels Bergbahnbetrieb zu Fuss auf den Weg «zum Gipfel» und ins Bergrestaurant am Trübsee machen. Dank geschlossener Gastwirtschaft könnte er sogar seinen eigenen günstigen Weisswein mitbringen, statt ihn, wie am 19. April geschehen, im Bergrestaurant in Selbstbedienung käuflich zu erwerben.

(aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Mit Kreativität gegen leere Schweizer Pisten

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Taskforce-Ökonom warnt: «Unser kulturell bedingter Sparreflex hat tödliche Folgen»

Die Ökonomen der Science-Taskforce sind sich einig: Grosszügige finanzielle Unterstützung ist jetzt angebracht und muss mit den Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus einher gehen. Der Bundesrat entscheidet am Mittwoch.

Mit Spannung erwarten viele die Bundesratssitzung von kommendem Mittwoch. Von Finanzminister Ueli Maurer wird erwartet, dass er dann Lockerungen der Härtefall-Regeln kommuniziert. Mitte Dezember entschied der Bundesrat, zur Abfederung der wirtschaftlichen Schäden das Härtefall-Programm für Unternehmen aufzustocken. Doch die beschlossene Regelung ist kompliziert und in vielen Kantonen hapert die Umsetzung. Betriebe, die dringend auf Hilfskredite angewiesen wären, werden abgewiesen oder …

Artikel lesen
Link zum Artikel