Schweiz
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Hamid Kiosk HB

Vom Flüchtling zum Kioskbesitzer: Hamid hinter seiner Verkaufstheke. bild: watson

Vom Flüchtling zum Kioskbesitzer im Zürcher HB – die beeindruckende Geschichte von Hamid

Der neue «Kiosk ZHB» im Hauptbahnhof Zürich ist kein normaler Kiosk. Er gehört dem 31-jährigen Afghanen Hamid, der 2009 im Laderaum eines Lastwagens die Schweizer Grenze überquerte und sich jahrelang als Sans-Papier durchs Leben schlug. Das ist seine Geschichte.



Hamid steht hinter der Verkaufstheke, er streckt den Rücken, sperrt die Augen auf, lächelt nervös. In wenigen Stunden weiht der 31-jährige Afghane, leicht untersetzte Statur, Aufenthaltsstatus B, mit einem Apéro seinen Kiosk im Hauptbahnhof Zürich offiziell ein.

Der Laden, «Kiosk ZHB» in fetten Lettern, blau und rot auf weissem Grund, im Untergeschoss der Löwenstrassenhalle, hat seit Anfang August offen. Heute steigt die Party. Endlich. Sein eigenes Geschäft. Hamid, kariertes, blaues Kurzarmhemd, keine Haare, hellbraune Augen, ist am Ziel. Zumindest vorläufig.

«‹Win for life?› haben wir gerade nicht», sagt Hamid einer Kundin, die an diesem Freitag kurz vor Mittag seine Ladentheke ansteuert. «Schauen Sie, wir haben Lose. Hier. ‹Win for life› erst wieder im nächsten Monat. Tut mir sehr leid.»

Hamid Kiosk HB

bild: watson

Die Geschichte Hamids ist vielleicht eine wie viele, vielleicht aber auch nicht. 1984, der afghanische Bürgerkrieg tobt, kommt Hamid in Herat zur Welt. Die Familie flieht, Hamid wächst im Iran auf, bis im September 2001 zwei Flugzeuge die Türme des World Trade Centers zum Einstürzen bringen, die Bush-Regierung Taliban-Stellungen zerbomben lässt und Hamid zusammen mit über einer Million afghanischer Flüchtlinge in sein Land zurückkehren kann.

«Wenig Kapital, viele Tricks»

Hamid, inzwischen 20 Jahre alt, eröffnet einen kleinen Lebensmittelladen in Herat, doch es ist schwierig, er kennt keine Leute in der Stadt, pendelt zwischen Job und Familie. Anschläge und Militärinterventionen bedrohen das Leben der Menschen in Afghanistan weiterhin. Gemeinsam mit seiner Frau, einer Iranerin, beschliesst er irgendwann, nach Europa zu fliehen. Über den Landweg – «wie jeder».

Am 8. Januar 2009 steigt Hamid, 24-jährig, in Begleitung seiner Frau, nachts aus dem Laderaum eines Lastwagens.

Lausanne.

Kaffee darf Hamid nicht verkaufen in seinem Kiosk, weil nebenan bereits eine Cafeteria ist. Ausschliesslich Kioskware durfte es aber auch nicht sein, «Vorschrift», seufzt Hamid, deshalb liegt jetzt Schmuck in zwei Vitrinen, für die er nicht bezahlen musste, weil sie der vorherige Mieter nicht mehr wollte. Genauso wie die Verkaufstheke, die ihm ein Freund in Bellinzona geschreinert hat. «Wenig Kapital, viele Tricks», lacht Hamid. «Geschäfte machen können wir Iraner.»

Absage vom Migrationsamt – Sans Papier

Geschäfte machen möchte Hamid am liebsten schon, als er 2009 in Lausanne aus dem Lastwagen steigt, doch er darf nicht arbeiten. Aufenthaltsbewilligung N, Asylbewerber im Asylverfahren. Hamid und seine Frau wechseln von Asylzentrum zu Asylzentrum, kommen schliesslich nach Zürich, eine Wohnung im Kreis 5, eine Dusche und vier Wände, keine Küche, «kein irgendwas».

Ein Tag im Asylzentrum

Die Hälfte seiner Zeit verbringt Hamid in Deutschkursen, an den anderen Tagen arbeitet er als Putzkraft und Abwart im Schulhaus Hardau, baut Kontakte zu Iranern auf, die er von früher kennt, schmiedet Pläne, träumt Träume. 2011 erteilt das Migrationsamt Hamid und seiner Frau eine Absage.

Sans Papier.

Illegal lebt das Paar drei Jahre lang weiter in Zürich, arbeitet schwarz, bis die Polizei am 20. September 2014 um 2 Uhr nachts die Wohnung stürmt und Hamid auf den Posten mitnimmt.

