DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Biels Gaukler Yannick Rathgeb.
Biels Gaukler Yannick Rathgeb.
Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

So muss es sein, nur so konnte es sein – ein Gaukler erlöst die Bieler

Biel besiegt nach acht Niederlagen in Serie Zug auf die einzig mögliche Art und Weise: der Gaukler Yannick Rathgeb trifft in der Verlängerung zum 6:5. Selbst die Torhüter-Titanen gerieten ob dem Spektakel ins Wanken.
11.01.2020, 07:3611.01.2020, 12:59

Die Nummer 27 hat in der Verteidigung des EHC Biel viel Symbolgehalt. Eigentlich haben sie nur spielerische Gaukler getragen: Pierre-Alain Flotiront im letzten Meisterteam von 1983 und später Anthony Huguenin, heute bei den SCL Tigers. Und jetzt ist Yannick Rathgeb Biels beste Nummer 27 der Geschichte.

Gaukler? Ein Gaukler ist ein Unterhaltungskünstler, der seine Fertigkeiten auf offener Strasse (oder auf offenem Eis) dem Publikum präsentiert. In alten Zeiten waren es Zauberkünstler, Artisten, Akrobaten, Seiltänzer, Jongleure, Bärenführer, Bauchredner, Feuerschlucker, Possenreisser und Kartenleger.

Seit der Einführung des Profisportes – der ja zur Unterhaltung des Publikums betrieben wird – sind es auch Hockeyspieler mit der Neigung zu taktischem Ungehorsam und Nonkonformismus. Wie Yannick Rathgeb.

Er personifiziert Biels Erlösung. Erst sündigt er, so wie Künstler manchmal sündigen, wenn sie beim Jonglieren einen Ball fallen lassen: Er lässt sich im Powerplay von Oscar Lindberg überlisten und Zugs Schwede trifft in Unterzahl zum 5:5. Wieder taumelt Biel spektakulär einer Niederlage entgegen. Eine 5:3-Führung ist vertan und es geht in die Verlängerung. Und da trifft Yannick Rathgeb, wieder im Powerplay, mit einem Direktschuss zum 6:5. Die Erlösung. Für ihn persönlich. Es ist die Wiedergutmachung für die defensive Nachlässigkeit, die entscheidend zum 5:5 beigetragen hat. Und natürlich für Biel. Der erste Sieg nach 8 Niederlagen.

Biel trifft zum 4:3 gegen Zug – aber Schluss war da noch lange nicht.
Biel trifft zum 4:3 gegen Zug – aber Schluss war da noch lange nicht.
Bild: KEYSTONE

Es musste ein Gaukler sein, der Biel erlöst. Denn die Bieler zelebrierten erneut Spektakelhockey. Im Zweifelsfalle vorwärts. Leidenschaftlich, mutig und kreativ. Berns Kari Jalonen hätte ob dieser spielerischen Unberechenbarkeit und Herrlichkeit entsetzt ein Time-Out beantragt und eine Schablone verlangt. Weil auch Zug Eishockey lieber spielt als arbeitet, entwickelte sich ein Spektakel, das selbst die Torhüter-Titanen ins Wanken brachte: Biels Jonas Hiller und Zugs Leonardo Genoni, zwei der grössten Goalies unserer Geschichte, gerieten ins Wanken.

Elf Tore in einem Spiel mit grossen Goalies – das ist wahrlich selten. Die Statistik ist miserabel und verleitet zur Bezeichnung «Lotter-Goalies»: Jonas Hiller musste mit einer Fangquote von 85,29 Prozent und Leonardo Genoni sogar mit einer solchen von 80 Prozent vom Eis. Wirklich gut sind erst 92 Prozent. Aber für einmal lügt die Statistik: Beide spielten ihr bestes Hockey. Sie waren gegen famos herausgespielte Tore einfach machtlos, verhinderten sicherlich weitere sechs bis zehn Treffer und die Bezeichnung «Lotter-Goalie» wäre falsch und eine unerhörte Beleidigung.

Hiller kassiert das 2:3 durch Martschini.
Hiller kassiert das 2:3 durch Martschini.
Bild: KEYSTONE

So ein Spiel konnte ja eigentlich nur einer wie Yannick Rathgeb entscheiden. Die 27 trägt er allerdings nicht, weil es in Biel die Nummer der Verteidiger-Gaukler ist. «Ich bin als Junior in Langenthal oft als kleiner Noël Guyaz bezeichnet worden. Er trug die 72 und so habe ich halt die 27 gewählt.» Noël Guyaz war auch ein Hockey-Gaukler. Er konnte Flügel, Center und Verteidiger und buchte noch im Alter von 41 Jahren in seiner zweitletzten Saison bei Langenthal in der NLB (2012/13) als Verteidiger 40 Punkte.

