Eltern suchten nach ihren Kindern – Bar war für lasche Alterskontrollen bekannt
Sie wollten Silvester feiern wie im vergangenen Jahr. Timeo und Adrian, zwei junge Männer aus Frankreich, kamen Anfang Woche in die Walliser Berge. Die Teenager wollten wie sonst auch in die beliebte Bar «Le Constellation» in Crans-Montana, wo einige ihrer Freunde auch schon oft waren.
Kurz vor 1.30 Uhr morgens vor Ort angekommen, bemerken sie, dass der Eintritt zu teuer ist, sie drehen um. Doch gerade dann beginnt Rauch aus dem Kellerlokal aufzusteigen. Ein Feuer flammt auf, und plötzlich stürmen die anwesenden Gäste in einer Massenpanik aus der Bar heraus.
«Alle haben versucht, gleichzeitig rauszukommen», berichtet Timeo. Es war eine schlimme Szene, sie haben sich geschubst. «Man sah Leute mit aufgerissenen, verklebten Händen.» Viele hätten ein weisses Gesicht gehabt und kaum atmen können. Die Leute seien wegen der Gefahr rücksichtslos übereinander hergetrampelt. Draussen kamen bald die Autos nicht mehr durch und auf dem Hauptplatz des Bergdorfes entstand ein lautes Chaos. Laut Augenzeugen waren mehrere Explosionen zu hören, welche Anwohner aus den Betten rissen.
Zuerst bemerkt kaum jemand die Gefahr
Die Behörden haben bisher noch keine Ursache für den Ursprung des Feuers bestätigt. Ein in den sozialen Medien kursierendes Bild zeigt, wie mehrere Partygäste Champagnerflaschen mit oben aufgesteckten Wunderkerzen in die Höhe strecken – und wie eine netzartige Schaumstoff-Struktur an der Decke beginnt, Feuer zu fangen.
In einem kurz darauf aufgenommenen Videoclip aus einer anderen Perspektive ist ersichtlich, dass der Brand an der Decke fortschreitet. Ein Gast versucht noch, mit einem Pullover auf die Flammen zu schlagen und sie zu löschen – ohne Erfolg.
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Nahestehende Partygänger filmen das Geschehen, noch ohne sich der Gefahr bewusst zu sein. Im Hintergrund läuft französische Rap-Musik weiter. Das Feuer aber breitet sich immer mehr aus.
Die Kommunikationsbehörde des Kantons Wallis werden später von einem «Flashover» sprechen, das in der Folge ausgebrochen sei. Pyrotechnik-Experten verstehen darunter den Moment, in dem sich in einem geschlossenen Raum eine Flamme blitzartig ausbreitet und die Oberflächen aller brennbaren Materialien Feuer fangen.
Der Keller des Lokals ist ein Holzbau. Erst jetzt realisieren die Gäste, dass ihr Leben bedroht ist und sie möglichst schnell raus müssen.
Was dann folgt, sind hässliche Szenen voll panischer Gewalt. Die Partygäste versuchen, sich zum schmalen Eingang hin zu bewegen, der über eine Holztreppe führt und gleichzeitig auch der Notausgang ist. In der Bar gibt es offiziell Platz für 300 Gäste und für 40 weitere auf der Terrasse.
Doch gegenüber CH Media berichtet ein Augenzeuge aus dem Dorf, dass manchmal auch bis zu 400 Leute im Lokal anwesend waren. Eine Behauptung, die bisher von den Behörden weder bestätigt noch dementiert werden konnte. Klar ist aber, dass eine grosse Zahl von Menschen gleichzeitig nach draussen wollte – und dass der Ansturm auf den Ausgang den Weg für alle blockierte.
Nur im oberen Teil des Dorfes bricht Chaos aus
Darum beginnen manche, die Fenster einzuschlagen. Einigen gelingt es, so aus dem verbrennenden Gebäude herauszukommen. Auf Videos von Partyteilnehmern ist ersichtlich, dass viele der Überlebenden die Flucht nur schwer verletzt schaffen – womöglich wegen Schubserei und Gedränge.
Viele andere weisen schwere Brandwunden auf oder tragen mit der Haut verschmolzene Kleider, als sie draussen ankommen. Die Beobachtungen aus den Videos decken sich mit der Erzählung von Timeo und Adrian, die gesehen haben wollen, dass bereits die ersten, die aus dem Feuer rauskamen, schwer verletzt waren.
Wie die Behörden bestätigen, kam es während diesen Minuten zu zusätzlichen Explosionen, deren Ursache bislang allerdings noch nicht geklärt sind. Im Verdacht stehen auch Feuerwerkskörper, die womöglich im Gebäude gelagert waren. Neben dem in der Bar aufbewahrten Alkohol, der als Brandbeschleuniger gewirkt haben dürfte.
