DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Im Coiffeursalon, beim Bügelservice oder beim Kauf der Einwegrasierer: Frauen bezahlen stets deutlich mehr (Archivbild vom 2019).
Im Coiffeursalon, beim Bügelservice oder beim Kauf der Einwegrasierer: Frauen bezahlen stets deutlich mehr (Archivbild vom 2019).
Bild: KEYSTONE

Beim Bezahlen sind die Frauen noch lange nicht gleichberechtigt – wenige Ausnahmen gibt's

Ein Zürcher Coiffeur beseitigt die alte Ungerechtigkeit im Preis. Auch andere sagen: Ein simpler Haarschnitt braucht bei Frauen nicht mehr Zeit. Noch grösser ist die Ungerechtigkeit, wenn Frau ihre Bluse zum Bügeln bringt. Gender-Pricing nennt man das.
23.03.2021, 05:3223.03.2021, 09:16
Sabine Kuster / ch media

In der Stimme der Coiffeuse lag etwas Feierliches, als sie sagte: «Übrigens, wir haben keine Preisunterschiede mehr zwischen Männern und Frauen.» Es habe schon länger eine Angleichung stattgefunden, aber seit dem Frauenstreik würden sie das nun deutlich kommunizieren.

Ihr Arbeitgeber ist der Coiffeursalon Mad Hairstyle in Zürich. Zürcherinnen sind sich gewöhnt, dass sie nicht unter 110 Franken wegkommen. Nun können alle zwischen einem kurzen, mittleren oder langen Service wählen. Das Günstigste ist der Trockenhaarschnitt für 56 Franken. Geschäftsführer Marc Menden sagt:

«Haare sind Haare, egal, auf welchem Kopf sie wachsen. Ich habe nie verstanden, warum eine Frau mehr bezahlen soll für dieselbe Leistung wie ein Mann.»

Als Unternehmen in einer frauendominierten Branche müsse man auf das Thema Gleichberechtigung sensibilisiert sein. Er hat die Dienstleistungen nach Zeitaufwand begutachtet und verrechnet sie nun auch so.

In der Schweiz ist das immer noch die Ausnahme. Bei Neueröffnungen ist es einfacher, Unisexpreise einzuführen. Anderen können auf eine zahlungskräftige Stadtkundschaft zählen. Denn Männer müssen dadurch mehr bezahlen. Auch Mad Hairstyle hat ein paar Kunden verloren. Die Coiffeuse meinte selbstbewusst: «Jenen, denen Gleichberechtigung egal ist, weinen wir nicht nach.»

27 Franken mehr für dieselbe Leistung und Zeit

Anders tönt es, wenn man die Grossstadt verlässt. Daniel Stalder, Inhaber der Salons Hauptsache in Kriens, Sursee und Luzern, sagt: «Ich finde das Thema wichtig, habe es oft diskutiert. Aber ich könnte die Frauenpreise nicht günstiger machen, ohne viele Männer zu verlieren. Das kann ich mir nicht leisten.»

Für Waschen-Schneiden-Föhnen bezahlen hier Frauen 27 Franken mehr als Männer. Bei beiden dauert es eine Stunde. Trotzdem, sagt Stalder, sei bei Männern die Konkurrenz von Billiganbietern enorm. Sogenannte Barber-Shops florieren. Da gibt es Schneiden für knapp 20 Franken, Waschen-Schneiden für 25 Franken. Drei Haarschnitte im Angebot reichen, eine abgeschlossene Ausbildung muss nicht sein. «Ich kann nur mit Qualität dagegen halten», sagt Stalder.

Das Ganze ist historisch bedingt: Ohne aufwendige Föhnfrisur verliess früher kaum eine Frau den Salon. Doch der Preisunterschied blieb auch als Kurzhaarfrisuren bei Frauen Mode wurden und sich die Techniken vereinfachten.

Bad Hair Day? Keine Bange …

1 / 26
Bad Hair Day? Keine Bange …
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Es geht gar nicht ums Schneiden – sondern ums Föhnen

Allerdings geht es eben um das Styling danach, nicht um den Kurzhaarschnitt. Bei Cut and Color, einem Coiffeur mit 15 Filialen in der Schweiz, kostet ein Haarschnitt nicht nur bei Damen und Herren gleich viel, sondern auch unabhängig von der Länge: «Für den perfekten Haarschnitt ist der Zeitaufwand ungefähr gleich», sagt Raffaella de Simoni Thomann vom Marketing. Das Föhnen, wo die Frauen oft mehr Zeit benötigen, ist in ihrem Konzept der Kundschaft überlassen.

Dass der Hauptunterschied beim Föhnen liegt, bestätigt Branchenleader Gidor. «Das Föhnen dauert bei einer Dame mit Kurzhaar im Durchschnitt 20 bis 30 Minuten, bei den Herren 2 bis 5 Minuten», sagt Maria Jiménez vom Marketing bei Gidor. Allerdings könne die Frau darauf verzichten und bezahle dann 42 Franken für Waschen-Schneiden. Unisexpreise seien aktuell keine Option, aber man orientiere sich ständig nach den Bedürfnissen des Marktes.

Dass der Markt es richten werde, davon sind viele überzeugt. Aber bei der einen Hälfte der Bevölkerung besteht wohl geringes Interesse daran.

