Das Wort Hype reicht fast nicht aus, um zu beschreiben, was dem Darts gerade widerfährt.
Der Sport mit den Pfeilen interessiert immer mehr Zuschauerinnen und Zuschauer in immer mehr Ländern. Es kommen laufend neue Events dazu – wie zum Beispiel das Turnier in Basel im letzten September. Und egal wo die Pfeilwerfer auftreten, die Zuschauer sind begeistert. Für die Tickets für die derzeit stattfindende WM gab es eine Rekordnachfrage. So waren die insgesamt 90'000 Eintrittskarten für den Alexandra Palace innert eines Tags vergriffen, einen offenen Verkauf für Nicht-Mitglieder der Professional Darts Corporation (PDC) gab es deshalb gar nicht. Angeblich hätten gut und gerne drei oder vier Mal so viele Tickets verkauft werden können. Auch die Preisgelder steigen immer weiter.
Ein Name, der mit diesem Erfolgszug untrennbar verbunden ist, ist jener von Luke Littler. Obwohl der 17-Jährige bis zur Weltmeisterschaft vor einem Jahr nur Experten ein Begriff war, bringt er dem Sport so viel Aufmerksamkeit wie nur wenige vor ihm. Littler verpasste den Titel an seiner ersten WM erst im Final – trotz 4:2-Satzführung und einer Möglichkeit, auf 5:2 davonzuziehen. Vor seinem zweiten Turnier im «Ally Pally» sagte er: «Das ist wahrscheinlich der wichtigste Dart, den ich verpasst habe.»
Doch trotz der 4:7-Niederlage gegen Luke Humphries war die Euphorie um Littler nicht zu stoppen. Schon der WM-Final zog im Vereinigten Königreich ein TV-Publikum von 3,7 Millionen an – ein deutlicher Rekord beim Sender Sky für einen Nicht-Fussball-Event.
Seither habe sich die Anzahl an Jugendakademien für Kinder bis 16 Jahren verdoppelt, sagte der Chef des Junioren-Verbands der PDC, Steve Brown, gegenüber BBC. So gebe es weltweit nun 115 Organisationen, die Nachwuchssportlerinnen und -sportler mit Material, Turnieren und Entwicklungsmöglichkeiten versorgen – unter anderem in Australien, Bulgarien, Griechenland, der USA und der Mongolei. «Es hat 14 Jahre gedauert, bis wir 1600 Mitglieder hatten. In den letzten zwölf Monaten stieg die Zahl auf über 3000 und weitere sind auf Wartelisten», so Brown.
Der 43-jährige Brown beobachtet ausserdem einen weiteren Effekt, den er vor allem Littler zuschreibt. So sei der einstige Kneipensport auch in den Schulen plötzlich cool. «Als ich als Kind Darts gespielt habe, war es mir ziemlich peinlich, meinen Freunden von meinem Hobby zu erzählen. Nun sind die Kinder, die Darts spielen, ziemlich beliebt.» Es sei ein bisschen «Rock'n'Roll» und eben «eine coole Sache».
PDC-Präsident Barry Hearn vergleicht den Effekt von Littler auf den Pfeilsport mit jenem von Tiger Woods auf Golf. «Die ‹Littlermania› verbreitet sich überall», sagt Hearn. Und davon profitiert natürlich auch der Spieler selbst. Auf Instagram wuchs Luke Littlers Gefolgschaft von 4000 auf 1,4 Millionen Follower. Bei Google war er auf der Insel der meistgesuchte Sportler noch vor Fussballern wie Harry Kane oder Jude Bellingham, die im Sommer den EM-Final erreichten, und er wurde insgesamt nur von Prinzessin Kate und Donald Trump übertroffen. Nun soll er sogar eine Wachsfigur bei Madame Tussauds in London bekommen.
Daneben hat er lukrative Sponsorenverträge mit unter anderem Darts-Ausrüster Target, der schon seit Littler zwölf Jahre alt war, einen Vertrag mit dessen Familie hat. Der aktuelle Deal bringe dem Profisportler gemäss Medienberichten mehrere Millionen Pfund ein. Bis Weihnachten sollen über 100'000 magnetische Dartboards im Littler-Design für Kinder verkauft werden. Target-Boss Garry Plummer schwärmt: «Alle Spielzeugläden wollen es, alle wollen ihn: 17, clean, trinkt nicht, er ist wundervoll.» Seit Kurzem wirbt der Gaming-Enthusiast auch für die Microsoft-Spielkonsole X-Box.
Und anders als andere Talente, die schnell hochgejubelt werden, aber in ihrer Entwicklung nicht ganz mit dem Hype mithalten können, gibt es bei Littler keinen Zweifel daran, dass diese Aufmerksamkeit gerechtfertigt ist. Auf den WM-Final folgte ein regelrechter Triumphlauf. In der Premier League – nach der WM der wichtigste Wettbewerb im Darts – setzte er sich überragend durch, mit dem Grand Slam of Darts und der World Series of Darts gewann er zwei weitere Major-Turniere.
In der Weltrangliste verbesserte sich Littler so von Platz 164 auf Platz 4. Und das, obwohl er in der Order of Merit, für die das eingespielte Preisgeld der letzten beiden Jahre massgebend ist, einen entscheidenden Nachteil hat: Er hatte nur die Hälfte der Zeit zur Verfügung. Trotzdem kommt er insgesamt bereits auf ein Preisgeld von über einer Million Pfund (rund 1,2 Millionen Franken), wobei lediglich 618'500 Pfund (rund 699'000 Franken) zur Order of Merit zählen, da gewisse Wettbewerbe wie die Premier League nicht mit einberechnet werden.
Seinen Gegnern blieb teilweise nur das Staunen. Im Premier-League-Final gegen Weltmeister Humphries warf er einen 9-Darter, den ersten der Geschichte auf dieser Bühne. Den Grand Slam of Darts gewann er dank eines 16:3-Siegs gegen Martin Lukeman. Dabei wies Littler einen unglaublichen Schnitt von 107,08 Punkten pro Aufnahme auf. Lukeman sagte danach: «Ich kann da nicht mithalten. Das war göttlich.» Von den Leistungen des Wunderkinds könnten alle profitieren, wie er anfügte: «Was er für den Sport getan hat, ist brillant. Ohne ihn würden unsere Löhne nicht steigen.»
Littler, der seine Siege gerne mit einem Kebab feiert, weiss selbst ebenfalls um seine Errungenschaften. Als er wenige Tage vor seinem ersten Einsatz an der Darts-WM 2025 von der BBC zur besten jungen Sportpersönlichkeit Grossbritanniens ausgezeichnet wurde und bei der Kategorie der volljährigen Athletinnen und Athleten Platz 2 belegte, sagte er: «Es zeigt, wie gut ich dieses Jahr gespielt habe. Nicht nur für mich, sondern auch für den Dartsport. Ich habe ihn verändert.»
Seine Strahlkraft weiss sich selbstverständlich auch der Darts-Verband zunutze zu machen. Der erste Auftritt von Luke Littler an der diesjährigen WM wurde für die Primetime am Samstagabend um 21.30 Uhr Ortszeit (22.30 Uhr Schweizer Zeit) angesetzt. Dann trifft er als klarer Favorit auf Ryan Meikle, die Nummer 62 der Weltrangliste. Es ist die erste Hürde auf dem Weg zum eigentlich logischen nächsten Schritt in Littlers schon jetzt wahnsinniger Karriere: dem Weltmeistertitel.