Doch Hamid, seit fünf Jahren in der Schweiz, nahezu perfektes Deutsch, tadelloser Leumund, kann nicht ausgeschafft werden – er gilt als Härtefall. Nach zwei Tagen darf er aus dem Gefängnis raus, vier Monate später, am 23. Januar 2015, erhalten er und seine Frau die Aufenthaltsbewilligung B.

«Wäre mein Land sicher, wäre ich nicht hier»

Hamid heuert bei einem Teppichhändler an, einem Iraner, flickt, schleppt und verkauft Teppiche. Wenn er frei hat, träumt er vom eigenen Geschäft, schaut sich nach Lokalen um, holt sich Tipps von anderen Kioskbesitzern. Nach ein paar Monaten stösst er endlich auf ein Inserat, das ihm passt. Homegate, Ladenfläche im Zürcher Hauptbahnhof, ab Juli 2016.

Es kommen wenige Kunden so kurz vor Mittag, Hamid verkauft drei Packungen Parisienne mild, «wollen Sie eine Tüte oder geht's?». Wenige Minuten später betritt ein Mann den Laden, fragt nach dem Chef, «sie können mit mir reden», sagt Hamid und verschwindet mit ihm um die Ecke. Der Mann habe nach einem Job gefragt, das passiere ständig. Irgendwann will Hamid expandieren und Leute einstellen, «wenn das Geld dann reicht», Ausländer mit Arbeitsbewilligung oder Schweizer, «wenn ich mir die leisten kann.»

Und dann, endlich, will Hamid Geld auf die Seite legen und seine Familie im Iran besuchen. Seine Augen werden wässerig. «Ich bin zufrieden, aber der Druck ist gross. Wäre mein Land sicher, wäre ich nicht hier.»

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28Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • pamayer 31.08.2016 20:04
    Highlight Highlight Eine schöne happysad Geschichte. Habe viel mit Flüchtlingen gearbeitet und meist diesen unerschütterlichen überlebensgeist an den Tag gelegt.
    Vielleicht ist genau das den konservativen Schweizern ein dorn im auge und sie fühlen sich dadurch höchst bedroht.
    • atomschlaf 01.09.2016 11:32
      Highlight Highlight @pamayer: Ganz im Gegenteil. ich fürchte mich nicht vor den Tüchtigen, sondern vor den lebenslangen Sozialfällen!
  • atomschlaf 30.08.2016 18:04
    Highlight Highlight Soso, wieder mal ein "Härtefall"... aber wenigstens ein Erfreulicher!

    Wünsche Hamid viel Erfolg und freue mich schon, bei nächster Gelegenheit in seinem Kiosk statt beim Quasi-Monopolisten was zu kaufen.
  • Grundi72 30.08.2016 11:34
    Highlight Highlight Herzzerreissend...

    Ab sofort bin ich dafür die Grenzen unkontrolliert für alle zu öffnen und gegen das Brurkaverbot!

    Danke watson, danke danke danke...

    Omg..
    • genoni 30.08.2016 13:39
      Highlight Highlight Das ist wirklich einer der dümmsten Kommentare, die ich je gelesen habe.
    • Fabio74 30.08.2016 21:12
      Highlight Highlight Dümmer gehts nicht mehr?
    • leu84 01.09.2016 09:43
      Highlight Highlight Solche Menschen die die Taliban und co erlebt haben, sind die ersten, die deren Frau und Töchter die Burka aufschneiden würden. Dann sollen die Mädchen selber entscheiden.
  • djangobits 30.08.2016 11:18
    Highlight Highlight Ist übrigens sehr nett, der Hamid. Mein neuer Lieblingskiosk im HB.
    • Blutgrätscher 30.08.2016 11:56
      Highlight Highlight Die begründung der Blitzer möchte ich sehen: "Nein, der ist nicht nett! Nein, das kann gar nicht dein Lieblingskiosk im HB sein!"
    • leu84 01.09.2016 09:47
      Highlight Highlight In Aarau hatte ich meinen Stammkiosk. Der Verkäufer und seine Frau sind aus dem Iran. Woher sie kommen ist egal. Aufgestellte Menschen am morgen begegnen ist einfach toll und macht freude. Manchmal einen kleinen Schwatz über Gott und die Welt
  • Lowend 30.08.2016 10:48
    Highlight Highlight Es gäbe sicher noch tausende solcher Erfolgsgeschichten von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten um in einem fremden Land ein neues Leben aufzubauen, aber die Politik will solche erfolgreiche Integration gar nicht an die grosse Glocke hängen, sondern konzentriert sich lieber auf die paar wenigen, bei denen es nicht geklappt hat, weil man mit deren Fehlverhalten ungleich mehr Angst erzeugen, Hass schüren und so politisches Kapital schlagen kann.
    • Kyle C. 30.08.2016 11:04
      Highlight Highlight ...und weil man damit verhindert, dass noch mehr Menschen in ein Land einreisen, wo man es vom Teppichreiniger zum Ladenbesitzer schaffen kann...