Die Marktfreiheit wird nicht angetastet – auch nicht für Gleichberechtigung

Sara Stalder, Geschäftsleiterin Schweizer Konsumentenschutz, sagt zwar, es gebe immer wieder Anfragen und Beschwerden von Frauen, die Beispiele von «Gender-Pricing» zuschickten. Doch sie könnten bei Missständen nicht eingreifen, weil es seitens des Staates keine Schützenhilfe gibt: «Die Marktfreiheit ist das oberste Gut in der Schweiz», sagt Stalder. Die Hersteller ihrerseits würden sich meist darauf berufen, dass die Produkte nicht vergleichbar seien.

«Druck aus der Bevölkerung ist momentan unser einziges Mittel. Denn auch politische Vorstösse werden hochkant verworfen mit dem Argument der Marktfreiheit.»

Der letzte stammt von SP-Nationalrat Jean Christophe Schwaab, in dem er auf die Gleichstellung von Mann und Frau in der Bundesverfassung verwies und schrieb: «Bei den Konsumentenpreisen für zahlreiche Produkte und Dienstleistungen sind wir jedoch meilenweit von Gleichstellung entfernt.» Viele fast identische Produkte und Dienstleistungen hätten unterschiedliche Preise, wenn sie speziell an Männer oder an Frauen gerichtet seien.

Politisch tut sich nichts

Der Bundesrat stritt dies nicht komplett ab, argumentierte jedoch: «Ein Teil der Preisdifferenz ist unter Umständen aber auch darauf zurückzuführen, dass sich die Qualität der Dienstleistung unterscheidet, andere Produkte verwendet werden oder der Stil ein anderer ist usw.» Die aktuellen Regulierungen würden genügen. Eine Mehrheit des Nationalrates war 2018 derselben Meinung. Seitens der Schweizer Preisüberwacher heisst es: «Wir können möglichen Unmut verstehen», so Rudolf Lanz. «Da im Coiffeurgewerbe Wettbewerb herrscht, kann der Preisüberwacher aber nicht intervenieren.»

Auch Coiffure Suisse, der Verband Schweizer Coiffeurgeschäfte, sieht den Handlungsbedarf nicht, denn Kunden könnten sich den passenden Salon aussuchen. Und: «Herrenhaarschnitte benötigen weniger Zeit, was den tieferen Preis rechtfertigt», sagt Zentralpräsident Damien Ojetti und verweist auf weitere Kostenargumente: teurere Geräte für Frauen oder mehr Weiterbildung für Brautfrisuren oder Haarverlängerungen. Ojetti sagt ausserdem:

«Weshalb kosten rosarote Einwegrasierer mehr als blaue? Offenbar, weil Frauen bereit sind, mehr dafür zu bezahlen.»

Das Beispiel mit den Einwegrasierern ist ein oft genanntes, das Problem wird deshalb auch «Rosa Steuer» genannt. Aber es ist auch eines der am wenigsten relevanten Beispiele: Der Preis für Rasierer ist ohnehin tief und frau könnte tatsächlich auf «blau» ausweichen– vorausgesetzt, sie bemerkt den Unterschied. Die Einwegrasierer von Big sind für Frauen auf den ersten Blick nicht teurer: vier für 4.60 Fr. Männer: sechs für 5.95 Fr. Aufs Stück gerechnet bezahlen Frauen 25 Rappen mehr.

Doppelter Preis beim Bügelservice Terlinden

Preise für Frauen sind vielerorts erhöht – auch beim Bügeln: 8.80 Fr. kostet «nur bügeln» beispielsweise bei Terlinden für Blusen – ein Herrenhemd kann offenbar für 4.40 Franken kostendeckend gebügelt werden.

Das Argument «der Preis sei es den Frauen wert» kommt bei Angeboten, wo die Frauen die Wahl nicht haben, ins Wanken. Mehr noch: Könnte es sein, dass Frauen bei solchen Dienstleistungen Männer querfinanzieren? Genau das gibt ein Coiffeur in einem Recherchegespräch zu. «Ja, eigentlich bezahlen die Frauen die Herrenpreise mit», sagt er und bittet, seinen Namen nicht zu nennen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Und NUN: Vokuhila from HELL!

1 / 22
Und NUN: Vokuhila from HELL!
quelle: vintag.es / vintag.es
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

«Gleichstellung braucht es auch bei der Wehrpflicht» – So tickt Rekrutin Cécile Kienzi

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Zielscheibe der Wut – Tamara Funiciello auf dem Roadtrip ins Hassland

Keine Frau in der Schweiz wird mehr gehasst als Tamara Funiciello. Täglich beschimpfen und bedrohen sie Dutzende im Netz. Die Juso-Präsidentin sucht vier Hater auf, um herauszufinden: Woher kommt diese Wut?

Tamara Funiciello sitzt auf der Rückbank eines Autos und richtet sich die Haare. In wenigen Minuten wird sie Felix K. treffen, stolzer Eidgenosse und Flughafenmitarbeiter. K. will auf Facebook den «Asylwahnsinn» stoppen. Er mag es nicht, wenn Hunde zur Urlaubszeit ausgesetzt werden und er hat sich einen Feldschlösschen-Zapfhahn geleistet; Freund Bruno kommentiert darunter: «O'zapt is». Funiciello hält ein Blatt Papier in den Händen, den Ausdruck eines Kommentars von Felix K. unter einem …

Artikel lesen
Link zum Artikel