Obwohl die Sterne lügen, erlebt die Astrologie einen Boom
In unseren unruhigen Zeiten entfaltet die Astrologie einen signifikanten Aufschwung. Astrologische Influencer treiben ihre Klickstatistik in neue Höhen. Vor allem junge Leute suchen vermehrt Rat und Trost bei den Sternen, wie sich auf TikTok und anderen sozialen Medien zeigt.
Wenn es auf unserem Planten rumpelt, wirken die Himmelskörper wie eine Beruhigungspille und vermitteln beim Blick in die Zukunft eine vermeintliche Zuversicht. Willkommen in der Parallelwelt der Sternzeichen, Planeten, Aszendenten und Häusern.
Der Glaube an die Astrologie ist weit verbreitet
Die SRF-Sendung «Einstein» hat vergangene Woche die Astrologie unter die Lupe genommen und Studien aus den USA präsentiert. Danach glauben 82 Prozent der 30- bis 45-Jährigen an die Astrologie. Rund die Hälfte misst dem Blick in die Sterne mehr Bedeutung zu als der Religion, 16 Prozent sagen sogar, für sie habe die Astrologie die Religion vollständig ersetzt. Die Sterndeuterei bekommt zunehmend eine spirituelle Note.
Insgesamt benutzen 57 Prozent der Amerikaner die Astrologie für die Partnerwahl, 40 Prozent für die Berufswahl und 59 Prozent für gesundheitliche Entscheidungen. 65 Prozent identifizieren sich mit ihrem Sternzeichen.
Ein Drittel gibt Geld für astrologische Dienstleistungen aus, im Schnitt rund 800 US-Dollar im Jahr. Die Zahlen dürften bei uns etwas tiefer liegen, die steigende Tendenz macht sich auch bei uns bemerkbar.
Die Mehrheit der Amerikaner ist also abergläubisch und baut ihr Leben auf Sand. Gleichzeitig bezeichnen sich viele als Christen. Für sie scheint der Glaube an Gott und gleichzeitig an die Sterne kein Widerspruch zu sein. Da kann man ja gleich noch den Sünder und Lügner Donald Trump als Gesandten Gottes verehren.
Auch bei uns kennen geschätzte 99 Prozent der Bevölkerung das Sternzeichen. «Was bist du?», ist eine häufig gestellte Frage bei persönlichen Gesprächen und beim Smalltalk. Die Antwort kommt meist mit einem stolzen Unterton zurück: «Ich bin ein Löwe.» «Aha, das habe ich mir gedacht», bestätigt der Astro-Fan, «dein Selbstbewusstsein, deine Führungsstärke und deine Leidenschaft zeigen den Löwen in dir.»
Zwischenbemerkung: Es ist auffällig, dass allen Sternzeichen positive Eigenschaften zugeschrieben werden. In der Astrologie sprechen die Sterne auch mal notorischen Gewaltverbrechern viel Empathie zu.
Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die an die Kraft der Sterne glauben, sich gern mit ihrem Sternzeichen identifizieren. Sie stellen sich offensichtlich nicht die Frage, weshalb die Himmelskörper Einfluss auf unser Leben haben sollen und einen Blick in unsere Zukunft werfen können. Als seien sie beseelt.
Auch die Astrologie gibt keine Antworten darauf, wie dies funktionieren soll. Ähnlich verhält es sich bei der Frage, weshalb auch die Planeten angeblich einen Einfluss auf unseren Charakter und unser Leben haben sollen.
Annahmen und Spekulationen
Welche Kräfte wirken dabei, wie findet die Kommunikation mit den Himmelskörpern statt? Woher wissen sie, wie wir neun Milliarden Erdenwürmer ticken? Kreisen lauter Götter im weiten All? Der Weltraum als Polytheismus?
Die Astrologie ist eine Disziplin mit vielen Annahmen, Spekulationen und Widersprüchen. Wer Astro-Fans überzeugen will, dass die Sterne lügen, kann zum Beispiel einer Person, die im Zeichen des Löwen geboren ist, sagen: «Weisst Du eigentlich, dass du kein Löwe bist, sondern ein Krebs?»
Die Begründung dieser provokativen Frage ist ebenso einfach wie einleuchtend. Das astrologische Konzept stammt aus der Antike und ist mehr als 3000 Jahre alt. Da die Erde keine perfekte Kugel und die Rotationsache nicht starr ist, verschieben sich die Tierkreiszeichen im Lauf der Zeit.