Die tumultartigen Szenen setzen sich draussen fort. «Eine Frau, die im Constel gearbeitet hat, hat versucht, die Autofahrer zu beruhigen. Besonders ein Taxifahrer hat ständig wütend gehupt», berichtet Timeo. «Also sagte sie ihm, dass er jetzt aufhören soll. Dann hat er dann nicht mehr viel gesagt.»
Auch Anwohner werden nun auf die Katastrophe aufmerksam und gehen zum Teil nach draussen. Allerdings nur in der direkten Nachbarschaft. Mehrere Leute, die im unteren Teil des Dorfes wohnen, sagen gegenüber dieser Zeitung, dass sie erst am nächsten Morgen vom Inferno erfahren hätten.
«Nur etwa zehn Minuten nach dem Beginn der Flammen sind bereits die Krankenwagen hier angekommen», berichtet Timeo. Er und sein Kumpel Adrian seien dann aber schnell nach Hause, weil sie den Ort nicht mehr ertragen hätten.
Zu den Schwerverletzten und Toten kamen mit der Zeit Eltern dazu, welche nach ihren Kindern gesucht hätten. Die Silvesterparty im «Le Constellation» zog nämlich vor allem sehr junge Gäste an.
Diesen Umstand bestätigt auch Alessandro, ein junger Mann aus Italien, der am Abend mit einem Freund und einer Freundin hier auf der Strasse war. Die drei hatten am Nachmittag versucht, einen Tisch in «Le Constellation» zu reservieren. Waren damit aber gescheitert: Event ausgebucht.
Die Bar war bekannt für junge Gäste
Einer in Alessandros Gruppe ist erst 15 Jahre alt. Das sei fürs Lokal üblicherweise aber kein Problem gewesen, sagt Alessandro. Denn oft hätte der Türsteher nur den Ausweis eines Gruppenmitglieds kontrolliert und dann gleich alle mit rein gelassen.
Seine Begleiterin ergänzt, dass ihre Tasche dort bisher auch noch nie kontrolliert worden sei. Ein 13-Jähriger aus dem Dorf berichtet später vor einer Gruppe von Journalisten Ähnliches: Auch er sei schon im «Constel» gewesen, bei der Dorfjugend sei es kein Geheimnis, dass die Alterskontrolle der Bar lasch sei.
Zu diesen Vorwürfen Stellung nehmen kann das ursprünglich aus Korsika stammende Besitzerehepaar der «Constellation» derzeit nicht – die Frau soll laut der italienischen Zeitung «Il Giornale» beim Brand selbst am Arm verletzt worden sein. Auch die Behörden unterliessen es bisher, Angaben zum Alter der Brandopfer zu machen.
Eine Quelle aus einem Walliser Spital gab CH Media allerdings zu Protokoll, dass die Fachabteilung der Pädiatrie für einige Opfer zuständig sei – was in der Regel bedeutet, dass die Betroffenen jünger sind als 16 Jahre. Zudem hat auch das Kinderspital Zürich mehrere Brandopfer aufgenommen, was ebenfalls auf ein Alter unter 16 Jahren hinweist.
Die restlichen erwachsenen Schwerverletzten wurden zuerst mit Helikoptern in die beiden enzigen spezialisierten Verbrennungszentren der Schweiz geflogen – nach Zürich und nach Lausanne.
Weil die spezialisierten Schweizer Zentren allerdings nur eine Kapazität von etwas unter 50 Plätzen für schwerstverletzte Brandopfer haben, und es mehr als 100 solcher Patienten gibt, mussten auch andere Spitäler mit weniger Ausrüstung aushelfen. Eine auf dem Kurznachrichtendienst «X» publizierte Karte zum Flugverkehr zeigt, dass dabei auch Spitäler in Frankreich und Italien involviert sind.
Da die Versorgung von Brandopfern medizinisch extrem kompliziert ist und nur von hochspezialisiertem Personal durchgeführt werden kann, das nirgends üppig vorhanden ist, wird eine Koordination in ganz Europa geprüft. Laut der «NL Times» haben drei Spitäler aus den Niederlanden angeboten, Patienten zu übernehmen, um deren Leben doch noch zu retten.
Die Bilanz der Silvesternacht von Crans-Montana aber bleibt trotz aller Hilfeleistungen katastrophal: Zum aktuellen Zeitpunkt gehen die Behörden von 40 Todesopfern und 115 Schwerstverletzten aus – darunter auch französische und italienische Staatsbürger. (aargauerzeitung.ch)