      Da zeigt sich eben die Doppelmoral. Einerseits schlachtet man jede Negativstory bis zum Exzess aus und statuiert daran Exempel, andererseits sind Erfolgstories aber nur "Ausnahmen". Denn der "normale" Flüchtling kann ja nur ein Sozialschmarotzer, Wirtschaftsflüchtling, Grapscher oder Dieb sein...Alles andere würde ja nicht in das bereits instrumentalisierte Asylbild passen.
    • Fumo 30.08.2016 11:45
      Highlight Highlight "...und weil man damit verhindert, dass noch mehr Menschen in ein Land einreisen, wo man es vom Teppichreiniger zum Ladenbesitzer schaffen kann..."

      Wobei die meisten die davor Angst haben diejenigen sind die in den Fussstapfen der reichen Eltern treten und befürchten dass es zu viel Konkurrenz erzeugt.
      Jeder Eingeborene der selbst von ganz Unten angefangen hat und sich was aufbauen konnte schätzt die Disziplin von solch Immigranten wie Hamid.
    • Lowend 30.08.2016 12:15
      Highlight Highlight Können sie diese Behauptung bitte belegen, oder passt es ihnen einfach nicht in den Kram, dass das Bild, welches von diesen erfolgreichen Flüchtlingen gezeichnet wird, nicht ihren Vorurteilen entspricht, lieber "böser Drogenkönig"?
    Weitere Antworten anzeigen
  • Ramon Sepin 30.08.2016 10:17
    Highlight Highlight Kenne ein ähnlichen Fall. Ein junges Iraner Pärchen kam vor 6 Jahren in die Schweis. Er ist ausgebilderter Grafiker und Sie ist Archiketin. Sprechen perfekt Deutsch und wären top integriert. Noch ein pasr Monaten bekammen Sie jedoch ein NEE Eintscheid. Die Schweiz nimmt momentant genau diese Flüchtlinge auf welche man nicht brauchen kann, anstatt Arbeitswilig und Integrierte
    • Kyle C. 30.08.2016 10:51
      Highlight Highlight Die "Brauchbarkeit" der Flüchtlinge ist eben kein Kriterium beim Asylentscheid. Sonst wäre es kein Asyl- sondern ein Arbeitsmarktverfahren. Mag in Einzelfällen tatsächlich irritierend und ungerecht erscheinen, aber im Grunde genommen ist es richtig so.
    • Fumo 30.08.2016 11:47
      Highlight Highlight Weil die Schweiz ja dringend Graphiker und Architekten braucht.
      Guter Beispiel was die Integrationsbereitschaft anbelangt aber die Berufe sind ja wirklich schon gut besetzt hier.
    • Saraina 30.08.2016 11:49
      Highlight Highlight Meiner Meinung nach ist es Teil des Problems, dass eben Menschen, welche die Gesellschaft eher belasten weil sie krank, behindert oder traumatisiert sind, wesentlich bessere Chance auf Anerkennung eines Härtefalls haben. Es sollte ausgeglichen sein, denn es ist nicht daneben, sich auch tatkräftige, innovative Zuwanderung zu wünschen. Gratuliere, Hamid!
    Weitere Antworten anzeigen
  • Barracuda 30.08.2016 10:10
    Highlight Highlight Das ist also kein normaler Kiosk? Spannend, wie eine durchschaubare und bewusst platzierte Geschichte über einen Ausnahmefall von einem Flüchtling so einen Kiosk aufwerten kann:-)
    • Kyle C. 30.08.2016 10:54
      Highlight Highlight Und wie kommst du darauf, dass es sich dabei um einen Ausnahmefall handelt? Ist das einfach eine Vermutung weil du mehr reisserische Stories in den Boulevard-Medien über negativ auffallende Flüchtlinge liest? Oder in welchem Kontext steht deine Behauptung?
    • Bowell 30.08.2016 12:59
      Highlight Highlight @stef2014: Im Titel steht ja sogar "eindrückliche Geschichte" und das wär sie ja nicht wenn jeder zweite illegale Einwanderer so eine Karriere hinlegen würde.
    • Kyle C. 30.08.2016 13:17
      Highlight Highlight Eindrücklich darum, weil man von solchen Fällen nicht viel hört (oder hören will). Eindrücklich darum, weil es nicht zwingend an der Person selbst liegen muss, sondern auch gewisse Hürden im System zu überwinden sind. Einem Flüchtling stehen nicht Tür und Tor offen, um solche Karrieren hinzulegen. Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, dass es viel mehr gut integrierte und arbeitende Flüchtlinge gibt als uns gewisse Medien und Politiker glaubhaft machen wollen. Auch wenn nicht jeder es zur Selbständigkeit schafft. Nur gehen diese Stories unter dem Radar durch.
  • DeineMudda 30.08.2016 09:39
    Highlight Highlight Eindrückliche Geschichte, toll geschrieben!!

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