Ein Löwe ist eigentlich ein Krebs
Wegen dieser Kreiselbewegung, Präzession genannt, verschieben sie sich in etwa 2000 Jahren um ein Zeichen. Deshalb ist der vermeintliche Löwe heute ein Krebs.
Die Astrologen aus der Antike gingen davon aus, dass die Himmelskörper das Geschehen auf der Erde und von uns Menschen vorhersagen können. Sie hatten Antworten für viele Phänomene gesucht, die sie nicht erklären konnten. Es ist nachvollziehbar, dass sie den faszinierenden Sternen besondere Kräft zumassen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse haben unser Weltbild radikal verändert. Wir können nachweisen, dass die Himmelskörper der Tierkreiszeichen keine Wirkung auf der Erde entfalten können, auch die zugeordneten Planeten nicht.
Trotzdem halten die heutigen Sterndeuter unvermindert an den antiken Methoden der Astrologie fest. Geraten sie in Erklärungsnot, erklären sie gern, psychologische Astrologie zu betreiben. Doch damit schaffen sie einen weiteren Widerspruch, denn die beiden Disziplinen beissen sich.
Es gibt nicht 12, sondern 13 Tierkreiszeichen
Es gibt weitere Ungereimtheiten. Zieht man beispielsweise das Konzept der antiken Astrologie als Massstab heran, so gibt es im Band des Tierkreises nicht nur 12 Sternzeichen, sondern 13, wie die Sendung «Einstein» nachweist.
Ausserdem geht die Astrologie davon aus, dass alle Tierkreiszeichen entlang des Tierkreises gleich breit sind, die Sonne also immer gleich lang in den Sternbildern stehen. In Wirklichkeit sind die Unterschiede beträchtlich.
Konkret: Die Jungfrau ist beispielsweise sehr breit, die Sonne steht besonders lang in diesem Sternzeichen. Deshalb müssten überdurchschnittlich viele Menschen im Sternbild der Jungfrau geboren sein.
Es gibt einen weiteren Aspekt, der die Astrologie als Humbug entlarvt. Sie geht davon aus, dass die Planeten einen starken Einfluss auf unseren Charakter haben. Die Astrologen der Antike kannten aber nur sechs Planeten. Heute wissen wir, dass es acht sind – Pluto zählt als Zwergplanet nicht mehr dazu.
Zwei Planeten werden nicht berücksichtigt
Auch die zusätzlichen zwei üben nach astrologischer Leseart einen Einfluss aus, der bei den Horoskopen aber nicht berücksichtigt wird. Das bedeutet, dass die modernen Astrologen von falschen Grundlagen ausgehen.
Dass die Astrologie ein Gebäude aus Magie und Aberglauben ist, zeigt auch ein Test des Franzosen Michel Gauquelin. Er schickte den 150 Studienteilnehmern ein umfangreiches persönliches Horoskop.
Insgesamt 141 der 150 Teilnehmer und Teilnehmerinnen bestätigten, dass die Analyse ihre Persönlichkeit exakt treffe. Nur: Gauquelin hatte allen das gleiche Horoskop geschickt. Es war die astrologische «Analyse» des Massenmörders Marcel Petiot.
Wieso realisieren Astro-Fans nicht, dass die Astrologie reine Wahrsagerei ist? Die Horoskope sind so vage formuliert, dass sie viele Interpretationen zulassen. Unser Hirn ist in einer Weise angelegt, dass wir stets jene Deutungen wählen, die für uns günstig ausfallen und uns bestätigen.
Wir nehmen intuitiv eine selektive Wahrnehmung vor und filtern jene Eigenschaften heraus, die uns schmeicheln. Gleichzeitig verdrängen wir jene Aspekte, die wir als unvorteilhaft oder unzutreffend empfinden.
Erinnerungen an die Homöopathie
Wir Menschen finden meist, was wir suchen und herbeisehnen, auch wenn es falsch ist. Hauptsache, die zurechtgebogene Erkenntnis fühlt sich gut an und bestätigt unser Ego.
Die Astrologie erinnert an die Homöopathie. Diese ist 200 Jahre alt und basiert auf mehreren falschen Grundlagen, wie die Wissenschaften längst entlarvt haben. Trotzdem halten die Homöopathen krampfhaft an ihnen fest. Frei nach dem Motto: Alte Weisheiten haben einen wahren Kern, der sich unserem wissenschaftlich geprägten Bewusstsein entzieht.
Auch dies ist ein Aberglaube. Was einen Grossteil der Bevölkerung aber nicht davon abhält, Globuli zu schlucken
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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