Andrighetto ist zurück: «Mit den Deutschen habe ich nie Mitleid»
Es gibt emotionale Siege. Und es gibt sehr emotionale Siege. Zu welcher Kategorie dieses 6:1 der Schweiz über Deutschland gehört, wird spätestens dann klar, wenn Sven Andrighetto über den Abend spricht. Ob ihm beim Stande von 6:0 auch einmal Mitleid mit dem Gegner habe, lautet die Frage. Seine Antwort:
Als einziger erzielt Andrighetto zwei Tore. Im Gespräch danach ist er genauso prägnant. «Wir alle wissen um die Rivalität mit Deutschland. Es sind immer heisse Spiele. Umso wichtiger, dass wir sie gewinnen.»
Nun, es gab Zeiten, da waren die Duelle umkämpfter. Man denke nur an die Viertelfinal-Duelle 2021, 2023 und 2024. Es gelang den Deutschen, den Schweizer ihre Spielweise aufzuzwingen – und grosse Unsicherheit auszulösen. Doch diese Zeiten scheinen weit weg. Seit dem Schweizer Triumph im Viertelfinal 2024 ist der Knoten geplatzt. Letztes Jahr gewannen die Eisgenossen 5:1, nun gar 6:1.
Wobei sich Andrighetto zum Deutschland-Experten entwickelt. Vier Tore waren es vor Jahresfrist. Und auch gestern, im abermals ausverkauften Zürcher Hexenkessel, war er dem Hattrick nahe, traf im Powerplay innert wenigen Sekunden Pfosten und Latte. «Diesen Hattrick hat es nicht gebraucht», fügt er mit einem Schmunzeln an.
Zehn Minuten Spazieren – dann drei Stunden schlafen
Es läuft beim 33-Jährigen. Mit drei Toren und fünf Punkten ist Andrighetto derzeit WM-Topskorer, zusammen mit dem Finnen Jesse Puljujärvi. Dabei ist bis vor kurzem noch gar nicht klar, ob Andrighetto überhaupt an der WM teilnehmen kann.
Im Playoff-Viertelfinal erleidet der ZSC-Stürmer eine Gehirnerschütterung. Nach einem Zusammenprall mit Rudolf Balcers – einem eigenen Mitspieler. Als ihm ein Teamkollege davon erzählt, kann er es nicht glauben.
Es ist Andrighettos erste Gehirnerschütterung der Karriere. Doch sie setzt ihm heftig zu. In den ersten drei Tagen danach schläft er praktisch durch. «Einmal bin ich mit meinem Hündchen raus an die frische Luft. Nach zehn Minuten musste ich zurück, um mich zu erholen. Und dann habe ich nicht nur eine halbe Stunde geschlafen, sondern gleich drei oder vier», erzählte er dem «Tages-Anzeiger».
Das Playoff ist vorzeitig zu Ende. Andrighetto fehlt dem ZSC offensichtlich, im Halbfinal beim 1:4 gegen Davos hätte der Meister von 2024 und 2025 seine Präsenz und seine Tore gut gebrauchen können.
Immerhin steht mit der Heim-WM noch ein grosses Ziel an. Der neue Nationaltrainer Jan Cadieux lässt Andrighetto früh wissen, dass er alle Zeit erhalte, um sich Schritt für Schritt an die Belastung zu gewöhnen. Zwischenzeitlich geht es kaum vorwärts. Als Andrighetto in Biel einrückt, absolviert er zunächst nur leichte Übungen. Doch die Regeneration schreitet gut voran, die Arbeit mit Stefan Schwitter, dem Schweizer Performance-Coach im Staff, hilft. Genauso wie die Osteopathie.
Am 10. Mai ist es dann so weit. Gegen Tschechien im letzten Vorbereitungsspiel gibt Andrighetto sein Comeback. Sechseinhalb Wochen nach der Gehirnerschütterung. Wie geht es ihm nun, nach den ersten drei WM-Spielen? «Super, ich fühle mich sehr, sehr gut.» Näher eingehen auf die Gehirnerschütterung und deren Folgen möchte er nun während der WM nicht mehr, «jetzt kann ich nach vorne schauen».
Zuerst WM-Gold und dann die Hochzeit
In der Tat: Wer nicht wüsste, dass Andrighetto kürzlich noch mit einer Gehirnerschütterung im Bett lag, würde als Zuschauer bei dieser WM nichts davon merken. Seine Schüsse sind so hart und präzis wie eh und je. Sein Torriecher eine der grössten Schweizer Waffen.
Nach der WM nimmt die Aufregung im Leben von Andrighetto kaum ab. Im Sommer wird er seine Freundin Lynn heiraten. Im letzten November hat er ihr in einem Wellness-Hotel den Antrag gemacht. «Ich war so nervös, den Ring trug ich den ganzen Abend in meiner Jackentasche», erzählte er dem «Blick». Das Hotel hat das Zimmer der beiden speziell vorbereitet. Blumen, Ballons und Kerzen. Vor dem Antrag holte er sich den Segen von Lynns Eltern.
Noch aber steht das Eishockey im Fokus. Es gibt da noch ein Ziel, das die Schweizer gerne erreichen würden. Nach den drei Siegen gegen die USA, Lettland und Deutschland folgen nun die Partien gegen Österreich, Grossbritannien und Ungarn. Drei weitere Siege wären beileibe keine Überraschung. Ehe es am nächsten Dienstag gegen Finnland um den Gruppensieg ginge. So weit denkt Andrighetto indes noch nicht. «Einfach Gegner, schwierige Gegner – wir schauen es nicht so an. Sondern einfach auf uns.» (aargauerzeitung.ch)
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