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bild: shutterstock
Der Kampf der aufmüpfigen Veganerin

Nach den Kirchenglocken jetzt der Kampf gegen Kuhglocken 

Nach den Kirchenglocken hat die Veganerin Nancy Holten aus dem Aargau nun auch den Kuhglocken den Kampf angesagt. 
29.12.2014, 07:3829.12.2014, 12:46
Thomas Wehrli / Aargauer Zeitung
Ein Artikel von
Aargauer Zeitung

Für viele ist sie ein rotes Tuch: Nancy Holten, 40, dreifache Mutter, Veganerin. Die gebürtige Holländerin, die seit sechs Jahren in Gipf-Oberfrick im Aargau lebt, sagt, was sie denkt, und nimmt dabei auch auf gewachsene Traditionen keine Rücksicht. 

Das frühmorgendliche Läuten der Kirchenglocken? Stört mich, sagt Holten – und reichte letzte Woche eine Immissionsklage gegen das 6-Uhr-Läuten bei der Gemeinde ein. 

Die Kuhglocken? Stören mich, sagt Holten – und lanciert auf Facebook die offene Gruppe «Kuhglocken out». 

Jetzt auf

Nicht der Lärm ist es diesmal, der die umtriebige Wahl-Fricktalerin zum Handeln bewegt, sondern das Tierwohl. «Kein Mensch läuft freiwillig mit einer Glocke um den Hals herum», sagt sie. «Und was man selber nicht will, darf man auch anderen Lebewesen nicht antun.» 

ETH-Studie als Kronzeugin 

Holten geht sogar noch einen Schritt weiter und verurteilt die alte Kuhglocken-Tradition, die für viele noch immer ein Stück Schweiz, ein Stück Heimat bedeutet, gar als Tierquälerei. Als Kronzeugin für ihre These führt sie eine Studie der ETH Zürich ins Feld, über welche die «Tagesschau» vor rund drei Monaten vorab berichtet hatte. 

Ein ETH-Team hängte gut 100 Kühen drei Tage lang eine mittelgrosse Glocke um den Hals. Fazit: Die Kühe frassen weniger und legten sich seltener hin. Schuld daran sei auch der Lärmpegel von über 100 Dezibel, erklärte Studienleiterin Edna Hillmann gegenüber der «Tagesschau». 

«Das ist in etwa so laut, wie wenn wir uns einen Presslufthammer direkt ans Ohr halten würden», ereifert sich Holten. Das sei für die Kühe «eine absolute Zumutung», eine «Rücksichtslosigkeit des Menschen», die sie nicht goutiert. 

Die Menschen wachzurütteln, sei ihre Antriebsfeder, «ich will das Bewusstsein für dieses Unrecht schärfen». Nur weil Kühe so gutmütig seien und sich Glocken umhängen liessen, «heisst das noch lange nicht, dass sie es auch wollen». Dass Kuhglocken neben dem Traditionsmoment durchaus auch ihren Sinn haben, nämlich dafür zu sorgen, dass man die Kühe auch nachts oder bei Nebel auf der Weide findet, lässt Holten nicht gelten. «Das mag vielleicht noch bei einigen wenigen Alpweiden so sein. Aber die meisten Weiden sind heute eingezäunt. Und da sticht dieses Argument nicht mehr.» 

Für Holten sind die Kuhglocken eine Tradition von gestern, die es im Heute zu hinterfragen gilt. «Wenn ein Bauer sagt: Eine Kuh ohne Glocke ist keine richtige Kuh, dann sträuben sich mir die Nackenhaare.» Das sei hanebüchen, «ein völliger Irrsinn». 

Holten redet sich in Fahrt. «Oder haben Sie das Gefühl, eine Kuh freue sich, wenn die Glocke ihren Hals wund scheuert?» Sie sei nicht gegen Traditionen, «aber diese dürfen nicht auf Kosten eines mitfühlenden Lebewesens gelebt werden». Indem man die Glocken-Tradition aufgebe, schaffe man den Raum für einen neuen Brauch. Dass sie mit ihrer Glocken-Sicht noch recht alleine dasteht – der Facebook-Gruppe sind bis gestern Sonntag erst 30 Mitglieder beigetreten – stört sie nicht. Zum einen sei die Gruppe erst im Aufbau. «Zum anderen kann man nur etwas bewegen, wenn man sich bewegt.» 

Facebook als Protest-Plattform 

Gewählt hat sie Facebook als Anti-Glocken-Plattform, weil es ein geniales Mittel sei, um sich zu vernetzen. «Man findet auch bei Randthemen schnell und leicht Gleichgesinnte.» Zudem könne jeder, der wolle, eine gewisse Anonymität bewahren. «Ich verstehe, dass sich nicht alle so gerne exponieren, wie ich es tue.» Ihnen gäben die sozialen Medien «die Plattform, um ihren Protest kundzutun». Holten ist auch klar, dass viele ihr Engagement gegen die Kuhglocken – angesichts der globalen Herausforderungen – für belanglos halten. «Ich habe das Glück, dass ich mich nicht um die Grundbedürfnisse sorgen muss, sondern meine ganze Energie für andere einsetzen kann.» 

Dass sie dies vorab für Tiere tut, hängt eng mit ihrer Denk- und Lebensweise zusammen. Seit acht Jahren leben sie und ihre drei Kinder vegetarisch, seit sieben Jahren «weitgehend vegan». Die pflanzliche Ernährung biete die Möglichkeit, «den Kreislauf der Tierausbeutung zu durchbrechen». Tiere sind für Holten kein nutzbares Gut, sondern «empathische Lebewesen mit den gleichen Rechten auf Unversehrtheit, wie wir Menschen sie haben». Holten wird für ihre Ansichten zum Teil belächelt, zum Teil offen angefeindet (wie beim Kirchenglocken-Streit). Sie nimmt es in Kauf. «Für die Sache.» 

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