Sein Sportchef Martin Steinegger hatte ob den acht Niederlagen de suite den Begriff: «Krise, aber kein Krisenhockey» geprägt. Er hatte auch sagen können: «Krise ohne Krisenstimmung.» Yannick Rathgeb bestätigt seinen Chef: «Die Stimmung hat unter den Niederlagen nie gelitten.» Und wie es sich gehört, freut er sich mehr über die Erlösung für seine Mannschaft als für seine persönliche Genugtuung. Sage mir, ob Yannick Rathgeb trifft und ich sage Dir, wie es um Biel steht: Er hatte während der Dezember-Depression nur ein einziges Tor erzielt. Nun hat er zweimal hintereinander gebucht: beim 3:4 nach Verlängerung in Davos und nun beim 6:5 nach Verlängerung gegen Biel.

«Krise, aber kein Krisenhockey»: Biels Sportchef Martin Steinegger.
«Krise, aber kein Krisenhockey»: Biels Sportchef Martin Steinegger.
Bild: KEYSTONE

Der Nationalverteidiger ist nach einem gescheiterten Nordamerika-Abenteuer (letzte Saison 32 Spiele/9 Punkte im Farmteam der Islanders) in Biel am Ort seiner Bestimmung angelangt (mit Vertrag bis 2022) und der produktivste Verteidiger seiner Mannschaft. Mit seiner Hockeyphilosophie personifiziert er Biels Lauf-, Tempo- und Schillerfalter-Hockey, aber auch die Freiheit, die Trainer Antti Törmänen seinen Spielern gewährt. Den Mut, etwas zu riskieren und halt auch mal einen Fehler in Kauf zu nehmen. Die Erlösung konnte also nur von einem wie Yannick Rathgeb kommen: Hätte Jan Neuenschwander oder Beat Forster getroffen, wäre es zwar auch schön, aber nicht stilecht gewesen. Ein wenig hat Yannick Rathgeb den Hang zum Nonkonformisten im guten Sinne wohl auch von seinem Vater geerbt. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte er einst im legendären Pascha-Klub zu Bützberg als DJ Kultstatus.

Es gibt zwei sehr interessante Fragen im Zusammenhang mit Biel und seiner Nummer 27, auf die wir im Laufe dieser Saison eine Antwort bekommen werden: Die erste: Endet die Herrlichkeit im Stahlbad der Playoffs so, wie der Schillerfalter seine Flügel zusammenfaltet und in den Rebbergen erstarrt von den letzten Spätblütlern fällt, wenn die eisigkalte Bisluft von den Jurahöhen herabfährt? Die zweite: Bekommt Yannick Rathgeb, der jetzt gleich viele Tore (9) erzielt hat wie die Nationalmannschafts-Ikonen Ramon Untersander und Raphael Diaz, von Patrick Fischer eine Chance im WM-Team?

Sollten die Hockeygötter vorerst noch ungnädig sein und die Antwort in beiden Fällen «nein» sein, so gibt es guten Trost. Erstens: lieber beste Unterhaltung vom September bis Ende Februar bloss vergänglicher meisterlicher Ruhm im April. Zweitens: die Hockey-Götter sind mit den Gauklern. Yannick Rathgeb wird seine Chance bekommen. Wenn nicht 2020, dann eben später. Er ist erst 24. Er hat seine besten Jahre noch vor sich. Gaukler und Verteidiger werden mit zunehmendem Alter besser.

watson Eishockey auf Instagram
Selfies an den schönsten Stränden von Lombok bis Honolulu, Fotos von Quinoa-Avocado-Salaten und vegane Randen-Lauch-Smoothies – das alles findest du bei uns garantiert nicht. Dafür haben wir die besten Videos, spannendsten News und witzigsten Sprüche rund ums Eishockey.

Folge uns hier auf Instagram.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden

1 / 72
NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden
quelle: keystone / fabrice coffrini
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Wenn Hockeyspieler im Büro arbeiten würden

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Das wären die Logos der Schweizer Klubs, wenn sie NHL-Teams wären

Die Eishockey-Sprache ist englisch: Crosscheck, Slot und Butterfly-Goalie, Boxplay, Icing und Emptynetter. Auch die Schweizer Ligen heissen nicht mehr Nationalliga A und B, sondern National League und Swiss League. Nur die Klubs haben immer noch ihre alten Namen.

Höchste Zeit, dass auch sie sich wandeln upgraden und ihre HC, SC und EV durch zeitgemässe Namen ersetzen!

* Update: User weisen darauf hin, dass der richtige Plural «mice» lautet. Das ist natürlich korrekt. Da ein kleiner Fehler zum …

Artikel lesen
Link zum Artikel