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Ein Moment echter Hingerissenheit: Felipe, seine Letizia und die beiden Töchter Leonor (l.) und Sofia auf dem Balkon. Bild: AP

3 Stunden Royal-Reality-TV

«Dr nöi Chünig vo Schpanie» im SRF-Mundarttest: Letizia hat «dä Burscht würklich gärn», weiss Pedro Lenz



So, jetzt haben wir mal wieder drei Stunden Royal-Reality-TV geschafft, drei Stunden «glanz&gloria»-Spezial, und dabei wars heute ja gar nicht speziell königlich, sondern eben speziell bescheiden. Kein Krönungsgottesdienst, kein Staatsbankett, keine geladenen Gäste, die teure Sicherheitsmassnahmen brauchen. Es haben sich trotzdem 6000 Journalisten aus aller Welt in Madrid akkreditiert um dabei zu sein, wenn Felipe VI inthronisiert wird und im geschlossenen Rolls Royce vom Zarzuela-Palast, wo er wohnt, zum Parlament fährt, wo er eine Rede hält, dann im offenen Rolls Royce zum Königspalast fährt, wo er sich stumm grüssend auf den Balkon stellt. Immer mit der zarten Letizia, der skeptisch dreinblickenden Kronprinzessin Leonor (8) und dem kleinen Charmebolzen Sofía (7) an seiner Seite. 

Und mit Mutter Sofía im Hintergrund. Der Alt-Königin also, die wie kein anderes Mitglied einer europäischen Monarchie das Prädikat «huldvoll» verdient. Die sanfte Landesmutter im primelgelben Kleid. Sie hat jetzt eine Wohnung in London und ein neues Haus in Griechenland und freut sich auf viel Zeit ohne Juan Carlos, der nebeneheliche Affären im vierstelligen Bereich betrieben haben soll.

Wie wäre es denn, fragt eine Schweizer Fernsehzuschauerin ins Studio, wenn jetzt der britische Miniprinz George, also der überübernächste Thronfolger, einmal die Leonor ehelichen würde? Adelsexperte Andy Englert, stellvertretender Chefredakteur der «Frau im Spiegel», weiss darauf keine Antwort. Ein Zuschauer will wissen: Wenn Felipe jetzt sofort tot umfallen würde, wer würde sein Amt übernehmen? Leonor natürlich.

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Die «glanz&gloria»-Truppe: Andy Englert, Pedro Lenz, Nicole Berchtold und – live aus Madrid – Erwin Schmid. bild: screenshot srf

«glanz&gloria» bringt bloss einmal die Paläste durcheinander (zwei, es waren bloss zwei!) und sagt analytisch sachkundig: «Schpanie isch ja, äh, finanziell, äh, erschütteret», ansonsten macht es (in Gestalt von Nicole Berchtold) seine Sache gut. Besonders natürlich, weil der Schriftsteller Pedro Lenz im Studio sitzt. Pedro Lenz ist ja der Prinz unter den Schweizer Wortfürsten, der Mann, der «Der Goalie bin ig» erfunden hat, und wie sein Vorname schon sagt, ist er ein Halbblüter, er hat eine spanische Mutter. 

«I würd liide wine Hung» an Letizias Stelle, sagt er, er findet die Frau gut, und sparsam ist sie auch, möchte man da noch anfügen, sie hat letztes Jahr nur 40'000 Euro für Kleider ausgegeben, was für eine normale Frau und ganz besonders für eine Spanierin zwar jenseits von horrend, für eine Royal aber offenbar armselig sein muss. Egal, ich glaub, ich mag die Letizia auch, schliesslich ist sie Journalistin und sie hat «dä Burscht würklich gärn» (Lenz), sonst würde sie sich das nicht antun. Dem Andy Englert ist sie zu modern: «‹Modern›, ich mag dieses Wort nicht.» Und auch das ZDF ist Letizia nicht sonderlich zugeneigt: «Natürlich war sie damals ein bisschen katzig», sagt ein Mann, damals nämlich, als sie bei der Verlobung Felipe öffentlich ins Wort gefallen ist. Ja und?

Sparsamkeit oder fatale Geschichtsvergessenheit? Der Rolls Royce, in dem sich Felipe durch Madrid chauffieren lässt, wurde um 1950 von General Franco angeschafft.  Bild: AP

In Madrid ist es 30 Grad im Schatten, die Königs und alle Militärs tragen langärmlig. Aber wieso ist im ZDF eigentlich viel schöneres Wetter als auf SRF? Im ZDF ist der Himmel strahlend blau, auf SRF von einem schon fast stählernen Grau. Oder liegts bloss an meinem Doppelbildschirm? «Wenn er e chli weniger de Froueröck nachelueget und e chli meh schaffet», sagt Lenz über Felipe, «chunnt das guet.» Und Felipe verspricht den Spaniern, wie verrückt zu arbeiten. «Einer ist nicht mehr wert als die anderen, wenn er nicht auch mehr tut als die anderen», zitiert er in seiner unerwartet langen Rede vor dem Parlament Cervantes’ «Don Quijote». Das wolle er sich zu Herzen nehmen.

Die neuen Königs, so sagen alle Adelsexperten auf allen Kanälen, müssen noch viel mehr als die alten Botschafter ihres Landes werden, und müssen das Schauspiel der Monarchie derart gekonnt aufführen, dass die 10 Millionen Franken, welche die Spanier jährlich dafür bezahlen, auch irgendwie wieder reinkommen. Keiner, nicht einmal Pedro Lenz, will die Monarchie abschaffen. Lenz ja aber vielleicht bloss seinem spanischen Grosi zu Liebe, das jetzt das gerahmte Bild von Juan Carlos durch eines mit Felipe ersetzen wird. 

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Das spanische Königshaus auf Twitter. bild: twitter

«Dr nöi Chünig vo Schpanie» (Berchtold), sind sich alle einig, werde ein guter Chünig sein. Und auch wenn die extrabescheidene Veranstaltung einem nicht so hochriss aus dem bescheidenen Tal der Normalität, also nicht so wie der hochzeitstechnische Britenpomp oder die Holländer mit ihren Krönungszeremonien in Hermelinmänteln, es war okay so. Es herrschte eine Herzlichkeit, die Königs, vor allem Sofía die Ältere, hielten sich mit Küssen nicht zurück, Felipe deutete immerhin Handküsse an, wo er nur konnte, die korrupte Verwandtschaft durfte sich nicht blicken lassen, und die Ernsthaftigkeit stand Felipe gut.

Der Königspalast vertwitterte Dutzende von Bildern an seine 123'000 Follower (das ist noch viel Luft nach oben), Glocken klangen, Hubschrauber schwirrten, der SRF-Kommentator vor Ort sagte, «es dschudderet eim», und Pedro Lenz meinte: «Isch sympathisch überechoo, s’Paar.» Jetzt müssen den Bekenntnissen Massnahmen folgen. 

Felipes Ansprache vor dem Parlament ist in den Ohren des ZDF jedenfalls bereits eine zünftige «Aufbruchsrede». Er sagt, er wolle die Rolle der Frau und die Menschenrechte stärken, gegen jede Art der Diskriminierung kämpfen, Spanien und Europa richtig zusammenbringen und Spanien endlich in sich selbst einen. Als Zeichen der innerspanischen Verständigung lernen seine Töchter alle vier Landessprachen, also Spanisch, Galizisch, Baskisch und Katalanisch. Und Sofia, die kleine Streberin, lernt auch noch Mandarin. (sme)

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